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17.12.2016

14:00 Uhr

Sexuelle Übergriffe

Polizei in Köln rüstet sich für Silvester

Nach der Silvesternacht vor einem Jahr will die Kölner Polizei für mehr Sicherheit sorgen. Erhöhte Präsenz und mehr Beamte sollen das Vertrauen in die Polizei wieder stärken. Ein Ortsbesuch am Kölner Ebertplatz.

Stadt und Polizei haben für die letzte Nacht des Jahres ein umfassendes Sicherheitskonzept erarbeitet. dpa

Polizei präsentiert Vorbereitungen für Silvester

Stadt und Polizei haben für die letzte Nacht des Jahres ein umfassendes Sicherheitskonzept erarbeitet.

KölnFreitagabend, kurz vor 21 Uhr am Ebertplatz in der Kölner Innenstadt. Zu dieser Zeit treffen sich hier auch Drogendealer und andere zwielichtige Gestalten, lungern rum, treiben illegale Geschäfte. Genau das will die Polizei unterbinden – durch erhöhte Präsenz: Plötzlich rasen vier Mannschaftswagen, voll besetzt mit Beamten, auf den Platz zu. Junge Männer schrecken hoch, setzen zur Flucht an. Doch sie sind umzingelt, keine Möglichkeit abzuhauen.

In einer dunklen Ecke, die nach Urin und Fäkalien stinkt, tastet ein Polizist wenig später einen der Männer ab. Der junge Mann muss seine Jacke ablegen. „Hier kommt gleich ein Hund vorbei, wenn der keine Freudensprünge macht, können Sie gehen“, sagt einer der Beamten zu ihm. Bei einem anderen werden geringe Mengen einer illegalen Substanz gefunden. Der Mann wird im Streifenwagen abgeführt.

Knapp ein Jahr zuvor kam es nicht weit vom Ebertplatz entfernt zu massenhaften sexuellen Übergriffen. Rund um den Kölner Hauptbahnhof wurden Frauen bestohlen, bedrängt, angefasst. Die Polizei griff kaum ein, erschien hilflos. Kurz darauf schickte Innenminister Ralf Jäger (SPD) den damaligen Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers in den einstweiligen Ruhestand.

Die Chronologie der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

21.00 Uhr

Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr

Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr

Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr

Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr

Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr

Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut. Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr

Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr

In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

02. Januar, 17.00 Uhr

Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.

Sein Nachfolger Jürgen Mathies bemüht sich seitdem, das Vertrauen der Bürger in die Polizei wieder herzustellen. „So etwas darf sich nicht wiederholen und deshalb werden wir als Polizei alles daran setzen, dass die Menschen den Ausklang des Jahres 2016 friedlich und sicher auf den Kölner Straßen und Plätzen feiern können“, sagte Mathies am Montag. Für die Stadt Köln, beliebtes Ziel für Millionen Touristen, gilt es auch, einen enormen Imageschaden zu beheben.

1500 Beamte der Landespolizei sollen in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar 2017 in Köln eingesetzt werden, so das Konzept von Polizei und Stadt, das am Montag vorgestellt wurde. Das sind etwa zehn Mal so viele Beamte wie im vergangenen Jahr. Auch die Bundespolizei und die Stadt Köln stocken ihre Personal deutlich auf.

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Hamburg hat seit Montag einen gepanzerten Transporter für die Polizei. Andere Bundesländer wollen angesichts der Terrorgefahr nachziehen. Für die Waffenindustrie eröffnet das einen ganz neuen Markt.

Schon jetzt ist die Polizei in Köln sichtbarer als früher. Das zeigt auch der Einsatz am Freitagabend am Ebertplatz. „Unsere Präsenzkräfte sind hauptsächlich in der Innenstadt unterwegs und fahren verstärkt Streife“, sagt Polizeisprecher Benedikt Kleimann. „Seit wir dieses Konzept anwenden, verzeichnen wir beispielsweise bei Taschendiebstählen einen Rückgang von über 20 Prozent.“ Zwischen Januar und August 2016 gab es in Köln zudem rund 23 Prozent weniger registrierte Einbrüche, in ganz Nordrhein-Westfalen liegt der Rückgang bei vier Prozent.

Von

dpa

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