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11.09.2011

09:21 Uhr

Sechs Monate Fukushima

Der Alltag mit dem Geigerzähler

Vor einem halben Jahr hat die Flutkatastrophe Japan heimgesucht und das Kernkraftwerk in Fukushima zur Atomruine gemacht. Die Menschen in der Umgebung haben gelernt, mit Radioaktivität zu leben - zwangsweise.

Sonnenblumen entlang der Sperrzone rund um die verseuchte Region Fukushima. Reuters

Sonnenblumen entlang der Sperrzone rund um die verseuchte Region Fukushima.

FukushimaSeiji Sugeno nimmt den Geigerzähler in die Hand und schaut auf den Bildschirm. „Wir haben zurzeit draußen 0,86 Mikrosievert pro Stunde, seit zwei Wochen endlich unter einem Mikrosievert“. Der Biobauer im japanischen Ort Nihonmatsu, rund 50 Kilometer vom havarierten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt, lächelt angestrengt. Er weiß, dass diese radioaktiven Werte alles andere als ein Grund zum Aufatmen sind. „Wir sind verunsichert, weil wir nicht genau wissen, wie hoch die Werte bei uns im Boden sind“, sagt der 52-jährige Japaner. Der von der Regierung festgelegte Höchstwert über dem Boden liegt bei 3,8 Mikrosievert pro Stunde, doch jeder weiß, dass das hoch angesetzt ist. Schon ein Mikrosievert gilt als ziemlich hoch. „Es glaubt hier heute keiner mehr, dass die Höchstwerte der Regierung wirklich in Ordnung sind“, sagt der Bauer.

Heute, sechs Monate nach Beginn der weltweit schlimmsten Atomkatastrophe seit Tschernobyl, denken viele Menschen in der Provinz Fukushima so wie Sugeno. Tag für Tag müssen sie mit der beunruhigenden Tatsache leben, dass noch immer Radioaktivität aus dem Kernkraftwerk austritt, dass noch immer radioaktive Partikel in den angrenzenden Pazifik sickern. Nachdem die Regierung anfangs lange Zeit behauptet hatte, es habe keine Kernschmelze gegeben, musste sie sich später korrigieren. Aber wo ist der Kernbrennstoff in den betroffenen Reaktoren 1 bis drei seither geblieben? „Wir wissen es nicht“, räumt Yoshinori Moriyama, Vize-Generaldirektor bei der Atomsicherheitsbehörde ein. Kritiker werfen der Regierung und dem Atombetreiber Tepco vor, das Fiasko weiterhin herunterzuspielen.

„Es ist möglich, dass sich die geschmolzenen Brennstäbe durch den Boden der Reaktorschutzhülle und das Betonfundament durchgefressen haben und in den Untergrund gelangten“, erklärt Hiroaki Koide, Professor am Reaktorforschungsinstitut der Universität Kyoto. Dennoch betont Tepco immer wieder, bis Januar die Anlage unter Kontrolle gebracht zu haben. Doch was, wenn Experten wie Koide recht behalten?

Bauer Sugeno blickt mit ernster Miene über das Gemüse in seinem Geschäft. Er leitet eine Nichtregierungsorganisation von Bauern, die Biogemüse anpflanzen. „Die Provinzverwaltung misst für jede Gemüseart nur an wenigen Standorten. Diese Werte gelten dann für die ganze Provinz. Damit wissen wir aber immer noch nicht, welche Strahlenwerte das Gemüse auf unseren eigenen Feldern hat“, schildert Sugeno das Dilemma. In der ganzen Provinz Fukushima gebe es nur vier teure Spezialgeräte für Lebensmittel, mit denen man nicht nur Cäsium, sondern auch andere Substanzen messen könne. „Warum hat man nicht schon früher mehr Strahlenmessgeräte aus aller Welt angeschafft?“

Kommentare (1)

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CharlyW.

11.09.2011, 10:27 Uhr

Wir müssen alle mit Radioaktivität leben, immer und überall. Manche Kirche, auch manche Ausflugsziele strahlen stark. Ohne Strahlung kein Leben. Also bitte keine Panik, Fukujima war kein GAU, die Sperrzone wie Hiroshima und Nagasaki wieder bewohnbar werden.

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