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12.01.2012

14:23 Uhr

Staatsanwalt getötet

Todesschütze hüllt sich in Schweigen

Der Todesschütze, der im Dachauer Amtsgericht einen jungen Staatsanwalt erschossen hat, schweigt zu seinem Tatmotiv. Indessen entbrennt die Debatte um Sicherheitsvorkehrungen in Justizgebäuden erneut.

Ein Zettel mit der Aufschrift „In dieser Woche werden beim Amtsgericht keine weiteren Sitzungen abgehalten" hängt an der Tür des Dachauer Amtsgerichts, in dem der Transportunternehmer Rudolf U. einen 31-jährigen Staatsanwalt erschossen hat. dapd

Ein Zettel mit der Aufschrift „In dieser Woche werden beim Amtsgericht keine weiteren Sitzungen abgehalten" hängt an der Tür des Dachauer Amtsgerichts, in dem der Transportunternehmer Rudolf U. einen 31-jährigen Staatsanwalt erschossen hat.

Dachau/MünchenNach den Todesschüssen auf einen jungen Staatsanwalt im Dachauer Amtsgericht hüllt sich der Täter in beharrliches Schweigen. „Er hat bisher nichts gesagt“, sagte die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz. Der 54-jährige Transportunternehmer, der unter anderem wegen nicht bezahlter Sozialversicherungsbeiträge am Mittwoch zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden war, sei mit dem Richterspruch nicht einverstanden gewesen. Gegen den Mann sollte am Donnerstagnachmittag Haftbefehl wegen Mordes erlassen werden. Unterdessen ist die Debatte um die Sicherheit in Justizgebäuden erneut entbrannt.

„Nach unseren Erkenntnissen war es wohl so, dass er aufgebracht war, auch im Umgang mit seiner Verteidigerin. Da habe ich aber noch keine Zeugenaussagen dazu, was er genau gesagt hat“, sagte Titz. Während das Urteil verlesen wurde, habe der Mann aber wohl nicht geschimpft oder sich beschwert. Er soll dann plötzlich eine kleine Pistole gezogen und mehrere Schüsse - wahrscheinlich fünf - abgefeuert haben. Woher der Mann die Waffe des Kalibers 6,35 hatte, die er illegal besaß, ist noch unklar.

Staatsanwalt vor Gericht erschossen

Video: Staatsanwalt vor Gericht erschossen

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„Wir gehen davon aus, dass ein Schuss zumindest in Richtung der Richterbank gegangen ist“, sagte Titz. Zwei Schüsse trafen den 31-jährigen Staatsanwalt. Eine Kugel ging ins Handgelenk und dann in die Hüfte, die zweite drang an der Schulter in den Körper. Der Jurist sei trotz einer Notoperation im Krankenhaus gestorben. Die Leiche sei bereits obduziert. Details dazu wurden aber zunächst nicht bekanntgegeben.

Der junge Staatsanwalt, der erst seit einem Jahr als Ankläger im Staatsdienst beschäftigt war, lebte in München und hinterlässt eine Ehefrau. Das Paar hatte keine Kinder. „Er hatte ein ausgezeichnetes Examen und war ein hervorragender Kollege“, sagte Titz. Nun soll die Zurechnungsfähigkeit des Täters untersucht werden. „Wie immer bei Kapitalverbrechen wird es eine psychiatrische Untersuchung des Beschuldigten geben“, so die Münchner Oberstaatsanwältin.

Tödliche Anschläge bei Gericht

März 1981

In Lübeck tötet eine 30 Jahre alte Gastwirtin während einer Verhandlung im Landgericht den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter.

März 1994

Im Gericht in Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) zündet ein 39-Jähriger einen Sprengsatz, da seine Ex-Freundin ihn wegen Körperverletzung verklagt hatte. Bilanz: sieben Tote, darunter die Frau, der Richter und der Täter selbst.

Januar 1995

Ein 54-Jähriger schneidet einer Richterin im Kieler Amtsgericht die Kehle durch. Er hatte irrtümlich angenommen, sie sei für seine Sorgerechtsangelegenheit zuständig.

März 1997

Ein 39-jähriger Polizist erschießt in einem Amtsgericht in Frankfurt/Main seine Ex-Lebensgefährtin und verletzt deren Anwältin schwer.

Februar 1998

Ein Angeklagter schießt im Gerichtssaal in Aurich (Niedersachsen) einen Staatsanwalt an und erschießt sich selbst.

Mai 1998

Ein 69-Jähriger erschießt aus Rache und Hass auf die Justiz einen 52 Jahre alten Amtsrichter in dessen Dienstzimmer in Essen. Dann tötet er sich selbst.

April 2009

Im Landshuter Landgericht erschießt ein Mann seine Schwägerin und nimmt sich danach das Leben. Zwei weitere Menschen werden bei der Schießerei vor einem Sitzungssaal verletzt.

Juli 2009

Während einer Verhandlung am Dresdner Landgericht ersticht der Angeklagte eine als Zeugin geladene Ägypterin. Der Russland-Deutsche tötet die Frau aus Fremdenhass und muss lebenslang in Haft.

Derweil ist die Sicherheit bei Prozessen erneut zum Diskussionsthema geworden. Es sei nicht möglich, eine Gerichtsverhandlung vollständig vor der Öffentlichkeit abzuschotten, sagte der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. „Sozusagen in Geheimjustiz zu verhandeln, das wollen wir nicht, und diese Sicherheit werden wir nicht herstellen können.“ Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft in Bayern hält generell verstärkte Kontrollen für überzogen.

Zollbeamte, die in dem Verfahren vor dem Amtsgericht als Zeugen geladen waren, hatten den Schützen überwältigt. Im Gerichtssaal selbst seien keine Justizwachtmeister anwesend gewesen, sagte Titz. Das sei bei solchen Alltagsfällen nicht üblich.

In Dachauer Gericht: Angeklagter erschießt 31-jährigen Staatsanwalt

In Dachauer Gericht

Angeklagter erschießt 31-jährigen Staatsanwalt

Eine Bluttat im Gerichtssaal erschüttert die Justiz: Während eines Prozesses zieht ein Angeklagter plötzlich eine Waffe und schießt wild um sich. Die Schüsse treffen den jungen Staatsanwalt - er stirbt im Krankenhaus.

Generalstaatsanwalt Strötz sagte, die Sicherheit bei Prozessen werde intensiv diskutiert. Man habe ein Sicherheitskonzept erstellt. Aber „uns ist bewusst, dass wir nicht alle 250 bayerischen Justizgebäude zu Sicherheits- und Trutzburgen ausbauen können.“ Ähnlich hatte sich am Vortag Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) geäußert, die sofort an den Tatort geeilt war. Der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Hermann Benker, sagte, schon kleine Maßnahmen wie eine Abgabepflicht für Mäntel, Jacken und Taschen am Eingang würden mehr Sicherheit bringen.

In dem Gebäude in Dachau, in dem normalerweise keine Strafverfahren verhandelt werden, sollen für den Rest der Woche keine Verhandlungen mehr stattfinden. Der Umzug in das sanierte Hauptgebäude ist nach Angaben des Amtsgerichts im Internet für kommenden Montag (16. Januar) geplant.

Von

dpa

Kommentare (4)

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Thomas-Melber-Stuttgart

12.01.2012, 12:03 Uhr

Es wäre interessant, mehr zum Verfahren zu erfahren. Schließlich greift einer ja nicht wegen "Peanuts" zur Waffe.

somebody

12.01.2012, 14:17 Uhr

Egal warum jemand zur Waffe greift, es ist doch nicht zu glauben, dass man keine Zugangskontrollen einführen kann. Die Argumentation von Frau Merk ist doch viel zu engstirnig. Die Öffentlichkeit soll doch gar nicht ausgeschlossen werden. Doch die Öffentlichkeit soll beim Zutritt einfach kontrolliert werden. Die begriffe Festung und Trutzburg sind doch völlig falsch hier. Am Flughafen geht's doch auch, mit Millionen Passagieren und Angestellten pro Jahr.....kostet natürlich auch Geld. Aber was ist ein Menschenleben in Deutschland wert? Und der getötete wird nicht das letzte Opfer gewesen sein, wenn man nicht endlich reagiert.

Was-soll-das-Gehabe

12.01.2012, 14:34 Uhr

War heute selbst in einer deutschen Großstadt im Landgericht, dort wird jeder beim Zutritt kontorlliert, was ich völlig richtig finde. Letztendlich geht es darum Unbeteiligte zu schützen. Mich wundert allerdings, dass dort eine private Sicherheitsfirma im Einsatz ist, deren Mitarbeiter unbewaffnet sind. Wenn es ernst werden sollte, was niemand hofft, können die Herrschaften dann mit ihrer Trillerpfeife Angreifer zu Tode erschrecken oder Pfefferspray einsetzen. Die Herrschaften sehen auch nicht ansatzweise so aus, als dass sie im Stande wären sich tatsächlich einem Angriff in den Weg zu stellen. Mir ist es unverständlich, wieso in Deutschland nicht bewaffnete Justitzbeamte eingesetzt werden, so wie es in anderen Ländern auch der Fall ist. Es regt sich doch schließlich auch niemand auf, dass Polizeibeamte im Dienst bewaffnet sind. Im Umgang mit Straftätern und in Anbetracht des Gefährudngspotentials, finde ich es absurd eine andere Auffassung zu vertreten. Wer sich ordnungsgemäß verhält, hat doch nichts zu befürchten.

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