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02.05.2003

21:30 Uhr

Schwindende Hoffnung auf Überlebende

Polizeieinsatz gegen Demonstranten im Erdbebengebiet

Einen Tag nach dem Erdbeben in der überwiegend von Kurden bewohnten Provinz Bingöl ist es am Freitag zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Dabei wurde eine noch unbekannte Zahl von Menschen verletzt.

Tausende protestieren gegen die ihrer Ansicht nach zu schleppend angelaufene Beben-Hilfe, Foto: dpa

Tausende protestieren gegen die ihrer Ansicht nach zu schleppend angelaufene Beben-Hilfe, Foto: dpa

Reuters BINGÖL. Trotz schwindender Hoffnung auf Überlebende setzten Rettungskräfte unterdessen die Suche nach den Kindern fort, die bei dem Erdbeben in einer eingestürzten Schule verschüttet worden waren.

Vor dem Gouverneurspalast von Bingöl hatten sich am Morgen rund 1000 Bewohner zu einer Demonstration versammelt und über die ihrer Ansicht nach zu schleppend angelaufene Beben-Hilfe protestiert und dabei den Rücktritt des Provinzgouverneurs verlangt. Die Polizei ging mit Warn-Salven aus automatischen Waffen gegen die wütenden Demonstranten vor, die mehr Zelte und Lebensmittel für die vom Beben betroffene Bevölkerung verlangten. Später kam es nach Berichten von Augenzeugen zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und steinewerfenden Demonstranten. Die zum Teil schwarz maskierten Sicherheitskräfte setzten Schlagstöcke ein und trieben die Demonstranten mit Wasserwerfern auseinander. Bei der panikartigen Flucht gab es mehrere Verletzte.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan verteidigte den Polizei- Einsatz mit dem Hinweis, es sei lediglich in die Luft geschossen worden, und solche Einsätze seien gelegentlich notwendig, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Für die Unruhen machte er Provokateure in Bingöl verantwortlich. Erdogan widersprach auch der Kritik der Bürger an den Rettungseinsätzen. Die Helfer hätten die Situation unter Kontrolle. „Ich appelliere an die Menschen in Bingöl, ruhiger und feinfühliger zu sein“, sagte Erdogan. Bingöl war in den 1980er und 1990er Jahren ein Zentrum bewaffneter Aktionen kurdischer Separatisten.

Nach Behördenangaben sind 34 Personen in den Trümmern ums Leben gekommen, 67 Kinder wurden am Freitag noch vermisst. Rettungskräfte setzten auf der Suche nach den verschütteten Kindern nun Spürhunde ein, nachdem Hilferufe aus den Trümmern im Laufe der Nacht verstummt waren. „Da wir annehmen, dass dort noch Menschen am Leben sind, werden wir unsere Arbeit fortsetzen“, hieß es in einer Mitteilung der Leitstelle an die wartenden Familien. Unterdessen wurde der Schutt bereits mit schwerem Räumgerät abgetragen, was als Zeichen dafür gelten kann, dass faktisch kaum noch Hoffnung bestand.

In der Nacht waren allerdings weitere sechs Kinder noch lebend aus den Trümmern des einst vierstöckigen Gebäudes heraus geholt worden. Das Internat beherbergte Grundschüler aus armen Familien der umliegenden Dörfer. Viele Eltern verharrten eingehüllt in Decken vor der eingestürzten Schule. Aus Angst vor Nachbeben hatten zahlreiche Bewohner Bingöls die Nacht unter freiem Himmel oder in provisorischen Unterkünften verbracht.

Das Beben der Stärke 6,4 auf der Richter-Skala hatte die Provinz Bingöl im Südosten der Türkei am frühen Donnerstagmorgen heimgesucht. Durch das Beben wurden Gebäude in der Stadt, aber auch in umliegenden Ortschaften zerstört. Zuletzt war Bingöl 1971 von einem heftigen Erdbeben erschüttert worden, bei dem damals etwa 900 Menschen ums Leben kamen. Bei einem Erdbeben im Nordwesten der Türkei waren 1999 rund 20 000 Menschen ums Leben gekommen. Für die hohe Opferzahl waren Mängel bei der Konstruktion vieler Gebäude verantwortlich gemacht worden.

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