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05.07.2015

09:58 Uhr

„Smart Cities“ gegen Überbevölkerung

Indiens Utopie der perfekten Retortenstadt

VonMathias Peer

Indiens Großstädte drohen unter der Last des Bevölkerungswachstums im Chaos zu versinken. Premier Modi will nun Milliardensummen in den Neubau intelligenter Städte stecken – und macht ein utopisches Versprechen.

Gleich mehrere Projekte für „Smart Cities“ sollen das Problem der übervölkerten Städte in Indien lösen. Reuters

Modellmetropole im Nichts

Gleich mehrere Projekte für „Smart Cities“ sollen das Problem der übervölkerten Städte in Indien lösen.

BangkokWenn es um seinen neuen Amtssitz geht, schreckt der Regierungschef des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh nicht vor großen Ansagen zurück: Die neue Hauptstadt Amaravati, die er derzeit auf einer 7 000 Quadratkilometer großen Grünfläche errichten lässt, werde sogar besser sein als Singapur, erklärte N. Chandrababu Naidu bei der Grundsteinlegung Anfang Juni. Dieses Vorhaben als ambitioniert zu bezeichnen ist wohl eine Untertreibung: Während Singapur bekannt ist für eine perfekte Infrastruktur und ein makelloses Stadtbild, gehören für die Bewohner indischer Großstädte regelmäßige Stromausfälle, endlose Staus, vermüllte Straßen und gelegentlich auch Kühe auf dem Gehweg zum Alltag.

Ganz unbegründet ist Naidus Hoffnung aber nicht, dass sich das in der geplanten Retortenstadt Amaravati ändern wird: Immerhin beauftragte er Singapurs Regierung damit, den Masterplan für die Metropole zu entwerfen, die in fünf Jahren fertiggestellt sein soll. Die Experten aus Singapur sind für weite Teile der Stadtentwicklung allein verantwortlich. Diese Woche reisten sie an, um die Wasserversorgung zu planen. Künftig sollen sie sogar die Beamten der Stadt ausbilden. Die Singapurer werden ihm eine Weltklassemetropole errichten, da ist sich Naidu sicher.

Indien in Zahlen

Bruttoinlandsprodukt

1,877 Milliarden US-Dollar: Indien gehört neben Russland und China zu den drei größten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2013/2014 laut Auswärtigem Amt bei 1.229 US-Dollar.

Wirtschaftswachstum

6,8 Prozent im Jahr 2014: Die Wirtschaft ist weitgehend liberalisiert und das Wachstum seit Jahren auf recht hohem Niveau. Der Export stieg im Jahr 2012 um 20 Prozent.

Handelsvolumen mit Deutschland

16.1 Milliarden Euro: Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Der deutsche Handelsüberschuss lag 2012/13 bei 3,4 Milliarden Euro. Der Warenwert der Exporte nach Deutschland lag bei gut 9 Milliarden.

Kredite

1 Milliarde Euro Kredit kamen im Jahr 2013 allein aus Deutschland. Vorgesehen sind sie für Investitionen in erneuerbare Energien und andere nachhaltige Projekte der Energieeffizienz.

Migration

3.000 zu 45.000: Laut Auswärtigem Amt sind ca. 3.000 Deutsche in Indien ansässig, arbeiten in der Wirtschaft, im Bildungswesen, in Kultur und Missionen. Deutlich mehr Inder zieht es nach Deutschland; rund 45.000 leben in der BRD.

Einwohner

1,2 Milliarden: Die Gesellschaft höchst gegensätzlich: fortschrittsorientiert und traditionell, arm und reich.

Armut

820 Millionen in Armut: Davon gelten laut Weltbank fast 35 Prozent als absolut arm. Armuts- und Wirtschaftswachstum scheinen in Indien Hand in Hand zu gehen. In keinem anderen Land leben mehr Menschen in absoluter Armut, es sind mehr als in ganz Afrika. Sozialprogramme der Regierung greifen nur bedingt.

Landesfläche

3.287.000 Quadratkilometer: Das entspricht gut neunmal der Fläche Deutschlands.

Er ist in Indien nicht der einzige Politiker, der gerade mit einer gewissen Euphorie auf ein Ende des indischen Großstadtchaos hofft. Allen voran geht Premierminister Narendra Modi, der am Donnerstag den offiziellen Startschuss für eines der ehrgeizigsten Projekte seiner bisherigen Amtszeit gab: 100 sogenannte Smart Citys will der Regierungschef auf dem Subkontinent etablieren und stellt dafür Finanzmittel von umgerechnet fast sieben Milliarden Euro verteilt über einen Fünfjahreszeitraum bereit. „Regierungen sollten die Urbanisierung als eine Chance für mehr Wachstum sehen“, sagte Modi bei seiner Präsentation vor 500 Bürgermeistern. Seine Initiative sei ein erster Schritt in diese Richtung.

Der Handlungsbedarf ist enorm: Nach Prognosen der Vereinten Nationen werden bis zum Jahr 2050 rund 400 Millionen Inder vom Land in die Städte ziehen. Jeden Monat wächst die Stadtbevölkerung damit im Schnitt um eine Million Menschen. Schon jetzt fehlt es in vielen indischen Metropolen an allen Enden, um die Menschenmassen zu versorgen: Der öffentliche Nahverkehr in Städten wie Mumbai ist zu Stoßzeiten heillos überfüllt, ganze Viertel sind vom Abwassersystem abgeschnitten, das Elektrizitätsnetz bricht immer häufiger unter der hohen Stromnachfrage zusammen.

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Indien will China als Werkbank der Welt ablösen. Auf seiner Werbetour um die Welt schaut Premier Modi bei der Hannover Messe vorbei. Im Gepäck sein Reformprogramm für die Infrastruktur „Smart Cities“: Es soll Investoren ins Land locken.

Modi will nun jene Gegenden zu seinen Leuchtturmmetropolen formen, die mit den Herausforderungen bereits jetzt vergleichsweise gut zurechtkommen: Ein Wettbewerb unter den urbanen Zentren soll entscheiden, wer zur Smart City auserkoren wird. Kriterien sind beispielsweise Fortschritte bei der Sanitärversorgung oder die Einführung von E-Government-Systemen. „Die Entscheidung liegt nicht bei der Regierung, sondern bei den Kommunen selbst“, sagte Modi.

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