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13.01.2015

11:02 Uhr

Sprachkritik

„Lügenpresse“ ist das Unwort des Jahres

Das Wort „Lügenpresse“ wurde im Ersten Weltkrieg und von Nationalsozialisten genutzt, um unabhängige Medien pauschal zu diffamieren. Bei der Wahl zum Unwort des Jahres hängte es „Putin-Versteher“ und „Pegida“ ab.

„Lügenpresse“ – erst eines der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, nun von der islamkritischen Pegida-Bewegung. dpa

„Lügenpresse“ – erst eines der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, nun von der islamkritischen Pegida-Bewegung.

Darmstadt „Lügenpresse“ ist das „Unwort des Jahres 2014“. Das teilte die „Unwort“-Jury unter dem Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt mit. Das Schlagwort „war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“, hieß es zur Begründung.

„Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ werden Medien pauschal diffamiert“, sagte Janisch. Er verhindere so fundierte Medienkritik und leiste damit auch einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden sei, erklärte die Jury mit Blick auf den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris.

Dass vielen der Pegida-Teilnehmer diese historische Bezüge vermutlich gar nicht bewusst seien, mache ihn zu einem besonders perfiden Mittel der Drahtzieher, die das Wort bei ihren Protesten dagegen ganz gezielt einsetzten. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hatte bereits am Dienstagmorgen eine Debatte hierzu angestoßen: Wenn ein Wort diese Ächtung verdiene, dann das der Lügenpresse, erklärte er.

Es sei der völkischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts entsprungen und später zu einem der Lieblingsworte von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels geworden. Gemeint war die demokratische, nicht-nationalsozialistische Presse. „Wenn heute die Pegida-Anhänger dieses Wort durch die Innenstädte skandieren, kann man nur hoffen, dass sie nicht wissen, was sie rufen.“

Die erste Reaktion auf Steingarts Ansicht auf Facebook: „Chefpropagandist Steingart hat gesprochen.“ Der Begriff „Lügenpresse“ findet im Sozialen Netzwerk Unterstützung, ein Nutzer schreibt etwa: „So lange ihr Medien erwiesenermaßen Lügen verbreitet, kann man euch Lügenpresse nennen. Denn ihr lügt, manipuliert und hetzt an vielerlei Stellen.“

Andere begründen den Begriff mit Vorwürfen gegen Presse mit der Berichterstattung zu Russland und Ukraine-Konflikt: „Hier wurde sehr wohl und offensichtlich gelogen. Von daher kann man das ruhig sagen.“

Rund 1250 Einsendungen waren eingegangen. Für die sprachkritische Jury aus vier Sprachwissenschaftlern verschiedener Universitäten und zwei Journalisten standen oft genannte Begriffe wie „Putin-Versteher“, „Pegida“ und auch „Social Freezing“ zur Diskussion. Das Gremium entscheidet aber unabhängig und richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge. Das „Unwort des Jahres 2013“ war „Sozialtourismus“, 2012 „Opfer-Abo“.

Am häufigsten vorgeschlagen wurde der Begriff „Putin-Versteher“. Damit sind Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Ukraine-Konflikt gemeint. Da die Bezeichnung einen Eigennamen enthält, galt sie aber nicht als besonders aussichtsreich.

An zweiter Stelle stand Pegida, die Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Am dritthäufigsten genannt wurde „Social Freezing“ – ein Begriff für das Einfrieren von Eizellen, womit Frauen ihren Kinderwunsch auf unbestimmte Zeit verschieben können.

Die „Unwort“-Aktion gibt es seit 1991. Neben der unabhängigen, sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das „Wort des Jahres“. Für 2014 wurde im Dezember die Bezeichnung „Lichtgrenze“ bekanntgegeben.

Der Name stand für ein Kunstwerk in Berlin anlässlich des Festakts im vergangenen November zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Knapp 7000 weiße Ballons stiegen in den Himmel. Sie hatten den Verlauf der deutschen Teilung als Lichtgrenze nachgezeichnet.

Kommentare (28)

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Herr Kurt Siegel

13.01.2015, 10:46 Uhr

Lügenpresse trifft genau den Kern der Sache, wenn 90% redliche und gewaltfreie Bürger einer Demonstration als Nazis verunglimpft werden.

Das die Politik von Merkel krachend gescheitert ist und sie sie deshalb in Polemik flüchtet, zeigt die Tatsache, dass jetzt neue schärfere Gesetze mit heißer Nadel gestrickt werden.

Die anstehenden Wahlergebnisse in Hamburg werden Merkel deshalb noch übel aufstoßen.

Herr Uli Schwemmhuber

13.01.2015, 11:01 Uhr

Freie Presse ist wohl ein Witz! Ich würde eher sagen Merkel-Presse, es wir nur gedruckt was zum Wohle dieses
FDJ Mädels beiträgt.
Was war sie früher Sekretärin für Agitation?

Account gelöscht!

13.01.2015, 11:02 Uhr

Ein Wort ist nicht deshalb verdammenswert, weil es auch von den Nazis benutzt worden ist. So haben die Nazis z.B. das Wort "sozialistisch" sogar in ihrem Namen geführt. Deshalb ist es wohl keineswegs verboten, heute noch von sozialistischen Parteien oder politischen Konzepten zu sprechen.

Was das Wort "Lügenpresse" betrifft, gebe ich nur ein Beispiel: Wenn etwa ein ehemaliges Nachrichtenmagazin auf seiner Titelseite mit der durch nichts belegten These aufmacht, daß MH17 von "prorussischen Separatisten" mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden sei und daß Putin dafür verantwortlich sei, verdient dieses Druckerzeugnis dann nicht den Namen "Lügenpresse"?

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