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28.12.2012

16:01 Uhr

Stagnierender Umsatz

China dominiert das Geschäft mit den Böllern

Nur an drei Tagen im Jahr dürfen die Feuerwerkshändler ihre großen Knallkörper verkaufen. Trotzdem machen sie einen Umsatz von 115 Millionen Euro. Nun drängen die chinesischen Hersteller auf den deutschen Markt.

Illegale Feuerwerkskörper, die vom Zoll sichergestellt wurden. dpa

Illegale Feuerwerkskörper, die vom Zoll sichergestellt wurden.

Düsseldorf/BerlinVon wegen Weltpremiere des „Hobbits“ oder Verkaufsstart des neuen Apple-Flagschiffs: In Deutschland haben in der Nacht zu Freitag hunderte Menschen in Schlangen bis zu sechs Stunden in der Kälte ausgeharrt. Alles, damit es es Silvester richtig kracht: Die Feierfreudigen warteten vor den Verkaufsstellen für Silvesterböller, etwa vor den Türen der Firma Weco bei Bonn, die direkt ab Lager verkauft.

Der Umsatz der Branche werde wohl wie im Vorjahr bei rund 115 Millionen Euro stagnieren, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Pyrotechnischen Industrie VPI, Klaus Gotzen. Im Trend liegen demnach wie auch zum Jahreswechsel 2011/2012 die Batterien. Sie machen mittlerweile 25 bis 30 Prozent des Umsatzes aus.

Doch der Ausdruck „China-Kracher“ kommt nicht von ungefähr. Die Branche hat längst massive Konkurrenz aus Fernost. Das Geschäft wird von den Fabriken in der Volksrepublik dominiert. Die Stadt Liuyang in der südchinesischen Provinz Hunan etwa darf sich mit ihren zahlreichen Böller-Betrieben sogar offiziell „Welthauptstadt des Feuerwerks“ nennen.

Was man mit dem Böller-Geld auch machen könnte

Teure Ballerei

Laut offiziellen Schätzungen geben die Deutschen dieses Jahr vermutlich wieder 115 Millionen Euro für Böller und Raketen aus. Das ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, schließlich fehlen die Ausgaben für geschmuggelte Ware und die Summe, die bei großen öffentlichen Events für das Feuerwerk ausgegeben wird. Dennoch: Allein schon mit 115 Millionen Euro könnten die Deutschen ganz anderes anstellen…

Ein neues Auto

Einen Golf VI mit durchschnittlicher Motorisierung und Ausstattung gefällig? Für 115 Millionen Euro könnten Sie sich rund 5700 davon leisten.

Lieber rauchen?

Wenn das Geld ohnehin in Rauch aufgeht, können Sie sich davon auch Zigaretten holen. Für die Böller könnten sich die Deutschen genauso mehr als 25 Millionen Schachteln Zigaretten kaufen. Oder lieber versaufen? Mehr als zehn Millionen Kästen Bier wären auch drin.

Tiger retten

Für 115 Millionen Euro könnte man fast vier Milliarden Quadratmeter naturnahen Wald in der Zentralannamitischen Kette wiederaufforsten. Das hilft den hier noch lebenden Tigern, wieder zwischen einzelnen Teilpopulationen zu wandern und sich auszubreiten.

Gemüse haltbar machen

Auch die Welthungerhilfe könnte die Spenden gut gebrauchen. Für 115 Millionen Euro könnte man in Afrika mehr als 16 Millionen Frauen beibringen, wie sie Gemüse und Obst haltbar machen können.

Waldschütz ausrüsten

Statt ihr Geld in Böller zu investieren könnten die Deutschen auch 869.230 Feldausrüstung eines Wildhüters in Südamerika kaufen. Sie besteht aus wetterfester Kleidung, Schuhwerk, Zelt und Schlafsack. Die Wildhüter decken illegalen Holzeinschlag auf und schützen die Grenzen der Schutzgebiete.

Kätzchen retten

Für 115 Millionen Euro könnten die Deutschen auch die Schutzgebühren für zwei Millionen Kätzchen bezahlen und sie so aus den Tierheimen holen.

Schulgebühren für Mädchen

Ein ganzes Jahr lang zur Schule gehen in Simbabwe: Mit 115 Millionen Euro lassen sich Schulgebühren für knapp fünf Millionen Mädchen finanzieren, um diesen bessere Zukunftschancen zu sichern.

Klassenzimmer

Vieles, was für den deutschen Nachwuchs eine Selbstverständlichkeit ist, hat für die Altersgenossen in Burundi Seltenheitswert. Dazu gehört, in ländlichen Regionen zur Schule gehen zu können. Mit 115 Millionen Euro lassen sich dort fast 200.000 Klassenzimmer einrichten, komplett mit Tischen, Stühlen, Tafel und Büchern. Bis zu 50 Jugendliche können so zu Fachkräften ausgebildet werden.

Stille Örtchen

Mehr als drei Millionen Latrinen - damit lassen sich zwar nicht alle Sorgen runterspülen, doch ersparen stille Örtchen in Flüchtlingslagern viel Kummer - denn bessere Hygiene vermeidet Epidemien.

Feuerwerkskörper produziert kaum noch eine deutsche Firma selbst. Der Großteil der europäischen Unternehmen ist aus dem Markt gedrängt oder beschränkt sich mittlerweile allein auf den Handel, etwa die deutschen Anbieter Comet aus Bremerhaven und Keller aus Wattenscheid. Allein der Nordrhein-Westfale Weco ist übrig geblieben - als nach eigenen Angaben weltweit einziger Massenhersteller von Knallern und Böllern außerhalb von China.

Und auch Weco lässt immerhin 60 Prozent in China produzieren. Laut der „Welt“ soll dieser Anteil aber wieder wachsen.

Außerdem schwierig für die Branche: Der Verkauf von Krachern, Raketen und Böller-Batterien ist hierzulande streng reglementiert. Feuerwerk darf in Deutschland frühestens nach drei Sekunden in die Luft gehen. Rund 36 Prozent aller Feuerwerksartikel sind an dieser und den weiteren Zulassungshürden der BAM gescheitert. Forscher überprüfen zudem die Sicherheit von Verpackung, Anzündmittel und die Eigenschaften der Knallkörper vor, während und nach der Explosion.

Kommentare (12)

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Wolfsfreund

28.12.2012, 16:17 Uhr

Diese Tierquälerei (Haus- und Wildtiere leiden enorm unter der Ballerei) gehört grundsätzlich verboten!

Karandasch

28.12.2012, 16:47 Uhr

@Wofsfreund - Gibt es bei Ihnen überhaupt Wölfe? Bei uns schon...die leben auf ehemaligen Tagebauflächen und Truppenübungsplätzen- ich glaube da wird eher nicht geballert - kenne hier Keinen der einfach so Böller in den Wald wirft -Haustiere kann man entsprechend schützen ( Wohnung,Stall etc.), wenn man selbst Haustiere hat unterläßt man es eben...Übrigens fühlen sich die Wildtiere hier in der Gegend durch die Anwesenheit der Wölfe durchweg mehr in ihrem bisherigen " ruhigen " Dasein gestört als durch die Ballerei zum Jahreswechsel(das ist aber eine andere Sache)--aber das ist so typisch für D.- am Besten alles verbieten ...Autofahren, im Wald spazieren, überhaupt in der Nacht Licht anmachen etc.gehört auch verboten ( Wildtiere leiden enorm unter dem Fahrzeugverkehr und werden durch uns Pilzesammler auch gestört).Und wie schade um die Fichten , die als Weihnachtsbäume enden...abholzen verbieten....
Unsinn---das ist Brauchtum und macht Spaß. Punkt
Herzliche Grüße aus der Lausitz -und einen guten Rutsch

Wolfsfreund

28.12.2012, 17:16 Uhr

"@Wofsfreund - Gibt es bei Ihnen überhaupt Wölfe?"
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Vor kurzem einen Durchläufer, bis er von einem übereifrigen, schießwütigen und ahnungslosen Jäger im Rentenalter abgeknallt wurde :-(, was mich sehr betroffen machte...

Unsere Hunde leiden jedenfalls jedes Jahr sehr, eine reine Tortur, trotz Maßnahmen wie Rolläden runter, Musik an etc. Und, mit Verlaub, ich selbst habe ebenfalls ein extrem empfindliches Gehör und einen ebensolchen Geruchssinn. Die Knallerei und der Pulvergestank, beides bei uns (Großstadt) vom 28. Dez. bis weit in den Jenner hinein reichlich vorhanden, ist einfach nur widerlich. Zudem besteht hier die Gefahr, daß asoziales Gesindel Chinakracher gezielt nach Hunden und Katzen wirft. Das ist leider nicht mehr komisch und hat mit Brauchtum nichts zu tun.
Daß ich selber nicht böllere, ist selbstredend.
Nevermind, meine Hunde und ich müssen da irgendwie durch.
Auch Ihnen einen guten Rutsch und alles Gute für's neue Jahr.

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