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11.12.2013

13:17 Uhr

Speisekarte durchforstet

Kein Haifisch mehr für Chinas Kommunisten

VonFinn Mayer-Kuckuk

Chinas Präsident Xi streicht den kommunistischen Funktionären bei Festgelagen teure Wildtiere wie Schwalben, Bärentatzen oder Seepferdchen von der Speiseliste. Der Vorstoß ist allerdings politisch motiviert.

Haifischflossen und diverse Produkte, die daraus hergestellt wurden: Sie gelten als Delikatessen, schmecken in der Suppe meist allerdings so wie gekochte Schwämme. dpa - picture-alliance

Haifischflossen und diverse Produkte, die daraus hergestellt wurden: Sie gelten als Delikatessen, schmecken in der Suppe meist allerdings so wie gekochte Schwämme.

PekingSelten bekommt Chinas Führungsriege Applaus von Umweltgruppen, diesmal erntet die neueste Idee des chinesischen Präsidenten Xi Jinping aber Lob von den Aktivisten: Auf staatlichen Banketten sind ab sofort sowohl Schwalbennester als auch Haifischflossen verboten. Wegen der Beliebtheit solcher Gerichte bei der chinesische Oberklasse droht derzeit die Ausrottung einer ganze Reihe von Arten.

„Die Entscheidung ist super. Sie hilft der Umwelt gleich mehrfach“, sagt Mathew Durmin, ein örtlicher Vertreter des Umweltverbands The Nature Conservancy, einer amerikanischen Partnerorganisation des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). „Eine solche Entscheidung auf höchster Ebene hat in China erhebliche Signalwirkung.“

Der deutsch-chinesische Handel

Exporte

Die deutschen Exporte nach China haben sich seit 2000 versiebenfacht. Wurden damals lediglich Waren im Wert von 9,5 Milliarden Euro in die Volksrepublik geliefert, so stieg der Wert 2012 schon auf knapp 67 Milliarden Euro. Damit gehört China zu den fünf wichtigsten Kunden der Exportnation Deutschland. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK) geht davon aus, dass China ab 2023 zur Nummer eins aufsteigt - noch vor Frankreich und den USA. "Wir steuern auf einen Epochenwechsel zu", sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Für Unternehmen wie Audi ist China bereits der wichtigste Absatzmarkt. Exportschlager sind Maschinen, gefolgt von Fahrzeugen und chemischen Produkten.

Importe

Umgekehrt schickt sich die Volksrepublik an, zum wichtigsten Lieferanten Deutschlands zu werden. Die Chinesen schickten 2012 Waren im Wert von 77,3 Milliarden Euro hierher und damit etwa viermal so viel wie 2000. Nach den Niederlanden belegt China damit Platz zwei. Vor allem Computer, Handys und Elektronik liefert der Exportweltmeister nach Deutschland. Weitere Verkaufsschlager sind Bekleidung und elektrische Ausrüstungen.

Investitionen

Mehr als 26,5 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen bislang in China investiert. Etwa 4000 Firmen sind derzeit in der Volksrepublik aktiv. Allein 2012 stiegen die deutschen Investitionen in China nach Angaben des dortigen Handelsministeriums um 28,5 Prozent auf 1,45 Milliarden Dollar. Umgekehrt zieht es immer mehr Chinesen nach Deutschland. 98 Unternehmen siedelten sich 2012 hierzulande neu an - China ist damit Auslandsinvestor Nummer drei, nach den USA und der Schweiz. 2000 Unternehmen sind inzwischen hier ansässig. Nach einer Umfrage der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young unter 400 großen und mittelständischen Unternehmen in China ist Deutschland in Europa das mit großem Abstand begehrteste Ziel für Investitionen und Zukäufe.

Strafzölle

China beklagt sich immer wieder über Strafzölle, die die EU-Kommission gegen Produkte aus der Volksrepublik verhängt. Jüngster Fall ist der Streit um Importe billiger Solaranlagen. Die EU-Kommission will Strafzölle von 47 Prozent auf Solarmodule aus der Volksrepublik verhängen. Deutschland ist wegen der staatlichen Förderung weltweit der wichtigste Markt für die Solarindustrie. Die EU-Kommission will auch Antidumping-Ermittlungen gegen chinesische Telekommunikationsausrüster Huawei und ZTE. China wiederum will sich das nicht gefallen lassen und droht mit Gegenmaßnahmen. So werden die EU-Importe von legierten Stahlrohren geprüft, die etwa in Heißwasserspeichern und Dampfleitungen von Kraftwerken verwendet werden. Die deutsche Wirtschaft befürchtet einen Handelskrieg und will eine gütliche Einigung.

Geistiges Eigentum

Deutsche Unternehmen haben Angst vor Technologie-Raub, wenn sie sich in China niederlassen. Sie werden oft angehalten, ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem chinesischen Partner zu gründen und ihre Technologien offenzulegen. Das gilt auch für die Bewerbung um öffentliche Aufträge. Auch hier müssen sich deutsche Unternehmen oft in die Karten schauen lassen. Die Gesetzeslage in China entspricht inzwischen zwar weitgehend internationalen Standards, doch hapert es häufig mit der Durchsetzung dieser Gesetze. Da sich viele chinesische Unternehmen inzwischen selbst zu Technologieführern entwickelt haben, wächst aber das Interesse am Schutz geistigen Eigentums.

Subventionen

China macht den deutschen Unternehmen zunehmend in angestammten Feldern wie Maschinenbau und Elektrotechnik Konkurrenz. Die Volksrepublik hilft ihren Firmen, indem sie hohe Ausfallbürgschaften übernimmt und Projekte für Kunden vorfinanziert. Chinesische Staatsunternehmen machen den deutschen Unternehmen damit oft Konkurrent, vor allem auf Drittmärkten wie Afrika. Auch Umweltvorgaben werden nicht immer eingehalten.

Rohstoffe

China verärgert mit Exportbeschränkungen für Rohstoffe seine Handelspartner. So wird die Ausfuhr der "Seltene Erden" gedrosselt, die beispielsweise für Computer, Handys, Windturbinen und Batterien verwendet werden. 2011 brachen die Exporte um 58 Prozent ein. Die Volksrepublik produziert mehr als 90 Prozent des Weltmarktbedarfs. Der Streit um die Seltenen Erden beschäftigt auch die Welthandelsorganisation WTO.

Staatsaufträge

Deutsche Unternehmen beklagen immer wieder, von vielen Staatsaufträgen ausgeschlossen zu werden. Vor allem in den Provinzen gelten oftmals hohe Schwellenwerte, ab denen ausländischer Unternehmen sich an Ausschreibungen beteiligen dürfen. Das halten deutsche Wirtschaftsverbände für nicht konform mit den WTO-Regeln.

Wechselkurs

China hält den Kurs seiner Währung Yuan künstlich niedrig und verschafft sich damit Preisvorteile im internationalen Wettbewerb. Allerdings hat das Land dem Druck der Industriestaaten schon ein Stück nachgeben: Seit 2005 hat der Yuan um 25 Prozent im Vergleich zum Dollar aufgewertet. China tut das auch aus eigenem Interesse, weil damit Importe - etwa von Rohstoffen - billiger werden und die Inflation gedämpft wird.

Der Aufstieg Chinas zum Wohlstand in den vergangenen zwanzig Jahren hat ganz neue Bedrohungen für eine Reihe von Tierarten mit sich gebracht. Während der Verzehr der teuren Haifischflossensuppe früher das Privileg einer winzigen Elite war, können sich heute immer breitere Schichten die vermeintliche Delikatesse leisten.

Die Nachfrage aus China schafft so erheblichen Anreiz zur Haifischjagd: Schätzungen zufolge lassen zwischen 50 und 100 Millionen der Fische jährlich für die Suppe ihr Leben.

Einige Haiarten sind bereits im Aussterben begriffen, andere stark bedroht. Umweltschützer sind über die Art des Haifischfangs besonders erzürnt, weil das Fleisch der Tiere im Wesentlichen ungenießbar ist. Die Fischer schneiden ihnen die Flossen ab und werfen sie lebend wieder ins Wasser, wo der Tod erst nach mehreren Stunden der Qual einsetzt.

Doch trotz des Lobs der Aktivisten für den jetzigen Vorstoß: Das Hauptmotiv von Xi war nicht der Umweltschutz. Die Entscheidung war dagegen politisch motiviert. Es geht dem Präsidenten um die Beliebtheit seiner Partei: Das Volk stört sich schon lange daran, dass „die Bonzen“ auf Kosten des Steuerzahlers immer üppigere Gelage abhalten.

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