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03.04.2011

16:43 Uhr

Strahlungsmessung

Radioaktiver Wind weht Richtung Tokio

Aus dem havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima läuft verseuchtes Wasser in den Pazifik. Und ein Ende das Dramas ist nicht abzusehen. Jetzt wurde die Strahlung sogar in der Luft gemessen.

Bloß drinnen bleiben: Radioaktivität wurde erstmals in der Luft gemessen. Quelle: dapd

Bloß drinnen bleiben: Radioaktivität wurde erstmals in der Luft gemessen.

TokioDrehender Wind wird in den nächsten Tagen radioaktive Partikel aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima nach Tokio wehen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) rechnet damit, dass Partikel bis Mittwoch die Millionenmetropole erreichen. Bislang trug der Wind die strahlenbelasteten Teilchen auf den Pazifik hinaus. Zunehmender Nordwestwind treibe sie aber jetzt vom Meer aus Richtung Tokio, sagte ein DWD-Sprecher. Die Experten gehen aber davon aus, dass kein radioaktiver Niederschlag fällt.

Erstmals seit Beginn der Atomkatastrophe hatten die Regierung und der Energiekonzern Tepco auch Radioaktivität in der Luft innerhalb der 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk Fukushima Eins gemessen. Dabei wurden nach ersten Informationen Werte von bis zu 50 Mikrosievert pro Stunde ermittelt, wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die natürliche Hintergrundstrahlung etwa aufgrund radioaktiver Elemente im Boden bei rund 2,4 Millisievert oder 2400 Mikrosievert im Jahr.

Bislang hatten die Regierung und der AKW-Betreiber außerhalb der Sperrzone radioaktive Strahlung gemessen. Innerhalb des Gebiets habe es keine detaillierte Analyse gegeben - mit den Hinweisen, dass die meisten Menschen die Region bereits verlassen hätten und das Strahlenrisiko für die Tester zu groß sei.

Die japanische Regierung hofft auf weitere Details zu den Messdaten von rund 30 Orten und kündigte an, die Ergebnisse auch US-Atomexperten zur Verfügung zu stellen. Diese hatten NHK zufolge mehr Forschung angemahnt und angeboten, Maßnahmen gegen die Ausbreitung radioaktiver Elemente zu entwickeln.

Derweil ist auch zu Beginn der vierten Woche kein Ende im Kampf gegen den atomaren Super-GAU in Sicht. Stattdessen lieferte Reaktor zwei in Fukushima am Wochenende neue Hiobs-Botschaften: Es wurde ein Riss im Betonboden des Meilers entdeckt, aus dem radioakativ verseuchtes Wasser in den Pazifik strömt. Bis Sonntag gelang es der Betreiberfirma Tepco nicht, das Leck abzudichten. Auf dem Gelände des Kraftwerks wurden die Leichen zweier seit dem Tsunami vom 11. März vermisster Arbeiter gefunden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle würdigte bei einem Solidaritätsbesuch in Tokio die Bemühungen der Regierung, im Chaos der Katastrophe transparent zu handeln.

Die japanische Regierung drängte Tepco zu einem raschen Verschluss des Lecks. Die Bevölkerung habe größtes Interesse daran, dass kein radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer ströme, sagte ein Berater von Ministerpräsident Naoto Kan. Tepco scheiterte zunächst mit dem Versuch, den Riss mit Beton zu schließen und setzte dann auf den Kunststoff Polymer. Im Reaktorinneren wurde eine radioaktive Belastung von 1000 Millisievert pro Stunde gemessen. Normal sind ein bis zehn Millisievert pro Jahr. Das Leck könnte die Ursache sein für die hohen Strahlenwerte, die seit längerem im Meerwasser gemessen werden. Mehrere hundert Japaner protestierten am Sonntag vor der Tepco-Zentrale in Tokio gegen Atomkraft.

Der Abfluss des radioaktiv verstrahlten Wassers verhindert eine weitere Kühlung der überhitzten Kernbrennstäbe im Atomkraftwerk mit Meerwasser. Als Alternative dazu prüfen Ingenieure nun unter anderem die Möglichkeit, mit einer verbesserten Luftkühlung zu arbeiten. „Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen, weil die Lage in Atomkraftwerk unberechenbar ist“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano.

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Kommentare (21)

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Morchel

03.04.2011, 10:57 Uhr

Nach 27 Jahren ca kann man einen Reaktor als erloschen ansehen. Im Fall Japan ist so nach 1 Jahr und 6 monaten davon auszugehen das man dort in die Nähe von Akzeptans kommen könnte, natürlich ist das Umland trotzdem eine verseucht Wüste geblieben da reichen keine 1000 Jahre.

SAH

03.04.2011, 11:00 Uhr

Man stelle sich vor, die sieben veralteten AKW`s bestehen wie erwartet den Stresstest nicht. Wenn nun - wie bisher - kein Versicherungsunternehmen bereit ist, einen potentiellen Störfall in einem AKW zu versichern, wer haftet eigentlich dafür, wenn ein Flugzeug - erst wie Ende März 2011 (mit zwei Übungsraketen und 1500 Schuss Munition) - abstürzt, ein terroristischer Anschlag verübt wird, ein Meteorschauer niedergeht, Weltraumschrott (z.B. alte Satelliten) vom Himmel fallen, ein schwerer Sturm mit Gewitter oder Hochwasser die Stromversorgung lahmlegen? Hinzu kommen noch diverse Pannen durch Verschleiß oder menschliches Versagen. Wer bezahlt eigentlich die Kosten, wenn nach einem Super-Gau große Flächen in Deutschland verstrahlt sind, die Menschen krank werden und wenn im Ausland niemand Lust auf verstrahlte, deutsche Produkte (Landwirtschaft / Autos / Container) hat? Bis heute gibt es in Deutschland immer noch kein atomares Endlager. Es ist eigentlich schade, dass immer etwas passieren muss, bevor Gesellschaft, Politik, Wirtschaft endlich umdenken.

Steuerzahler

03.04.2011, 16:41 Uhr

Wer das bezahlt?

Ich!

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