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03.06.2012

11:12 Uhr

Straflager in Honduras

Die Stadt der Gefangenen

In einem der gefährlichsten Straflager in Honduras hat sich eine Parallelgesellschaft herausgebildet. Die Gefangenen betreiben Handel, wählen ihren Stadthalter - und töten ungeliebte Führungspersonen.

Ein junger Mann nutzt einen Spiegel, um aus seiner Zelle rausblicken zu können. dapd

Ein junger Mann nutzt einen Spiegel, um aus seiner Zelle rausblicken zu können.

San Pedro Sula/HondurasIn Honduras existiert eine Parallelwelt. Sie heißt San Pedro Sula und imitiert das wahre Leben bis ins Detail. Es gibt Märkte, Mieten, Jobs. Menschen leben hier dicht an dicht. Schweine, Hühner und sogar Waschbären laufen frei herum. Eine gelbe Linie trennt diese Welt vom Rest Honduras. Sie heißt die Linea de la Muerte - Die Linie des Todes. Auf der einen Seite leben Gefangene, denen auf der anderen Seite die Aufseher gegenüberstehen.

Zwar gibt es auch Mauern und Gitter mit Schlössern, doch es ist die gelbe Linie, die von beiden Seiten als Grenze respektiert wird. Häftlinge und Aufseher überschreiten die Grenze nur im Ausnahmefall. „Die Gefangenen regieren“, sagt der stellvertretende Leiter des Gefängnisses, Carlos Polanco. „Wir kümmern uns lediglich um die äußere Sicherheit. Sie wissen, wenn sie die Linie überschreiten, dürfen wir schießen“.

Vor zwei Monaten kam es zu einem Machtwechsel. Die Insassen von San Pedro Sula lehnten sich gegen ihren despotischen Stadthalter auf. Der Boss Mario Enriquez war lange schon verhasst, weil er Gefangene misshandelte. Manche ließ er über Nacht an der Decke aufhängen, während Hunde ihnen in die Zehen bissen. Doch erst als er Mieten für Zellen und Gebühren für Lebensmittel heraufsetze, war er fällig.

An den Hund verfüttert

Seine Untertanen enthaupteten ihn, schnitten ihm die Organe heraus und verfütterten sein Herz an seinen Hund, den sie danach töteten. So erzählen es die Häftlinge und so bestätigen es auch die Behörden. Dreizehn weitere Mitglieder der Führungsclique um Enriquez wurden getötet, ihre Leichen mit Matratzen bedeckt und angezündet. Drei Wochen lang verwehrten die Häftlinge Ermittlern den Zugang, bis sie die Leichen schließlich aushändigten.

Gefangene verkaufen anderen Insassen ein Mittagessen. dapd

Gefangene verkaufen anderen Insassen ein Mittagessen.

Das Lager ist für 800 Gefangene ausgelegt. Insgesamt leben hier jedoch über 2.100 Menschen. Doppelbetten stehen dicht an dicht in Sammelzellen. Die Freigabe für den Besuch des Journalisten wurde nicht von der offiziellen Gefängnisaufsicht genehmigt. Es war der neue Chef der Häftlinge, Noe Betancourt, der grünes Licht gab.

Betancourt ist ein dicklicher Mann mittleren Alters, der auf der Tour durch sein Reich von seiner Freundin begleitet wird. Das Gefängnis gleicht einer autonomen Stadt. An Ständen werden Cola, Früchte, Schuhe, Teppiche und iPhones gehandelt. Etwa 30 Menschen werden jeden Tag in die Stadt der Häftlinge vorgelassen. Sie arbeiten auf dem Basar der Gefangenen.

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