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26.07.2013

20:26 Uhr

Spanische Eisenbahnbehörde

Lokführer des Unglückszugs bremste offenbar zu spät

Der spanische Unglückszug ist nach bisherigen Erkenntnissen viel zu schnell gefahren. Doch warum? Eine Behörde macht nun den Lokführer verantwortlich. Medien zufolge hat er am Freitag seine Aussage verweigert.

Der Zug raste 110 Km/h zu schnell in die Kurve. dpa

Der Zug raste 110 Km/h zu schnell in die Kurve.

Santiago de CompostelaNach dem verheerenden Zugunglück in Spanien mit 78 Toten ist der Lokführer inzwischen dramatisch in Erklärungsnot geraten. Der Eisenbahner hätte den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unfallstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen, wie der Präsident der Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif, Gonzalo Ferre, am Freitag der spanischen Nachrichtenagentur EFE sagte.

Die Polizei hatte zuvor Francisco José Garzón bereits unter dem Vorwurf der Fahrlässigkeit noch im Krankenhausbett festgenommen. Medienberichten vom Freitagabend zufolge lag Garzón noch im Krankenhaus unter Polizeiaufsicht und verweigerte am Freitag seine Aussage. Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr der 52-Jährige am Mittwochabend seinen Zug in einer Tempo-80-Zone mit 190 Kilometern pro Stunde ins Unglück.

Garzón, der beim Unfall mit einer Kopfverletzung davongekommen war, sei bereits am Donnerstag festgenommen worden, sagte der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias. Er werde „einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück“ verdächtigt und solle bald als Beschuldigter aussagen. Einem Bericht der Zeitung „El Mundo“ zufolge soll Garzón kurz nach dem Unglück gesagt haben: „Ich habe es vermasselt, ich möchte sterben.“ Laut Medien hat der Lokführer eingeräumt, viel zu schnell gefahren zu sein. Den Grund dafür nannte er demnach noch nicht.

Spanien

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Neben der Vernehmung des Lokführers soll die Auswertung des Fahrtenschreibers den Ermittlern Aufschlüsse zur Klärung des schwersten Eisenbahnunglücks in Spanien seit mehr als 40 Jahren geben. Ferre betonte, alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, für den Fall eines Systemausfalls verfüge der Lokführer aber über einen genauen Plan mit allen Anweisungen. Behördenchef Ferre sagte: „Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier.“

Die Polizei korrigierte die Zahl der Toten inzwischen nach unten. „Wir haben bisher 78 Leichen“, hieß es. Zwei seien offenbar zunächst doppelt gezählt worden. Unter den Todesopfern sind nach amtlichen Angaben fünf Ausländer: ein US-Bürger, eine Dominikanerin, eine Mexikanerin, ein Kolumbianer sowie ein Mensch aus Algerien. Sieben Opfer waren am Freitag noch nicht identifiziert. Wie Galiciens Regionalbehörden mitteilten, wurden 178 Fahrgäste verletzt. Der Zustand von 32 Menschen war am Freitag nach amtlichen Angaben noch kritisch.

Kommentare (3)

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Rainer_J

26.07.2013, 19:56 Uhr

Mag ja sein, dass er (wahrscheinlich nicht das erste mal) an dieser Stelle zu schnell war. Trotzdem muss untersucht werden, ob es nicht eine zweite Schwachstelle gab und/oder ein Anschlag vorliegt. Nur Geschwindigkeit ist mir hier viel zu schnell der Grund. Das ist mehr als unseriöse Berichterstattung. Es grenzt an Manipulation, wenn man so frühzeitig damit zugemüllt wird.

Sven_Heydecke

26.07.2013, 20:41 Uhr

… und das Sicherungssystem, welches die Handlungen des Triebfahrzeugführers (Tf) überwacht – gerade an diesem Gefahrenpunkt, Übergang von der SFS direkt in einen engen Bogen – ist nicht existent. Dabei sind derartige Sicherungssysteme keine neue Erfindung, sondern bereits seit Jahrzehnten (!) anerkannter Stand der Technik. Und dazu braucht es auch nicht das ERTMS mit seinem unmittelbaren Zugbeeinflussungssystem ETCS. Sowas gibt es bspw. in Deutschland in Form sog. Geschwindigkeitsprüfabschnitte (GPA), die noch nicht mal ein ortsfestes Lichtsignal benötigen, sondern gerade einmal drei Indusi/PZB-Schwingkreise (vulgo »Magneten«) und zwei Signaltafeln.

Mit Pech wird es in Spanien so kommen wie in Deutschland schon mehrfach geschehen: Dem Tf wird die gesamte Schuld in die Schuhe geschoben und das Organversagen der Infrastrukturplanung und des -betriebs bleibt juristisch ungewürdigt.

Mir tun die 80 völlig unnötig ums Leben Gekommenen und v.a. ihre Angehörigen angsichts dieser organisierten Schlamperei unendlich leid.

Sapere_aude

27.07.2013, 10:12 Uhr

Sehr richtiger, kluger und offensichtlich auch fachlich kompetenter Kommentar!
Ich möchte die Worte meines Vor-Kommentatoren unterstreichen.

Es wäre schlicht ungerecht, die Verantwortung für das Zugunglück gänzlich und allein am Lokführer abzuwälzen.
Systemische Ursachen von Betriebsstörungen bzw. Betriebsunfällen dieser Größenordnung kann man gerechter Weise nicht allein an den unteren Gliedern der Hierarchieebene dingfest machen, sondern dort, wo das System gesteuert und vor allem dort, wo es entworfen, überwacht und aufrechterhalten wird.

So gesehen handelt es sich bei diesem Vorfall um ein klassisches moralisches Problem des Zusammenwirkens eines Betriebsversagens (systemisch) und eines menschlichen Versagens (individuell), sofern letzteres überhaupt vorliegt.

Ich hoffe sehr, dass den Lokführer nicht die gesamte Wucht medialer Aufwiegelung, Empörung und politischer Ablenkungsmanöver trifft.

Mir tun die Opfer, die Verletzten und ihre Angehörigen leid, und ich fühle das Leid um den gesamten Vorfall nach.
Dieses Mitempfinden aber schließt ausdrücklich auch den Lokführer ein.
Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

Und wie immer gilt:
Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein.

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