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12.03.2011

12:33 Uhr

Stoische Ruhe

Katastrophe testet den Obrigkeitsglauben

VonFinn Mayer-Kuckuk, Jan Keuchel

In Japan herrscht noch stoische Ruhe - aber die Stimmung kippt. In China sitzen viele Japaner fest, die verzweifelt in die Heimat wollen. Es geht um Angehörige oder Angestellte.

Angst, aber keine Panik: die Japaner vertrauen der Regierung. Quelle: dapd

Angst, aber keine Panik: die Japaner vertrauen der Regierung.

QingdaoDie Japaner gehen mit der dramatischen Lage erstaunlich gelassen um. Schließlich sind sie an Erdbeben gewöhnt und hatten ihren Anteil an nuklearen Zwischenfällen. Auch die Unfälle in der Wiederaufbereitungsanlage Tokai Mura im Jahr 1999, einen Brand im Schnellen Brüter Monju 1995 oder Risse in der Hülle eines Blocks des Meilers Kashiwazaki-Kariwa im Jahr 2007 haben sie letztlich nicht aus der Ruhe gebracht.

„Ich sitze vor dem Fernseher und halte mich auf dem Laufenden“, sagt Kimiko, 34 Jahre alt, die in Tokio wohnt. „Aber ans Weglaufen oder so denke ich nicht.“ Die Behörden hätten versichert, dass auch bei einer Kernschmelze keine Gefahr für die 30-Millionen-Metropole drohe. „Die Gelassenheit der Japaner ist tief beeindruckend“, sagt der Brite James Seddon, der in Tokio für eine Bank arbeitet. „Auch bei den Erdstößen am Freitag lief alles geordnet und diszipliniert ab.“

Generell gilt Japan als besonders technikfreundlich. Comic-Figuren wie „Eisenarm Atom“ (englisch „Atom Boy“) stellen den Atomkern schon den Kindern als freundlichen Helfer des Menschen dar. Dazu kommt die Neigung, Vorgaben der Regierung nicht zu kritisch zu hinterfragen. „Die Gesamtstimmung ist einfach: Da passiert schon nicht“, sagt Rafael aus Venezuela, der im Norden Tokios wohnt.

Allerdings - je dramatischer die Lage der Kernkraftwerke wird, desto mehr Risse zeigen sich im traditionellen Obrigkeitsglauben. Selbst im Gespräch mit Ausländern lassen einige Menschen in Tokio erkennen, dass sie die Informationspolitik der Regierung frustriert. Viele sind völlig konsterniert und geschockt. Doch unter den Fatalismus mischt sich immer mehr die Sorge, belogen zu werden. 
Dennoch herrschte am Samstag Abend (Ortszeit) in Tokio gespenstige Stille. Zwar waren Supermärkte weitgehend leergekauft, aber auf den Straßen waren kaum Menschen oder Autos zu sehen.

Paradoxerweise versuchten den ganzen Tag über viele Japaner im Ausland, mit allen Mitteln in die Heimat zurückzukehren. So bildeten sich am Flughafen der chinesischen Hafenstadt Qingdao lange Schlangen japanischer Fluggäste, die mit den wenigen verbliebenen Flugverbindungen in die Heimat zurück wollen. „Meine Mutter lebt im Erdbebengebiet, ich mache mir große Sorgen, aber die von der Fluggesellschaft lässt das anscheinend kalt“, sagt Herr Matsushima, der mit seiner Frau auf Geschäftsreise in Qingdao unterwegs war. Er will nun schnell wie möglich zurück zu seiner Familie.

Die Fluglinie entschuldigt sich für die mangelnden Kapazitäten, kann aber in diesem Fall wenig machen. „Wir können es nicht nachprüfen, wenn ein Passagier das Ableben eines Verwandten behauptet“, sagt ein Manager der Fluglinie All  Nippon Airways (ANA). „Deshalb gehen wir streng nach Reihenfolge der Warteliste vor.“ Sein Unternehmen wollen nicht die lautesten und dreistesten Leute bevorzugen, deutet er an. Das sei in der Industrie so Standard. Herr Matsumisha nennt diese Haltung dagegen zynisch.

Alle Flüge nach Tokio sind am Samstag gestrichen, offen sind nur Verbindungen in die südlichen Großstädte Osaka und Nagoya.

Kommentare (3)

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X650

12.03.2011, 11:51 Uhr

Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich das nächste Tschernobyl ereignet. Es ergreift mich, wie damals, wieder eine tiefe Ohnmacht bei Anblick dieser Apokalypse. Aber noch viel schlimmer und unerträglicher ist es, daran erinnert zu werden, dass insbesondere die Entscheider nichts, aber auch gar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem sich 20% aller weltweiten Erdbeben mit Stärke über 6,0 ereignen, über 50 Kernkraftwerke betrieben werden und dies, um gerade mal 30% des Energiebedarfes des Landes zu erzeugen?! Wie kann man einer Bevölkerung dann noch sagen, tut uns leid, aber immerhin wir hatten die weltweit höchsten Sicherungsvorkehrungen?! Wie kann es sein, dass uns unsere Regierung schon heute wieder Mal versichert, dass dies bei uns nicht vorkommen wird? Atomtechnologie war und ist nicht beherrschbar. Wir haben in Europa bisweilen einfach nur Glück, dass kein weiterer Ernstfall eintrat. Ein Unfall verseucht riesige Gebiete auf Jahrtausende. Die Entsorgung ist ebensowenig kontrollier- und lösbar. Atomkraft zu betreiben kommt der Vorbereitung auf einen Massensuizid gleich. Wir müssen diesen Irrsinn endlich stoppen, jetzt, weltweit und unwiderruflich!! Alle Wirtschaftsprakmatiker, Atompolitiker und sonstige Ignoranten müssen endlich begreifen, dass Sie nach der Atombombe für das schlimmste Eintreten, was die Menschheit bisweilen geschaffen hat. Angesichts des Außmaßes dieser Katastrophe ist es lächerlich und absurd immer wieder wirtschaftspolitische Diskussionen zu führen, darüber, ob die Stromrechnung ggf. "X" oder "Y" Prozent höher sei, wenn wir auf Atomkraft verzichteten. Einmal anders ausgedrückt: Atomkraft zu betreiben ist in etwa so, als wenn im Hause die Heizung ausfällt, ich alternativ meine Möbel anzünde und kurz vor dem Erstickungstod noch argumentiere, nicht habe frieren und es schön warm hatte haben wollen.

Account gelöscht!

12.03.2011, 12:21 Uhr

Die Situation in Japan ist schlimm, aber sie würde noch schlimmer, wenn Chaoten, Besserwisser und Vaterlandsverräter die Arbeit von Regierung und Zivilschutz zusätzlich stören würden. Das japanische Volk hat trotz verlorenem Krieg und bis heute andauernder Anfeindungen die Selbstachtung und das Vertrauen in die eigene gemeinschaftliche Kraft nie aufgegeben, daran sollten wir Deutschen uns ein Beispiel nehmen!

Account gelöscht!

15.03.2011, 08:57 Uhr

Sie schreiben von der "Neigung, Vorgaben der Regierung nicht kritisch zu hinterfragen". Ist das nicht die größte Gefahr für Atom-Reaktor Projekte, daß ein autoritäres Regime solche Reaktoren - wie seinerzeit in Japan - direkt an die Küste setzt, obwohl es permanent Tsunamis gibt. Die Wellenbrecher sind doch für eine Erdbebenregion viel zu klein.

Mich würde von Ihnen jetzt eine Bewertung und Risikoeinschätzung von Atomkraftwerken (gebaut und in Planung) in China interessieren. China ist auch ein autoritäres Regime und gegen ähnliche Planungfehler nicht gewappnet.

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