Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.01.2012

13:09 Uhr

Suche nach Überlebenden

Auch Deutsche unter den Vermissten

Das Auswärtige Amt spricht von „einigen ungeklärten Fällen“: Nach der Havarie des italienischen Kreuzfahrtschiffes gibt es noch keine letzte Sicherheit darüber, ob alle deutschen Passagiere überlebt haben.

Havarie

Amateurvideo zeigt Panik an Bord der „Costa Concordia“

Havarie: Amateurvideo zeigt Panik an Bord der 'Costa Concordia'

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Rom/BerlinNach dem Schiffsunglück in Italien gibt es nach Angaben des Auswärtigen Amtes noch keine abschließende Sicherheit über den Verbleib einiger deutscher Passagiere. Es gebe noch „einige ungeklärte Fälle“, sagte eine Sprecherin der Behörde am Sonntag in Berlin.

Dabei könne es sich unter anderem um Menschen handeln, die kein Telefon hätten oder nach dem Unglück verwirrt seien. Berichte, wonach noch zwei Deutsche vermisst werden, wollte die Sprecherin ausdrücklich nicht bestätigen. Auch machte sie keine Angaben dazu, ob Deutsche möglicherweise noch in dem Schiff sind.

Etwa zehn deutsche Passagiere seien verletzt worden. Der letzte sei am Sonntag aus dem Krankenhaus entlassen worden. Aus Datenschutzgründen könnten die genauen Passagierlisten nicht veröffentlicht werden.

Unterdessen haben Rettungskräfte an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffs einen dritten Überlebenden entdeckt. Die Retter hätten mit dem eingeschlossenen Mann gesprochen, ihn aber noch nicht geborgen, sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari am Sonntag. Der Mann sei Italiener und gehöre zum Kabinenpersonal der „Costa Concordia“. Möglicherweise habe er ein gebrochenes Bein, sagte Cari.

Bereits am späten Samstagabend wurde ein südkoreanisches Paar aus dem auf der Seite liegenden Schiff gerettet. Am späten Samstagabend hätten Feuerwehrleute, die das Schiff absuchten, Rufe gehört, sagte Marcello Fertitta von der Küstenwache. „Eine von einer männlichen Stimme, die andere eine weibliche Stimme“. Das südkoreanische Paar auf Hochzeitsreise war in dem Teil des Schiffs eingeschlossen, der noch oberhalb der Wasserlinie lag. Sie seien in guter Verfassung befreit worden, sagte Feuerwehrsprecher Vincenzo Bennardo nach ihrer Rettung.

Taucher der Polizei und weitere Rettungskräfte waren am Sonntag weiter auf der Suche nach Überlebenden. Die Taucher sollten ins Innere des Schiffs vordringen für den Fall, dass dort noch Menschen eingeschlossen sind, teilte die Küstenwache mit.

Drei Menschen kamen nach bisherigem Kenntnisstand ums Leben, nachdem das Schiff am Freitagabend vor der toskanischen Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen, in Schieflage geraten und schließlich auf die Seite gekippt war. Der Verbleib von etwa 40 Menschen war noch ungeklärt.

Die Schiffs-Unglücke der vergangenen Jahre

September 2011

Bei einem Brand auf dem Passagierschiff „Nordlys“ im Hafen der norwegischen Stadt Ålesund kommen zwei Besatzungsmitglieder ums Leben. 16 Menschen erleiden Verletzungen, darunter zwei Deutsche.

Oktober 2010

Das Kreuzfahrtschiff „Costa Classica“ wird bei einer Kollision mit einem Frachter vor dem Hafen der chinesischen Metropole Shanghai beschädigt. Mindestens zehn Passagiere werden verletzt.

März 2010

Im Sturm vor der spanischen Costa Brava zertrümmern Wellen von bis zu acht Metern Höhe Teile der Aufbauten des Kreuzfahrtschiffes „Louis Majesty“ und drücken mehrere Fenster ein. Ein 69-jähriger Urlauber aus Nordrhein-Westfalen und ein 52 Jahre alter Italiener werden getötet, 16 weitere Passagiere verletzt.

November 2007

Das Kreuzfahrtschiff „Explorer“ rammt im Morgengrauen zwischen der Südspitze Amerikas und der Antarktis einen Eisberg und schlägt Leck. Die 100 Passagiere und 54 Besatzungsmitglieder werden in Sicherheit gebracht.

April 2007

Vor dem Hafen der griechischen Insel Santorin läuft das Kreuzfahrtschiff „Sea Diamond“ nach einem Navigationsfehler auf Grund und sinkt. Zwei Passagiere ertrinken. Die anderen rund 1500 Menschen an Bord werden gerettet. Der Kapitän und drei Besatzungsmitglieder werden festgenommen.

November 2001

Nach einem im Maschinenraum ausgebrochenen Feuer rammt das deutsche Kreuzfahrtschiff „Arkona“ beim Einlaufen in den spanischen Hafen von Mahon auf der Baleareninsel Menorca eine Kaimauer. Das aus der Fernsehserie „Traumschiff“ als „Astor“ bekannte Schiff wird schwer beschädigt. Die rund 300 Passagiere werden in ihre Heimatländer zurückgeflogen.

Szenen wie auf der „Titanic“ sollen sich nach der Havarie auf der „Costa Concordia“ abgespielt haben. Viele der über 3.000 Passagiere beklagten, dass die Besatzung ihnen keine ausreichenden Anweisungen zur Evakuierung des Schiffs gegeben habe. Außerdem werfen sie der Crew vor, die Aussetzung der Rettungsboote so lange verzögert zu haben, bis sie wegen der Schräglage des Schiffs nicht mehr ausgebracht werden konnten. Mehrere Passagiere berichteten, Besatzungsmitglieder hätten den Passagieren 45 Minuten lang erzählt, der Lichtausfall sei durch ein einfaches technisches Problem verursacht worden.

Weiter berichteten die Passagiere, dass seit dem Beginn der Kreuzfahrt am 7. Januar bis zu dem Unglück keine Evakuierungsübung abgehalten worden sei. Für Samstag war eine solche Übung geplant.

Die Kreuzfahrt-Industrie boomt wie nie

Großes Potenzial

Kreuzfahrten erfreuen sich besonders bei deutschen Urlaubern immer größerer Beliebtheit - ein boomendes Geschäft für die Touristikindustrie. Der Urlaub auf dem Schiff ist nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) das am schnellsten wachsende Segment der Branche. In der Bundesrepublik sehen die Anbieter noch besonders große Wachstumschancen, sagte ein DRV-Sprecher.

Im Ausland ist der Markt wesentlich entwickelter

Denn während hier jährlich erst 1,5 Prozent der Bevölkerung Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff verbrächten, seien es in Großbritannien bereits drei und in den USA sogar fünf Prozent. Im vergangenen Jahr stiegen die Umsätze mit Hochsee- und Flusskreuzfahrten einer DRV-Schätzung zufolge um zwölf Prozent. Auch die Passagierzahl habe 2011 erneut deutlich zugelegt, Zahlen lägen hier aber noch nicht vor.

Traumhafte Aussichten

Im Jahr 2010 verzeichneten die deutschen Anbieter allein bei Hochseekreuzfahrten ein Plus von 19 Prozent auf 1,2 Millionen Passagiere. Der Umsatz der deutschen Branche mit dem Urlaub auf hoher See wuchs 2010 um sieben Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro. Bei Flusskreuzfahrten stieg die Zahl der Urlauber um neun Prozent auf gut 430.000.

Beliebte Reiseziele der Deutschen

Die beliebteste Kreuzfahrtregion deutscher Urlauber ist das westliche Mittelmeer. Auf den weiteren Rängen folgen Touren in den hohen Norden - nach Norwegen, Spitzbergen, Island und Grönland -, ins östliche Mittelmeer, zu den Kanarischen Inseln und auf der Ostsee.

Hart umkämpfter Markt für Giganten

Zu den weltweit größten Kreuzfahrtanbietern zählt der US-Konzern Carnival , dessen italienisches Tochterunternehmen Costa Cruises das nun verunglückte Schiff „Costa Concordia“ unterhält. Zu Carnival gehört auch der deutsche Marktführer Aida. Weitere große Anbieter in Deutschland sind Hapag Lloyd und TUI Cruises, ein Gemeinschaftsunternehmen des Reisekonzerns TUI und des in den USA ansässigen Branchenriesen Royal Caribbean.

Der Kapitän der „Costa Concordia“ wurde zum Verhör festgenommen, berichtete das öffentlich-rechtliche italienische Fernsehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt demnach wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und wegen des Verlassens des Schiffs vor anderen gegen ihn. Der italienischen Nachrichtenagentur ANSA sagte Staatsanwalt Francesco Verusio, der Kapitän habe eine Route gewählt, die zu nah an der Küste verlaufen sei.

Frankreich bestätigte unterdessen, dass zwei der Toten französische Staatsbürger waren. Ein peruanischer Diplomat identifizierte das dritte Todesopfer als ein 49-jähriges, peruanisches Crewmitglied. Mehr als 30 Personen wurden verletzt, zwei davon schwer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×