Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.03.2011

06:24 Uhr

Stromsperren nach Reaktorkatastrophe

In Japan gehen die Lichter aus

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima ist erstmals die innere Schutzhülle eines Reaktors beschädigt. Als Reaktion auf die massiven Ausfälle drehen Japans Energieversorger weiteren Landesteilen den Strom ab.

TokioAls Reaktion auf die massiven Reaktorausfälle weiten Japans Energieversorger die Stromsperren auf den Nordosten des Landes aus. Ab Mittwoch werde in der Region die Versorgung mit Elektrizität eingeschränkt, teilte das Unternehmen Tepco am Dienstag nach Angaben der Agentur Kyodo mit. Zuvor waren bereits Einschränkungen für den Großraum Tokio angeordnet worden. Die Rationierungen sollen im Osten Japans mindestens bis Ende April andauern. Für den Nordosten des Landes müsse mit noch längeren Einschränkungen gerechnet werden. In Japan herrscht die Sorge vor, dass diese Maßnahmen die von Erdbeben und Tsunami ohnehin stark getroffene Wirtschaft zusätzlich behindern werden.

Am Dienstag hatte ein weiteres Nachbeben die japanische Ostküste erschüttert. Dem Meteorologischen Dienst Japans zufolge ereignete sich das Beben mit der Stärke 6,3am Dienstagabend (Ortzeit)auf Höhe der Präfektur Fukushima, dort wo auch das havarierte Atomkraftwerk Fukushima I steht. Die Außenwand von Reaktor Vier ist nach einem Brand und einer Explosion stark beschädigt. Die Atomaufsicht des Landes teilte mit, in der Wand klafften zwei Löcher mit einer Größe von jeweils acht Quadratmetern. Damit hat die Atomkatastrophe in Japan eine neue Dimension erreicht: Erstmals ist eine innere Schutzhülle eines Reaktors beschädigt.

Nach zwei neuen Explosionen im Unglückskraftwerk Fukushima I haben die japanischen Behörden vor einer gefährlichen Strahlenbelastung rund um den Atomkomplex gewarnt. Ministerpräsident Naoto Kan rief am Dienstag Einwohner in einem 30-Kilometer-Radius auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Rund 70.000 Menschen wurden bereits aus einem 20-Kilometer-Radius um das Atomkraftwerk evakuiert. In der nun um zehn Kilometer erweiterten Gefahrenzone halten sich noch etwa 140.000 Bewohner auf. Nach Angaben des japanischen AKW-Betreibers Tepco waren bis Dienstag noch 50 Mitarbeiter vor Ort in Fukushima. 750 Mitarbeiter seien abgezogen worden.

Im Zuge der Krise brachen Aktienmärkte drastisch ein: Der Nikkei-Index lag zeitweise fast 15 Prozent im Minus.

Die Situation hatte sich zwischenzeitlich auch deshalb dramatisch zugespitzt, weil der Wind radioaktiv belastete Luft in Richtung des Großraumgebiets Tokio zu wehen drohte. Die Uno-Wetterbehörde (WMO) hat allerdings vorerst Entwarnung gegeben. Sie erklärte, dass die Winde über Japan die radioaktiv verseuchte Luft aufs offene Meer treiben. Es bestünde derzeit keine Gefahr für Japan.

Derweil droht im havarierten Atomkraftwerk außerdem Reaktor 4 außer Kontrolle zu geraten, weil die Kühlung wie bei den anderen drei Blöcken ausfallen könnte. Die Brennstäbe könnten das Kühlwasser zum Kochen bringen und verdampfen lassen, teilte die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag unter Berufung auf den Betreiber Tepco mit. Der Reaktor 4, der in den vergangenen Stunden zwischenzeitlich Feuer gefangen hatte, war vor dem heftigen Erdbeben am Freitag für Wartungsarbeiten vom Netz genommen worden.

Kan sagte in einer Ansprache an die Nation, dass die Gefahr eines Strahlenlecks steige. Er bestätigte zudem ein Feuer in der Reaktoranlage. Der Brand war um kurz nach 3 Uhr in der Nacht in Reaktorblock 4 ausgebrochen, konnte aber in frühen Morgenstunden gelöscht werden. "Ich weiß, dass die Menschen besorgt sind, aber ich bitte Sie, sich ruhig zu verhalten." In den Reaktorblöcken zwei und vier gab es nach offiziellen Angaben am Dienstag zwei Explosionen.

Zugleich hat der japanische Ministerpräsident den Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima scharf kritisiert. "Das Fernsehen berichtet von einer Explosion. Aber dem Büro des Premiers wird eine Stunde lang nichts gesagt", zitierte ihn die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Die Regierung und die Öffentlichkeit seien unzufrieden mit der Informationspolitik.

Aus Angst vor dem atomaren Gau reagiert die japanische Bevölkerung mit Panikkäufen. Dosennahrung und Batterien, Brot und Mineralwasser sind bereits aus vielen Supermärkten verschwunden, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Die Behörden befürchten bereits, dass diese nicht notwendigen Hamsterkäufe die Lebensmittellieferungen an die wirklich Bedürftigen beeinträchtigen.

In einem ersten Schritt stellt die japanische Regierung deshalb rund 265 Millionen Euro als Notfallhilfe für die Bürger in Katastrophengebieten bereit. Das Geld sei für Essen, Wasser, Decken und Medizin, wie der Regierungssprecher Noriyuki Shikata im Kurzmitteilungsdienst Twitter bekannt gab.

Kan verlangte von der Betreibergesellschaft Tepco, ihre Mitarbeiter nicht aus der Anlage abzuziehen. Er sei sich hundertprozentig sicher, dass das Unternehmen dann zusammenbreche. In den Reaktoren des Atomkraftwerks hatte es in den vergangenen Tagen mehrere Explosionen gegeben.

Der Luftraum über der Anlage Fukushima wurde gesperrt. Für einen 30-Kilometer-Radius über den Reaktoren gelte eine Flugverbotszone, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstagmittag (Ortszeit) unter Berufung auf die Regierung. Nur Stunden zuvor hatte es in dem AKW die dritte Explosion innerhalb von vier Tagen gegeben. Bei der Detonation wurde vermutlich auch der Reaktorbehälter beschädigt.

Video: Strahlenbelastung um AKW in Japan steigt

Video: Video: Strahlenbelastung um AKW in Japan steigt

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.03.2011, 10:08 Uhr

Das ist das Dilemma unserer arbeitsteiligen Welt.

Wenn ich davon ausgehe, daß Merkel in Hamburg Verwandtschaft hat, dann hat sie auch Kenntnis von der Sturmflut von 1962. Damals stand eine weitaus größere Landfläche unter Wasser als jetzt in Japan. Holland und Dänemark, aber auch an Rhein, Donau, Oder und Elbe einschließlich der Nebenflüsse boten sich ähnliche Überschwemmungen. Lediglich durch die Leichtbauweise in Japan sehen die Bilder etwas anders aus.

Als Physikerin muß Merkel auch von den Ursachen (Expansion und Kontraktion) der Materialermüdung wissen, wobei bei Reaktor-Stählen, Photonen und Wasserstoff zusätzlich das Material verspröden.

Und von den Klimaveränderungen weiß Merkel auch.
Sobald mehrere Bedingungen/Ereignisse gleichzeitig zutreffen, ist der Weg ins Chaos frei.

Da Merkel bislang alles ignorierte, ist es kaum zu glauben, daß sie urplötzlich kurz vor den Wahlen einen geistigen Quantensprung vollzogen hat. Sie windet sich, die ganze Union windet sich. Der Sprung aus der eigenen Denke endet im Nichts, denn Korrelationen sind zu eng geschnürt.

Fairerweise muß ich auch sagen, daß die SPD auch seit 4 Jahrzehnten die Löffel dicht hat, denn so alt ist mein Konzept „weg vom Öl“.
Nun muß man hinsichtlich der E-Mobilität auch fragen, woher der Strom bei gleichzeitiger AKW-Abschaltung kommen soll? Wo ist das Netz für den Energiemix?

Seit fünf Jahren sitzt Merkel auf diesem Konzept:

http://www.bps-niedenstein.de/content/view/191/2/

Merkels Placebos sind bekannt. Die atomare Verseuchung in Japan wird als lokales Problem dargestellt. Doch auch japanisches Küstengewässer verdampft und kann über den Jetstream zu uns gelangen. Ja, alles ist Gift, nichts ist Gift, die Menge machst!

Account gelöscht!

15.03.2011, 11:12 Uhr

Ich frage mich, ob nun auch in Japan ein Umdenken in der Atompolitk statt finden wird?
Warum muss eigentlich immer erst etwas passieren, bis ein Umdenken statt findet? Falls es denn überhaupt statt findet. Ich sage nur Stichworte wie: Ölkatastrophen, Artensterben, Kriege, atomare Verseuchungen, Völkermorde, Hunger, Ausbeutung von Ressourcen, Müll, Waffen, Finanzen usw.

VitaleDemokratie

15.03.2011, 13:07 Uhr

Komplettes Staatsversagen - Glauben die ernsthaft, dass Tepco das in den Griff kriegt? Überforderung, Achtung Gutt...-Alarm!!! Stufe III; die Russen haben ja zumindest einen Sakrophag draufgebaut (bzw. gekippt)... die lassen das einfach weiter dampfen...Jetzt ist Improvisation und Kreativität gefragt, wohl kaum die Stärke Japans.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×