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26.12.2016

13:42 Uhr

Staatstrauer in Russland

Experten rätseln über Ursache für Tupolew-Asturz

Mit Blumen und Kerzen gedenken die Russen der Toten des Flugzeugabsturzes am Schwarzen Meer. Der Rumpf der Unglücksmaschine wurde gefunden. Die Suche nach weiteren Opfern und der Ursache der Katastrophe geht weiter.

Staatstrauer nach Unglück

Laut Russland kein Terror – 92 Menschen sterben bei Flugzeugabsturz

Staatstrauer nach Unglück: Laut Russland kein Terror – 92 Menschen sterben bei Flugzeugabsturz

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Sotschi/MoskauRussland trauert um die 92 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Schwarzen Meer. Am Montag haben Taucher den Rumpf der Unglücksmaschine vom Typ Tupolev Tu-154 gefunden. Wie russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf das Ministerium für Katastrophenschutz meldeten, befand er sich in 27 Metern Tiefe. Die ersten zehn geborgenen Todesopfer wurden zur Identifizierung nach Moskau geflogen, wie Vizeverteidigungsminister Pawel Popow in Sotschi sagte.

Die Passagiermaschine des russischen Verteidigungsministeriums war aus Moskau kommend nach einer Zwischenlandung in der Schwarzmeerstadt Sotschi am frühen Sonntagmorgen in Richtung Syrien gestartet. Nur zwei Minuten später verschwand sie laut den Behörden vom Radar. Sie sollte 64 Sänger des Alexandrow-Ensembles, das auch als Chor der Roten Armee bekannt ist, zu einem Konzert nach Syrien bringen. Der Armeechor sollte bei den Neujahrsfeiern auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt in Hmeimim im Westen des Landes auftreten. Auch der Leiter des Ensembles, Generalleutnant Waleri Chilalow, kam ums Leben.

Als Ursache werde technisches Versagen oder ein Pilotenfehler vermutet, sagte Transportminister Maxim Sokolow am Montag der Agentur Interfax zufolge. Ein Terroranschlag gehöre nicht zu den wahrscheinlichen Versionen.

Auf dem Meer suchten eine Armada von mehr als 40 Schiffen, fünf Hubschraubern und 3.500 Mann nach Opfern und Wrackteilen. Am Sonntag waren elf Leichen aus dem Meer geborgen worden. Die Black Box konnte bisher noch nicht gefunden werden.

Am Sitz des Chores in Moskau legten Trauernde Blumen nieder. Auf der Uferpromenade des südrussischen Ferienortes Sotschi brannten Kerzen für die Opfer.

Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprach von einer „fürchterlichen Katastrophe“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach Putin nach dem Unglück ihr Mitgefühl aus, wie die Regierung in Berlin mitteilte. Auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zeigte sich tief betroffen über den Absturz. „An diesem heiligen Tag sind meine Gedanken bei den Opfern, ihren Familien und Lieben“, sagte er am Sonntagabend in Brüssel.

Nahe Sotschi

Keine Überlebenden bei Absturz von russischem Flugzeug

Nahe Sotschi: Keine Überlebenden bei Absturz von russischem Flugzeug

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Das Alexandrow-Ensemble hat eine reiche Tradition als Soldatenchor der sowjetischen und russischen Armee. Gegründet wurde der Chor 1928 von Alexander Alexandrow (1883-1946), der 1943 auch die Nationalhymne der Sowjetunion komponierte. Über die Jahrzehnte gesellten sich zu dem Chor ein Orchester und eine Tanzgruppe. Das Repertoire umfasst etwa 2000 Werke, zu denen orthodoxe Kirchenlieder, russische Volkslieder, Märsche, aber auch Meisterwerke der Popmusik zählen. Der Chor der Roten Armee trat 1948 im besetzten Berlin auf. Die Sänger gaben weltweit Gastspiele, in Berlin gastierten sie zuletzt 2015. Im Mai 2016 übernahm der Generalleutnant Waleri Chalilow die Leitung des Alexandrow-Ensembles.

Neben den Musikern waren acht Mann Besatzung, neun Journalisten der Fernsehsender NTW, Erster Kanal und Swesda an Bord, dazu Militärs und Beamte sowie Elisaweta Glinka, Leiterin einer bekannten russischen Hilfsorganisation. Ende Oktober 2015 war ein russisches Touristenflugzeug mit 224 Menschen über der ägyptischen Sinai-Halbinsel gesprengt worden.

Russland kämpft seit Herbst 2015 im Syrien-Krieg aufseiten des Präsidenten Baschar al-Assad. Dieser sprach Putin sein Beileid aus. Der Absturz des Flugzeugs, das „gute Freunde“ an Bord hatte, habe große Trauer hervorgerufen, schrieb Assad nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Sana. Anfang Mai hatte das russische Militär den Stardirigenten Waleri Gergijew und sein Orchester zu einem Konzert in die syrische Wüstenstadt Palmyra geflogen.

Tupolew Tu-154: Einst das „Arbeitspferd“ der russischen Luftfahrt

Tupolew-Passagierflugzeuge waren lange Zeit das Rückgrat der sowjetischen Luftfahrt und auch in vielen anderen Ländern im Einsatz. Das dreistrahlige Mittelstreckenflugzeug Tupolew-154 war das größte dieser Serie. Es absolvierte seinen Jungfernflug 1968 und ging 1972 bei der staatlichen sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot in den Dienst. Die Flugzeuge ähneln in Design und Bauweise stark der Boeing 727. Insgesamt wurden mehr als 950 TU-154 ausgeliefert.

Heute fliegen Maschinen diesen Typs in Russland nicht mehr im regulären Passagierbetrieb, sie werden nur noch von staatlichen Organisationen und der Armee eingesetzt. Nach mehreren Unfällen mit den veralteten Jets ordneten die russischen Behörden 2011 die allmähliche Ausmusterung aller Tu-154 im Passagierverkehr an. Im Jahr zuvor, am 10. April 2010, war die polnische Präsidentenmaschine beim Landeanflug auf die russische Stadt Smolensk in dichtem Nebel abgestürzt. Unter den 96 Todesopfern an Bord der Tu-154 war auch Polens Präsident Lech Kaczynski.

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