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29.12.2014

15:32 Uhr

Start des Feuerwerksverkaufs

Und es hat Boom gemacht

Sie heißen „Death Valley“ oder „Big Bully“ und verwandeln den Himmel in ein Farbenmeer: Feuerwerkskörper. Doch die Böller können auch gefährlich sein – und kostspielig. Ein Polizeigewerkschafter fordert nun „Knallzonen“.

Farbenspektakel zu Neujahr: Bei den meisten Menschen überwiegt die Freude am Knallen. dpa

Farbenspektakel zu Neujahr: Bei den meisten Menschen überwiegt die Freude am Knallen.

Zischende Raketen, knisternde Sternenpracht und dröhnende Kanonenschläge: Silvester wird wieder bunt und laut – und möglicherweise auch gefährlich. Jedes Jahr häufen sich die Unfälle. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, fordert deshalb in einem WDR-Interview, in Großstädten sogenannte Knallzonen einzurichten. So könnten die Straßen sicher bleiben und die Bürger ihre Feuerwerkskörper in einem speziell abgesicherten Bereich zünden.

Andere Städte haben Böller inzwischen ganz verboten: Der Bürgermeister von Mailand, Giuliano Pisapia, kündigte an, dass Feuerwerkskörper oder Böller in der gesamten Kommune bis zum Neujahrstag um Mitternacht untersagt sein sollen. Grund dafür sei die Verletzungsgefahr. Wer gegen das Verbot verstößt, muss mit einer Strafe von bis zu 500 Euro rechnen.

Die Leidenschaft für Raketen und Knallkörper der Deutschen scheint hingegen ungebrochen: Wenn sie es genauso krachen lassen wie im vergangenen Jahr, werden sie Feuerwerk für rund 124 Millionen Euro in den Himmel schießen. Vor vier Jahren haben die Menschen noch zehn Millionen Euro weniger dafür ausgegeben.

Feuerwerks-Verletzungen

Handverletzungen

Pyrotechnik, die noch in der Hand explodiert, ruft mit die schlimmsten Verletzungen hervor. Abgerissene Finger samt durchtrennter Knochen, Nerven und Blutgefäße gehören noch zu den harmloseren Fällen, sagt der Chefarzt der Klinik für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie des Unfallkrankenhauses Berlin (ukb), Andreas Eisenschenk: „Im schlimmsten Fall verlieren Patienten die ganze Hand.“ Bei schweren Handverletzungen müssen sie bis zu fünf Wochen im Krankenhaus bleiben. „Um die Hand so weit wie möglich wieder zu rekonstruieren, braucht es meist weitere Operationen.“

Gehör

Knalltrauma nennen Experten Verletzungen des Gehörs, die von Explosionen in nächster Nähe verursacht werden. Durch den Druck des Schalls kann das Innenohr geschädigt werden. Patienten hören dann vorübergehend schlecht und haben ein Fiepen im Ohr, sagt der Notfallmediziner Tobias Lindner von der Berliner Charité. Manchmal seien Hörstörungen auch dauerhaft.

Augen

Neben Gehörschäden zählen Augenverletzungen zu den häufigsten Gründen, warum Menschen an Silvester in die Notaufnahme kommen: Durch den Funkenflug oder Hitze kommt es zu Sehschwächen, die teilweise irreparabel sind, sagt der Berliner Mediziner Eisenschenk. Eine Empfehlung zum Tragen einer Schutzbrille fordern Augenärzte auch hierzulande, wie die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) mitteilte. In anderen Ländern gebe es die Brillen beim Kauf von Feuerwerk gratis.

Verbrennungen

Sie entstehen nicht nur durch den direkten Kontakt mit Feuerwerkskörpern. „Funkenflug oder die Nähe zu einem explodierenden Knaller kann ausreichen“, sagt Lindner von der Charité. Typisch seien lokale, aber sehr heftige und tief reichende Verbrennungen, erläutert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin, Bert Reichert. Meist sei eine OP unausweichlich. Bei Patienten mit kleineren Verbrennungen könne es dauern, bevor ein Arzt aufgesucht wird: „Manche unterschätzen die Schwere der Verletzung in der Nacht.“

Hosentasche

Selten, aber umso gefährlicher sind Fälle explodierender Knaller in der Hosentasche. Am Unfallkrankenhaus in Berlin komme es ein bis zweimal pro Jahr vor, dass Patienten mit Verletzungen bis hin zu den Genitalien eingeliefert würden, sagt Eisenschenk. Knaller explodierten, weil sie aneinander oder an ebenfalls in der Tasche aufbewahrten Streichhölzern reiben, sagt der Mediziner.

Kinder

Sie erleiden Verbrennungen vor allem durch die Unachtsamkeit zündelnder Erwachsener, wie Mediziner Reichert sagt. Unfälle passieren nach Einschätzung von Experten aber auch häufig an den Tagen nach Silvester, wenn Kinder in den Überresten des Feuerwerks nach nicht gezündeten Knallern suchen. Solche Blindgänger explodieren dann im schlimmsten Fall unerwartet doch noch.

„Voraussetzung ist, dass es nicht regnet“, sagt Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbands der pyrotechnischen Industrie (VPI) in Ratingen. Viele Menschen machten es vom Wetter abhängig, ob sie böllern oder nicht. Der Verkauf von Feuerwerkskörpern in den Geschäften hat am Montag begonnen und dauert bis Silvester.

Die Hersteller setzen seit einigen Jahren besonders auf sogenannte Batterie- oder Verbundfeuerwerke. Sie tragen Namen wie „Death Valley“, „Tiger Head“ oder „Big Bully“. Einmal angezündet, fackeln sie eine halbe Minute oder länger ein Feuerwerk mit unterschiedlichen Knall-, Knister- und Leuchteffekten ab. „Das ist schön bequem, man hat viel Spaß und wenig Arbeit“, sagt Gotzen.

Allerdings haben die Boxen auch ihren Preis: Schon für kleine Versionen muss man locker 20, 30 Euro hinlegen. Die relativ einfache Handhabung der Batterien soll – so hofft die Industrie – auch mehr Frauen zum Kauf von Feuerwerk animieren. Doch die Hauptkunden seien weiterhin unangefochten Männer zwischen 18 und 35 Jahren, räumt Gotzen ein.

Batterien machen zwar inzwischen fast die Hälfte des Gesamtumsatzes der Branche aus, doch die klassische Raketen sind beliebt wie eh und je. „Die Rakete ist für viele Menschen immer noch das Symbol für Silvester schlechthin“, sagt Gotzen.

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