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26.08.2014

20:12 Uhr

Sexualverbrechen

Massiver Kindesmissbrauch in britischer Kleinstadt

Die Zahl muss man erstmal sacken lassen: 1400 Kinder sind innerhalb kurzer Zeit in einer englischen Stadt Opfer von Sexualverbrechern geworden. Der Missbrauch hatte System. Wie konnte es so lange unentdeckt bleiben?

Ein Symbolbild soll vom Grauen des großen Missbrauchsskandals in Rotherham zeugen. dpa

Ein Symbolbild soll vom Grauen des großen Missbrauchsskandals in Rotherham zeugen.

LondonRund 1400 Kinder sind in den vergangenen 16 Jahren in der englischen Stadt Rotherham Opfer von Sexualverbrechen geworden. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung, die Fälle aus den Jahren 1997 bis 2013 aufgearbeitet hat. Die Täter hätten Mädchen und Jungen vergewaltigt, entführt, in andere nordenglische Städte gebracht, geschlagen und eingeschüchtert, sagte die Autorin des Berichts, Alexis Jay, am Dienstag.

Damit ist das Ausmaß der Missbrauchsfälle weitaus größer, als aus den bisherigen polizeilichen Ermittlungen bekannt geworden war. 2010 war eine fünfköpfige Bande mit Wurzeln in Pakistan zu langen Haftstrafen wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Der Gerichtsprozess im Jahr 2010 war der erste von mehreren größeren Verfahren, die auch Missbrauchsfälle in anderen englischen Städten wie Leeds, Derby und Oxford bekannt machten. Opfer aus Rotherham hatten ausgesagt, dass die meisten Verdächtigen aus dieser Region stammten, sagte Jay.

Elfjährige Mädchen seien von vielen Männern vergewaltigt worden. „Es ist schwer zu beschreiben, welch entsetzlichem Missbrauch diese Kinder ausgesetzt waren“, sagte Jay. Die Täter hätten Opfer mit Benzin übergossen und ihnen gedroht, sie anzuzünden. Einige Kinder hätten brutale Vergewaltigungen mitansehen müssen. Niemand kenne das wahre Ausmaß der Taten, heißt es am Ende des Berichts. „Unseren konservativen Schätzungen zufolge wurden über den gesamten untersuchten Zeitraum, von 1997 bis 2013, etwa 1400 Kinder sexuell ausgebeutet.“

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Die Untersuchung hatte die Kommunalverwaltung in Auftrag gegeben. Rotherham liegt in der nordenglischen Region South Yorkshire und hat etwa 250 000 Einwohner. Ob sich aus dem Bericht weitere strafrechtliche Ermittlungen ergeben, war zunächst unklar. Die Regierung sei fest entschlossen, diejenigen, die Kinder ausgebeutet hätten, ihrer gerechten Strafe zuzuführen, sagte ein Regierungssprecher in London.

Der Bericht wirft der Kommunalverwaltung in Rotherham krasses kollektives Versagen vor. In etwa einem Drittel der Fälle seien die Opfer bereits bei Kinderschutzeinrichtungen bekannt gewesen. Die Polizei der nordenglischen Region South Yorkshire habe den Ermittlungen keine Priorität eingeräumt und „viele der Kinder, die Opfer waren, mit Verachtung betrachtet“, sagte Jay.

Zwischen 2002 und 2006 habe es bereits drei Untersuchungen gegeben, die „in der Beschreibung der Lage in Rotherham nicht klarer hätten sein können“. Sie seien aktiv zurückgehalten oder ignoriert worden. „Das Versagen der örtlichen Behörden, das der Bericht bloßgestellt hat, ist erschreckend“, sagte der Regierungssprecher in London.

Der langjährige Ratsvorsitzende Roger Stone übernahm am Dienstag Verantwortung für das Versagen der Behörden und trat mit sofortiger Wirkung zurück. Für die anderen Mitglieder der Verwaltung sollte es vorerst keine Konsequenzen geben. Die damals Verantwortlichen arbeiteten nicht mehr für die Kommune, sagte ein leitender Beamter der Verwaltung. Abgeordnete mehrerer Parteien forderten, Verantwortliche zu entlassen.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Herr Thomas Rettner

27.08.2014, 08:21 Uhr

Ich bin fuer den Rechtsstaat und gegen die Todesstrafe. Bei solchen Artikeln wird diese Ueberzeugung jedoch an ihre Grenzen gebracht und belastet mein Rechtsverstaendis aus Aeusserste.

Ich wuensche mir eine offene Diskussion, ob Individuen, die bei solchen Dingen mitwirken noch unter dem Begriff "Mensch" klassifizert werden sollten und damit nach der Verfassung Rechte haben.

Frau Elisabeth Krail

27.08.2014, 08:42 Uhr

"„Das Versagen der örtlichen Behörden, das der Bericht bloßgestellt hat, ist erschreckend“, sagte der Regierungssprecher in London."

Das lässt die Vermutung aufkommen, dass Behördenmitglieder in diesen entsetzlichen Skandal mit verwickelt sind.
Es ist das feigste und menschenunwürdigste Verbrechen, sich an unschuldigen wehrlosen Kindern zu vergehen. Die Todesstrafe wäre das einzig Richtige für diese Verbrecher-Subjekte.

Frau Gisela Koch

27.08.2014, 10:52 Uhr

Das ist nur die Spitze eines Riesen-Eisberges. Die britische Justiz hat ein total gestörtes Verhältnis zu Kinderschändern - vermutlich aus finanziellen Gründen. Im Fall Jimmy Savil - dem "superbeliebten" Fernsehmoderator wurde der Fall erst nach seinem Tod ermittelt.
Wer zählt die Kinder und ihre Familien, deren Leben und Zukunft täglich in England zerstört werden. Man darf sich nicht durch die bunten Bilder der royalen Thronfolgerfamilie täuschen lassen.
Ich würde mir ebenfalls mehr Offenheit zur Offenlegung dieser Verbrechen in den Medien wünschen.

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