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05.12.2013

21:43 Uhr

Stimmungsbericht aus Hamburg

Blankes Hänschen

VonMatthias Lambrecht

Selbst die „Sonderfahrt Seefahrergelage“ findet statt: Die erste Sturmflut, die mit dem Orkan „Xaver“ Hamburg erreicht, fällt weniger dramatisch aus als befürchtet. Die Stadt ist heute weit besser gegen Fluten geschützt.

Spaziergängerin mit Hund am Hamburger Fischmarkt: „Ist doch genug Wasser da!“ dpa

Spaziergängerin mit Hund am Hamburger Fischmarkt: „Ist doch genug Wasser da!“

HamburgDer blanke Hans ist nur ein Hänschen. Schwappt über die Hafenkante am Altonaer Fischmarkt, flutet die Fischauktionshalle gerade mal ein paar Zentimeter hoch. Die hat wie immer an solchen Tagen ihre Tore weit geöffnet, damit das Wasser nicht nur von außen gegen die alten Mauern drückt.

Für die Hamburger ist das nichts ungewöhnliches, solche Sturmfluten gibt es jeden Winter ein paar Mal. Ein paar Dutzend Schaulustige sind dennoch am Donnerstagabend zum Fischmarkt gekommen. Und ein paar Fernsehteams, die Bilder für die Abendnachrichten liefern sollen. Wahrscheinlich hatten sie sich mehr erwartet von „Xaver“, dem Sturmtief, dass sich am Mittwoch bei Grönland zusammenbraute und am Donnerstagnachmittag auf die deutsche Nordseeküste traf. Mit Orkanböen von Stärke zwölf sollte der das Wasser von Nordwesten in die Elbmündung drücken – ähnliche Bedingungen wie zur Flut von 1962, die weite Teile der Stadt unter Wasser setzte.

Tatsächlich erreicht die Flut an diesem Abend etwa die gleiche Höhe wie vor 51 Jahren. Doch die Stadt ist inzwischen weit besser geschützt, weil sie Deiche und Flutschutzmauern kräftig aufgestockt hat. Der Wind, der am Nachmittag noch mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Stundenkilometern durch die Stadt fegte, ist am Abend zwar noch unangenehm kalt und scheidend, scheint aber an Kraft zu verlieren.

Fakten zum Sturmtief Xaver

Von Schottland nach Skandinavien

Der Orkan Xaver ging eigentlich weit an Deutschland vorbei: Er zog an Schottland vorbei nach Skandinavien. Allerdings erreichten Deutschland seine Ausläufer.

Starker Wind

Meteorologen rechneten mit Windgeschwindigkeiten von 110 Kilometer pro Stunde in Hamburg, 140 Kilometer pro Stunde in Schleswig-Holstein, 150 Kilometer pro Stunde in Nordfriesland und 180 Kilometer pro Stunde im Mittelgebirge, zum Beispiel auf dem Brocken.

Sturmfluten im Norden

1962 traf das Elbegebiet die schwerste Sturmflut: Sie zerstörte 28.000 Wohnungen, beschädigte 400 Kilometer Deich – und 340 Menschen kamen ums Leben.
1973 trafen innerhalb von nur vier Wochen gleich sechs Sturmfluten die Nordseeküste und zerstörten die Deiche.
1976 wurden die höchsten Pegelstände in der Nordsee gemessen
2006 stand in der Ems das Wasser so hoch wie nie, bei der sogenannten Allerheiligenflut.

Trichter an der Elbe

Von einer Sturmflut sprechen Meteorologen, wenn der Tidenhöchststand das mittlere Hochwasser um 1,50 Meter übersteigt. Ab 2,50 Meter gilt es als schwere, ab 3,50 Meter als sehr schwere Sturmflut. Weht in der Deutschen Bucht der Wind aus Nordwest, drohen Sturmfluten, weil die Elbmündung wie ein Trichter wirkt.

Schnee

Ab Donnerstagabend erreichten kräftige Schneeschauer den Norden von Schleswig-Holstein und zogen von da aus nach Süden. In Niedersachsen fielen in der Nacht zu Freitag bis zu zehn Zentimeter Neuschnee. In den Hochlagen der Mittelgebirge und um den Brocken waren bis zu 20 Zentimeter möglich.

Zebrastreifenwetter

Dieses Phänomen bezeichnet den Umstand, wenn schmale Streifen mit Schauern von der See landeinwärts ziehen. Dadurch kommt es gebietsweise zu kräftigen Schneeschauern und wenige Kilometern entfernt ist gar nichts davon zu bemerken. Zebrastreifenwetter wurde in der Nacht zum Freitag erwartet.

Verhalten bei Sturm und Flut

Keine überschwemmten Straßen betreten: Gullideckel können weggeschwemmt sein – wer dort versehentlich hintritt, kann in der Kanalisation untergehen.

Parks und Wälder meiden: Es besteht die Gefahr, von herunterfallenden Ästen oder einknickenden Bäumen erschlagen zu werden.

Nicht auf Deiche steigen.

An Landungsbrücke 10 liegt die „Kirchdorf“, einer der Hafenrundfahrtsdampfer der örtlichen Hadag-Reederei. „Sonderfahrt Seefahrergelage“ steht in Leuchtschrift an der Seite des Schiffes. Drinnen sind die Tische gedeckt. Am Eingang zum Anleger steht Schiffsführer Marcel Küster. „Wir fahren“, sagt er und grinst. „Ist doch genug Wasser da!“ Um 20 Uhr soll es losgehen – wenn die angemeldeten Gäste kommen.

Weiter stadteinwärts zeigen die Museumsschiffe „Rickmer Rickmers“ und „San Diego“ ihre Rümpfe. Normalerweise sind von der Straße hinter der Flutschutzmauer nur Masten und die Aufbauten zu sehen, doch die Flut hat sie weit nach oben gehoben. Im Verlagshaus von Gruner + Jahr brennt in einigen Büros noch Licht. Dabei hat das Unternehmen den rund 2000 Mitarbeitern, die direkt an der Hafenkante arbeiten, schon per Rundmail am Vormittag geraden, sich vorzeitig auf den Heimweg zu machen, um nicht in den Sturm zu geraten.

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