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02.02.2005

13:00 Uhr

Spaß auch ohne Klamauk und Abfeiern

Närrische Zeit ist Fest für die Seele

An Karneval ist wieder fast alles erlaubt. Dann darf der Vorstandsvorsitzende wieder seinen Designer-Anzug gegen ein schlabbriges Matrosen-Outfit eintauschen und das Mauerblümchen plötzlich hemmungslos grölen und flirten.

HB KÖLN. „Karneval ist eine Spielwiese für uns Erwachsene und bietet uns die Chance, bestimmten Sehnsüchten nachzugehen“, sagt der Kölner Karnevalist und Psychotherapeut Wolfgang Oelsner. „Es ist ein bisschen so wie im Urlaub: Wir verhalten uns anders als sonst, ohne die Konsequenzen der Realität fürchten zu müssen.“ Als Autor vieler Bücher hat sich Oelsner den Titel „Karnevalsphilosoph“ erschrieben. Sein Credo: „Karneval ist ein Fest für die Seele.“

Allerdings ist das reine „Abfeiern als Party“ für den Mitinitiator der stets ausverkauften „Flüstersitzung“ kein echter Karneval. „Ein permanentes Anheizen, rauf auf die Stühle, runter von den Stühlen, Mitklatschen, Mitsingen - das alles ermüdet doch am Ende nur“, sagt der 55-Jährige. In seiner „Flüstersitzung“ auf der Kölner „Flora“- Bühne, die jedes Jahr nur einmal veranstaltet wird, sind Stimmungszwang und Dauer-Tusch unbekannt. Es gibt viel Musik, aber wenig Verstärker, viel Witz, aber wenig Klamauk, dafür auch mal melancholische oder nachdenkliche Töne.

Dem Publikum gefällt es. „Ich mag es etwas ruhiger und nostalgischer“, sagt ein gut gelaunter Clown, der seit Beginn der „Flüstersitzung“ vor sechs Jahren keine einzige ausgelassen hat. Auch seine Begleiterin - als „4711“-Flasche unterwegs - betont: „Wenn man einmal hier gewesen ist, muss man einfach immer wiederkommen.“ Ein guter Kontrast zu all den „Comedy-und Blödel-Shows“, kommentiert ein anderer Kölner Jeck. Der Erlös wird für einen guten Zweck gespendet.

Wer den tollen Tagen den Rücken kehrt, der verpasst was, ist Oelsner überzeugt. „Der Rausch, das Sich-Wegschmeißen-Können, das enthemmte Singen und zwanglose Flirten, das alles muss auch mal sein.“ Konsequente Karnevalsverweigerer sind ihm fast suspekt. „Viele fliehen geradezu zwanghaft vor dem Fest. Sie hassen die Nähe im Straßenkarneval, das schnelle Duzen, das Anfassen - und klären das intellektuell mit sich ab, indem sie die Nase rümpfen über die anderen und das Ganze als billig abtun“, erläutert der Psychotherapeut.

Bei allem Frohsinn und aller Enthemmung kommt es doch auch immer auf die richtige Dosis an, sagt Oelsner. „Da das Fest sehr schnell Kulturgrenzen fallen lässt, sollte man in einer Gemeinschaft feiern, die die Rituale kennt“, rät der Experte. „Dann kann so ein Volksfest Kraft geben.“ Auch Tabuthemen wie der Tod würden über das karnevalistische Liedgut „entkleidet“, etwa bei Titeln wie „Mein letztes Stündlein hat geschlagen“.

Eine „gepflegte Sauerei“ gehört ebenso zum Humor wie das Lachen über sich selbst. Das weiß auch Diakon Willibert Pauels, der als „Bergischer Jong“ in der „Flüstersitzung“ tosenden Applaus erhält. Spitzfindig zieht er über Honecker her, über Kanzler Schröder oder unzufriedene Ostdeutsche, die sich DDR und Sozialismus zurückwünschen. Doch am Ende einer „Tiernummer“ bemerkt der Theologe selbstkritisch und trocken: „Dafür hab' ich also studiert, datt ich hier nu mit Socken und Salatschüssel auf'm Kopp in der Flora steh'.“

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