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25.08.2014

12:00 Uhr

Suche nach dem Maulwurf

Tausende Beamte hatten Zugriff auf Hoeneß-Akte

Der Beamte, der die Daten aus Hoeneß' Steuerakte an die Öffentlichkeit weitergab, wird wohl nie gefunden werden. Zu viele Finanzbeamte hatten Zugriff auf die Daten: Mehrere Tausend kommen als Tatverdächtige in Frage.

Steueraffäre und Haftstrafe: Uli Hoeneß. dpa

Steueraffäre und Haftstrafe: Uli Hoeneß.

MünchenMehrere tausend Finanzbeamte haben einem Zeitungsbericht zufolge jahrelang unkontrolliert Zugriff auf die Steuerakte des früheren FC-Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß gehabt. Das habe sich bei Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I wegen Verrats von Dienstgeheimnissen im Fall Hoeneß herausgestellt, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Montag.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte lediglich, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt worden sei, weil kein Tatverdächtiger habe ermittelt werden können. Zu einzelnen Ermittlungsergebnissen wollte er sich nicht äußern.

Hoeneß hatte Anzeige wegen Verletzung des Steuergeheimnisses erstattet, weil Informationen aus seiner Steuerakte in die Öffentlichkeit gelangt waren. Die Münchner Staatsanwaltschaft kam laut "Süddeutscher Zeitung" zu dem Ergebnis, dass mit ziemlicher Sicherheit ein Gesetzesbruch vorliege. Ein Steuerbescheid des Finanzamtes Miesbach vom 27. Dezember 2011 für Hoeneß sei mit „hoher Wahrscheinlichkeit" von einem Informanten, der „unmittelbaren Zugriff“ auf die beim Fiskus gespeicherten Daten gehabt habe, dem Magazin „Stern“ zugespielt worden.

FC Bayern: Der Skandal rund um Uli Hoeneß

2001 bis 2006

Hoeneß spekuliert im großen Stil an der Börse mittels eines geheimen Kontos in der Schweiz. Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus soll ihn mit Millionen unterstützt haben.

Januar 2013

Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an. Die Staatsanwaltschaft München leitet ein Ermittlungsverfahren ein.

20. März 2013

Hoeneß bekommt in seinem Haus am Tegernsee Besuch von den Ermittlern. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Dieser wird außer Vollzug gesetzt - gegen Zahlung einer hohen Kaution.

20. April 2013

Der „Focus“ macht den Fall öffentlich und berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst.

21. April 2013

Hoeneß schließt einen Rücktritt als Vereinspräsident aus. Die Kritik an ihm nimmt zu. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) rückt von ihm ab, zeigt sich „enttäuscht“.

23. April 2013

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet über den Haftbefehl und die Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro.

1. Mai 2013

Hoeneß erklärt in einem „Zeit“-Interview Reue und gibt Einblick in sein Seelenleben. Verbindungen seines Schweizer Kontos zum Rekordmeister schließt der Bayern-Präsident darin aus.

6. Mai 2013

Hoeneß bleibt nach einem 8:0-Votum der Mitglieder Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern München AG.

25. Mai 2013

Selbst im Moment des großen Triumphes des FC Bayern steht Hoeneß unter dem Eindruck der Steueraffäre. Fast schüchtern greift er im Londoner Wembleystadion nach dem 2:1 im Finale gegen Borussia Dortmund nach dem Champions-League-Pokal.

30. Juli 2013

Die Staatsanwaltschaft München erhebt Anklage gegen Hoeneß wegen Steuerhinterziehung.

4. November 2013

Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München II lässt die Anklage gegen den Bayern-Präsidenten „unverändert“ zu.

13. November 2013

Hoeneß wird auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern von den Mitgliedern gefeiert. Er vergießt Tränen und kündigt an, nach seinem Steuerstrafprozess auf einer außerordentlichen Versammlung die Mitglieder über seine Zukunft entscheiden zu lassen.

23. Januar 2014

Die Staatsanwaltschaft München lässt bayerische Finanzbehörden wegen des Verdachts der Verletzung des Steuer- und des Dienstgeheimnisses durchsuchen. Es geht um die Frage: Wer gab Dokumente aus Hoeneß' Steuerakte an die Presse weiter?

10. März 2014

Begleitet von einem riesengroßen Medieninteresse beginnt in München der Prozess im „Strafverfahren gegen Ulrich H.“ Hoeneß gesteht, 18,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben.

11. März 2014

Die Summe der hinterzogenen Steuern wird immer höher. Hoeneß soll sogar mindestens 27,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben. Grundlage sind Berechnungen einer Steuerfahnderin.

12. März 2014

Die schwindelerregende Steuerschuld hält die Hoeneß-Verteidigung für „sachgerecht“. Die Selbstanzeige habe sämtliche Zahlen bereits enthalten.

13. März 2014

Uli Hoeneß wird zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Das Landgericht München spricht den Präsidenten des FC Bayern München wegen Steuerhinterziehung schuldig.

14. März 2014

Uli Hoeneß akzeptiert seine Haftstrafe und tritt mit sofortiger Wirkung von seinen Ämtern als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern München zurück.

20.September 2014

Uli Hoeneß bekommt nach dreieinhalb Monaten Haft das erste Mal Ausgang. Die Hafterleichterung hängt einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge mit der vollständigen Begleichung seiner Steuerschuld zusammen. Hoeneß soll zuvor gut 30 Millionen Euro an das Finanzamt Miesbach überwiesen haben.

31. Dezember 2014

Zweiter Urlaub für Hoeneß. Er darf den Jahreswechsel zu Hause verbringen. Schon zu Weihnachten hatte Hoeneß Urlaub erhalten und durfte zwei Nächte außerhalb der Gefängnismauern schlafen. Seit Jahresbeginn 2015 ist Hoeneß Freigänger. Er muss jetzt nur noch zum Schlafen in die JVA, darf tagsüber außerhalb des Gefängnisses einer geregelten Arbeit nachgehen.

24. Februar 2015

Sat.1 beginnt mit den Dreharbeiten zu einer Satire, die an den Fall Hoeneß angelehnt ist. Uwe Ochsenknecht spielt die Hauptrolle. Im Mai beginnt das ZDF mit den Dreharbeiten zu einem Doku-Drama mit dem Titel „Uli Hoeneß - Der Patriarch“.

3. November 2015

Der Anwalt von Hoeneß bestätigt, dass sein Mandant einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung gestellt hat. Eine Freilassung ist frühestens zur Hälfte der Haftstrafe möglich - zum 29. Februar 2016.

21. Dezember 2015

Hoeneß ruft beim Radiosender Antenne Bayern an und spendet bei einer weihnachtlichen Spendenaktion 10 000 Euro.

18. Januar 2016

Die für das Landsberger Gefängnis zuständige Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Augsburg entscheidet, dass die Haftstrafe zum 29. Februar ausgesetzt wird. Hoeneß erhält eine dreijährige Bewährungszeit.

Ein „bestimmter Tatverdächtiger“ habe aber nicht festgestellt worden, berichtete das Blatt. Nach Erkenntnissen der Ermittler hätten beim bayerischen Fiskus insgesamt 8130 Zugriffsberechtigungen für die elektronischen Steuerakten von Hoeneß vorgelegen. Da einzelne Beamte mehrere Berechtigungen gehabt hätten, habe die Zahl der „personen- oder funktionsbezogenen Zugriffsberechtigungen“ bei 2949 gelegen.

Nur bei 462 Mitarbeitern beziehungsweise Dienststellen sei elektronisch protokolliert worden, wenn jemand die Hoeneß-Akten gelesen habe. Die übrigen 2487 Beschäftigten oder Stellen konnten demnach auf ihren Computern ohne jede Kontrolle die Steuerbescheide und andere Unterlagen des Bayern-Managers sichten oder gar ausdrucken.

Hoeneß war im März wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte für Spekulationsgeschäfte in der Schweiz jahrelang keine Steuern gezahlt und dadurch Steuern in Höhe von rund 28,5 Millionen Euro hinterzogen. Hoeneß ist seit Anfang Juni in der Justizvollzugsanstalt Landsberg inhaftiert.

Von

afp

Kommentare (5)

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Herr Manfred Zimmer

25.08.2014, 13:37 Uhr

Die Staatsanwaltschaft stellt die Untersuchungen ein und befindet damit gleichzeitig, dass der Ministerpräsident Horst Seehofer nicht in der Lage sein soll den "Geschäftsbetrieb" in Bayern so zu gestalten, dass das Steuergeheimnis gewährleistet ist.

Ich hatte stets Zweifel am Steuergeheimnis, aber jetzt wissen wir es alle, dass im Fall "Honeß" ein ganzes Dorf informiert war. So kann jederzeit wieder eine "andere Sau" durchs Dorf treiben kann.

Langsam ist es aber genug, was sich da in Bayern tut. Die überholen ja bald die Niedersachsen.

Herr Heinz Keizer

25.08.2014, 13:45 Uhr

wenn etwas nicht gefunden werden darf, dann wird es auch nicht gefunden. 2487 Beschäftigte haben Zugriff, aber es wird nicht protokolliert, ob sie zugegriffen haben? Ein merkwürdiges Sicherungssystem. Was waren denn das für Leute? Lehrlinge, Putzfrauen? Richtig wäre ja wohl, dass nur der/die Sachbearbeiter und ihre Vorgesetzten Zugang haben. Da dürfte das Dutzend doch wohl nicht überschritten werden. Was ist mit den 462? Ist wenigstens da geprüft worden, ob die was weitergegeben haben? Für mich wird durch diese Einstellung nur dokumentiert, wer eigentlich in Deutschland die Macht hat. Nicht die Abgeordneten, nicht die Regierung, nicht die Justiz sondern die Medien.

Herr Markus Gerle

25.08.2014, 13:52 Uhr

Das Steuergeheimnis wird doch sowieso von den Behörden nicht ernst genommen. Bei meinem Finanzamt in NRW herrscht dermaßen Chaos, dass man zur Not auch die Putzfrau fragen kann, ob sie da mal in der Akte nachschauen kann. Und als mein Finanzamt mal wieder richtig großen Mist gebaut hatte (gleich mit Strafanzeige und Steuerstasi) kam dann als Enschuldigung, dass die Steuererklärung von einem MA aus dem Bürgerbüro und gar nicht von einem Finanzbeamten bearbeitet wurde. Was aber erstaunlich gut funktioniert ist die Geheimhaltung innerhalb der Behörde was ihre eigenen MA betrifft. Denjenigen, der mir damals eine an den Haaren herbeigezogene Strafanzeige gegen mich erstattet hatte, konnte ich nie ermitteln. Auch bei anderen massiven Fehlern des Finanzamtes, die meines Erachtens schon den Tatbestand des Betruges bzw. versuchten Betruges erfüllen, konnte ich die verantwortlichen Beamten nie ermitteln. Da halten alle dicht. Auch die Freaks von der Steuerstasi.

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