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23.03.2011

17:16 Uhr

Strahlengefahr

Japaner fürchten eine Lebensmittelkrise

Mit der Atomkrise durch die Havarie der Reaktoren im AKW Fukushima droht Japan nun auch eine Lebensmittelkrise. Erste Länder stoppen bereits die Importe japanischer Produkte. Was kann man noch bedenkenlos essen?

Ein Gemüseverkäufer, der an seinem Marktstand in Tokio auch Spinat anbietet. Quelle: dpa

Ein Gemüseverkäufer, der an seinem Marktstand in Tokio auch Spinat anbietet.

In Japan ist knapp zwei Wochen nach der Erdbebenkatastrophe keine Entspannung in Sicht. Die neueste Krise betrifft die Lebensmittel. Auch in der Hauptstadt Tokio ist nun das Trinkwasser stärker radioaktiv belastet. Babys sollen deshalb kein Leitungswasser mehr trinken. Immer mehr Gemüse darf nicht mehr gegessen werden.

Nach dem ersten Alarm bei Milch und Wasser aus der Unglücksregion 250 Kilometer nördlich von Tokio wurde dort inzwischen in elf Gemüsesorten erhöhte Radioaktivität festgestellt. In Tokio gab es die ersten Hamsterkäufe von Wasser. Die USA stoppten als erstes Land Einfuhren von Milch, Gemüse und Obst aus der Gegend.

Nicht nur die Japaner sind ratlos: Kann man das Wasser noch trinken, die Lebensmittel noch essen?

Verstrahlte Lebensmittel in Japan

Wie kommt Radioaktivität in Wasser und Lebensmittel?

Radioaktive Elemente wie Jod 131 oder Cäsium 137 sind zum Beispiel an feine Staubteilchen gebunden. Mit dem Regen gelangen die radioaktiven Stoffe nach der Freisetzung bei einem Atomunfall wieder auf die Erde - in den Boden, in Stauseen für Trinkwasser oder in Kläranlagen. „Radioaktives Cäsium 137 ähnelt, chemisch gesehen, dem Element Kalium“, erklärt Michael Welling, Sprecher des Johann Heinrich von Thünen-Instituts in Braunschweig. „Über den Boden und die Wurzeln gelangt daher auch Cäsium 137 in den Stoffwechsel der Zelle. Und von dort aus auch in eine Kuh, die auf der Weide frisst. Und über die Milch schließlich in den Menschen.“ Auch wenn der Mensch Gemüse direkt verzehrt, nimmt er die darin enthaltenen radioaktiven Stoffe auf.

Welche Lebensmittel sind belastet?

Zuerst warnte Japans Regierung vor verstrahlter Milch und belasteten Spinat aus der Region um Fukushima. Inzwischen stellte das Gesundheitsministerium in elf Gemüsesorten überhöhte Strahlenwerte fest, darunter Brokkoli, Blumenkohl und verschiedene Blattgemüse. In Proben fand das Ministerium bei Blattgemüse Kukitachina 82.000 Becquerel an radioaktivem Cäsium und 15.000 Becquerel an radioaktivem Jod.

Auch das Trinkwasser ist in vielen Regionen um Fukushima belastet. Aber auch im Wasser von Tokio wurden 210 Becquerel pro Liter gemessen, weshalb Kinder unter einem Jahr nicht davon trinken sollten. Die Weltgesundheitsorganisation fürchtet, dass mehr verstrahlte Nahrungsmittel auf dem Markt sein könnten als bislang angenommen und forderte Japan dazu auf, stark radioaktiv belastete Lebensmittel sofort aus dem Handel zu nehmen.

Warum ist Spinat so stark belastet?

Blattgemüse wie Spinat haben mit ihren großen dünnen Blättern besonders viel von der ausgetretenen Radioaktivität abbekommen. „Alles, was vom Himmel fällt, fällt auf diese Blätter“, sagt Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz. Gemüse, bei denen das Verhältnis von Oberfläche und Masse geringer ist, sind auch weniger belastet. Dies gilt auch für die Sorten, die jetzt erst so langsam aus dem Boden sprießen. Kirchner und der Leiter des Instituts für Strahlenschutz im Helmholtz-Zentrum München, Peter Jacob, empfehlen den Japanern, den hoch verstrahlten Blattspinat nicht zu essen - solange es Alternativen gibt. In einigen Regionen Japans sind Lebensmittel knapp.

Wie hoch ist das Risiko beim Essen und Trinken?

Wenn ein Erwachsener rund 500 Gramm Blattspinat isst, der mit 20.000 Becquerel Jod-131 pro Kilogramm belastet ist, nimmt er gut 0,2 Millisievert Effektivdosis an Strahlenbelastung auf. Bei einem Kleinkind wären es - beim Verzehr derselben Menge - fast zwei Millisievert. Zum Vergleich: Bei einem Computertomogramm (CT) liegt die Strahlenbelastung bei etwa zehn Millisievert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor verstrahlten Lebensmitteln. Sie seien eine größere Gefahr für die menschliche Gesundheit als radioaktive Partikel in der Luft, erklärte WHO-Sprecher Gregory Hartl. Denn während die Partikel in der Luft nach wenigen Tagen verschwunden seien, lagerten sich die Partikel aus Lebensmitteln im Körper ab.

Welche Auswirkungen hat radioaktive Strahlung?

Von 100 Menschen erkranken statistisch gesehen 45 an Krebs, erläutert Peter Jacob, Leiter des Instituts für Strahlenschutz im Helmholtz-Zentrum München. Wenn diese 100 Menschen eine Effektivdosis von 100 Millisievert abbekommen, steigen die Krebserkrankungen rechnerisch um einen Fall auf 46 - dazu kommt möglicherweise eine schwere Herz-Kreislauferkrankung. Dabei ist die Zeit, in der die Dosis aufgenommen wird, nicht entscheidend. „Wir gehen davon aus, dass das Risiko für Krebs bei 100 Millisievert gleich hoch ist, egal ob akut oder im Laufe von zwei, drei Jahren oder länger aufgenommen“, sagt Jacob. Dies gelte allerdings nicht bei höheren Dosen. Um wie viel niedriger das Risiko unter 100 Millisievert ist, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Experten machen sich vor allem wegen drei radioaktiven Stoffen Sorgen. Iod-131, Caesium-134 und Caesium-137. So kann Caesium-137 jahrhundertelang in der Umwelt bleiben und Schaden anrichten. Wenn Menschen damit in Berührung kämen, könne es zu Krämpfen, ungewollten Muskelkontraktionen und sogar zum Verlust der Gehfähigkeit kommen, sagt der Hongkonger Wissenschaftler Lee Tin-lap. Langfristig kann Krebs entstehen. Die Strahlung verteilt sich über winzige Tröpfchen in der Luft, kann eingeatmet werden und mit Hilfe von Regen ins Meer oder in den Boden gespült werden. Das größte Risiko besteht für Kinder und Föten, weil sich deren Zellen besonders oft teilen und die eventuell von Strahlung geschädigten Erbinformationen möglicherweise nicht schnell genug vom Körper repariert werden können.

Ist auch das Meer um Fukushima verstrahlt?

In Japan wächst die Sorge vor einer radioaktiven Verseuchung des Meerwassers rund um das Atomkraftwerk Fukushima I. Die Behörden begannen am Dienstag, die Belastung zu messen. Viele Tonnen Wasser aus dem Pazifik werden eingesetzt, um die überhitzten Reaktoren in dem Atomkomplex direkt an der Küste zu kühlen. Experten warnen deswegen, dass auf diesem Wege radioaktive Substanzen in den Pazifik gelangen könnten.

Gelangen verstrahlte Lebensmittel nach Deutschland?

Japan importiert viel mehr Lebensmittel als es ausführt. Alle japanischen Lebensmittel, die derzeit in Deutschland auf dem Markt seien, stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Zeit vor dem verheerenden Erdbeben, sagt der Strahlenschutzbevollmächtigte der Universität des Saarlandes, Andreas Wöhr. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt werden seit vergangenem Mittwoch alle pflanzlichen und tierischen Lebensmittel untersucht. Die Importeure seien zudem verpflichtet, die EU-Höchstwerte einzuhalten, sagt Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Matthias Keller, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Fischindustrie und des Fischgroßhandels, gibt auch für Fische Entwarnung. Nur ein sehr geringer Teil des Fisches, der in Deutschland verzehrt wird, stamme aus Japan. Und der Tiefkühlfisch, der im Moment verkauft werde, sei schon lange vor dem Unglück gefangen und verpackt worden. Selbst Sushi könne also unbedenklich gegessen werden.

Wie liegen die Grenzwerte in Japan?

Die Grenzwerte für Jod-131 und Cäsium-137 werden in Japan zwar etwas anderes berechnet als in der Europäischen Union, sind aber ungefähr gleich hoch. Danach gelten bei allgemeinen Lebensmitteln 2000 Becquerel pro Kilogramm für Jod-131. Jod-131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen. Für Caesium-137, dessen Halbwertszeit bei 30 Jahren liegt, beträgt der Grenzwert in Japan 500 Becquerel pro Kilogramm. Für Babys liegt der Grenzwert bei 100 Becquerel pro Kilogramm.

Was bedeuten die Einheiten Becquerel und Sievert?

Becquerel beschreibt die Aktivität einer radioaktiven Substanz. Wenn in einem Stoff pro Sekunde ein Atom zerfällt, entspricht das dem Wert von einem Beqcuerel. Der amtliche Grenzwert beträgt in Deutschland 600 Becquerel pro Kilogramm Lebensmittel - für Milch und Babynahrung sind 370 Becquerel erlaubt. Der Wert selbst sagt aber noch nicht direkt etwas über die Gesundheitsgefahr aus.

Die Strahlenbelastung für den Menschen wird in Sievert gemessen. Ein Sievert ist dann erreicht, wenn pro Kilogramm Körpergewicht die Energiemenge von einem Joule aufgenommen wurde. Die natürliche Hintergrundstrahlung, die Menschen in Deutschland durchschnittlich abbekommen, liegt bei 2 Millisievert.

Ein Restaraunt-Manager in Tokio mit einem Glas Wasser. Die Japaner sind verunsichert: Was können sie noch unbedenklich trinken und essen? Quelle: dpa

Ein Restaraunt-Manager in Tokio mit einem Glas Wasser. Die Japaner sind verunsichert: Was können sie noch unbedenklich trinken und essen?

Kommentare (1)

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Domenq

24.03.2011, 09:53 Uhr

Mors tua - panem mea

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