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10.04.2011

16:18 Uhr

Spaniens "Piropos"

Das Ende eines Macho-Brauchs

Die "Piropos" sind Komplimente, die Männer einer fremden Frau zurufen. Sie gelten als eine Eigenart Spaniens und der spanischsprachigen Welt. In letzter Zeit ist dieser Brauch jedoch auf dem Rückzug.

Frauen in Shorts spazieren am über eine sommerliche Straße. Quelle: dpa

Frauen in Shorts spazieren am über eine sommerliche Straße.

Madrid„Oh, wie schön Du bist!“ Manche Frauen in Spanien freuen sich darüber, wenn wildfremde Männer ihnen auf der Straße solche Komplimente zurufen. Aber viele Spanierinnen empfinden diese Zurufe auch als unangebracht und lästig. Die galanten Sprüche werden in Spanien „Piropos“ genannt und sind seit Jahrzehnten eine Eigenart des Landes wie auch anderer Staaten der spanischsprachigen Welt.

In letzter Zeit sind sie jedoch stark auf dem Rückzug - und kaum jemand weint diesem Brauch eine Träne nach. Dass auf spanischen Straßen immer seltener „Piropos“ zu hören sind, liegt nicht so sehr daran, dass die Männer die Kunst schmeichelnder Bemerkungen verlernt hätten. Im Baskenland fand erst kürzlich noch ein „Piropo“-Wettbewerb statt. Aber die Sprüche finden bei den Spanierinnen eben immer weniger Anklang.

„Mit sexistischen Ausdrücken ist man heute sehr viel vorsichtiger als vor 20 Jahren“, sagte Nina Infante vom Feministischen Forum der Zeitung „El País“. „Dies ist ein Wandel zum Positiven.“ Die „Piropos“ können auf der einen Seite kunstvoll und witzig sein. Überliefert ist zum Beispiel: „Jetzt können sogar die Statuen laufen.“ Andere Sprüche sind anzüglich („Was für Kurven! Und ich ohne Bremsen!“) oder einfach nur vulgär („Was für ein Hintern!“).

Die Kommentare sind im Grunde nicht ernst gemeint. Der Mann verfolgt mit dem Zuruf nicht die Absicht, mit der vorbeigehenden Frau anzubandeln. Die Spanierinnen wissen dies. Sie setzen normalerweise, ohne ein Wort zu sagen, ihren Weg fort. Wenn ihnen ein „Piropo“ besonders gefällt, berichten sie davon später einer Freundin.

Spanien-Touristinnen erhalten in Reiseführern den Rat, die Bemerkungen zu ignorieren und mit ungerührter Miene weiterzugehen.

Im Normalfall erwartet der Spanier auch keine Antwort. Denn häufig ist ein Kompliment streng genommen gar nicht für die vorbeigehende Frau bestimmt. In der Regel ruft ein Mann, der allein unterwegs ist, einer Frau keine Schmeicheleien zu. Die „Piropos“ kommen normalerweise aus einer Gruppe von Männern. Der Rufende will mit seinem Spruch nicht so sehr bei der fremden Passantin Eindruck schinden, sondern vor allem bei seinen Kollegen oder Freunden.

Dass die Schmeicheleien bei den Spanierinnen nicht mehr so ankommen wie früher, hat damit zu tun, dass sich auch in Spanien die Rolle der Frau geändert hat. Bei den „Piropos“ gilt dagegen noch das alte Rollenbild: Der Mann ist aktiv, die Frau passiv. „Außerdem geht es in diesen Sprüchen immer nur um das Aussehen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Esther Forgas. „Äußerliche Werte werden übertrieben und die Frau zum Gegenstand herabgewürdigt.“

Von

dpa

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