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13.01.2006

10:11 Uhr

"The show must go on"

Mardi Gras trotzt "Katrina" und Kontroversen

Mit ihrer Kultur brechen wollen die Bewohner von New Orleans trotz "Katrina", trotz der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich und Schwarz und Weiß nicht. Mardi Gras ist für die Bevölkerung in diesem Jahr nicht nur ein Fest, es zeigt, dass es trotz schwerer Schicksalsschläge weiter geht. Das Herz der Stadt schlägt noch.

Auch im 150. Karneval-Jubiläumsjahr will New Orleans seinen weltberühmten Mardi Gras feiern. Foto: AP

Auch im 150. Karneval-Jubiläumsjahr will New Orleans seinen weltberühmten Mardi Gras feiern. Foto: AP

HB WASHINGTON. New Orleans feiert wieder Mardi Gras, seinen weltberühmten Karnival - trotz des Hurrikans „Katrina“, trotz anhaltenden Elends, bitterer Kontroversen, einer neu aufflammenden Debatte über Arm oder Reich, Schwarz oder Weiß. „The Show must go on“, die Show muss weiter gehen, befanden die Stadtoberen, auch wenn erst ein Viertel der Bevölkerung in die im August 2005 durch den Hurrikan überflutete US-Jazzmetropole zurückgekehrt ist. Immer noch liegen tausende zerstörte Häuser in Trümmern, in Teilen der Stadt riecht es nach Fäulnis und Schimmel, und mit der Stromversorgung hapert es.

Aber Mardi Gras ausfallen zu lassen, und das auch noch ausgerechnet im 150. Karneval-Jubiläumsjahr - „das wäre wie eine Kapitulation, ein Zeichen, dass wir uns aufgegeben haben“, sagte Bürgermeister Ray Nagin. Und so schnitt er denn kürzlich tapfer lächelnd den mit Zucker in den Mardi-Gras-Farben Purpur, Grün und Gold verzierten Riesenkuchen an, eine Zeremonie, die traditionell die - von Woche zu Woche immer turbulenter werdende - Saison der Umzüge, Paraden und Festbälle einläutet. Höhepunkt ist dann der 28. Februar, der „fette Dienstag“ (auf Französisch Mardi Gras), der Tag vor Aschermittwoch, an dem ja bekanntlich alles vorbei ist.

Nicht so in New Orleans, hoffen Nagin und andere, die trotz wütender Proteste von Hurrikan-Opfern am diesjährigen Karneval festgehalten haben. Sie wollen nicht nur signalisieren, dass diese Stadt sich nicht unterkriegen lässt, sondern versprechen sich auch klingende Münze durch die Mardi-Gras-Besucher und damit eine Vitaminspritze für die finanziell am Boden liegende Metropole.

Hunderttausende Touristen hat es bisher alljährlich zum Karneval in die Stadt gezogen, fast eine Milliarde Dollar wurde dadurch jedes Mal in die örtliche Wirtschaft gepumpt. Wie viele Gäste im Laufe der nächsten Wochen kommen, weiß man noch nicht genau, aber es werden mit Sicherheit deutlich weniger sein. Denn viele haben ganz einfach keine Lust zum Feiern auf Ruinen. So wird Mardi Gras auch organisatorisch diesmal kleiner ausfallen. Nur acht große Paraden soll es geben - mehr nur dann, wenn sich kommerzielle Sponsoren finden, die für anfallende Überstunden von Polizei und Straßenreinigern aufkommen. Für Hotelzimmer, so verspricht die Tourismusbehörde, wird in jedem Fall gesorgt sein. Bis Februar sollen 25 000 zur Verfügung stehen. Vor „Katrina“ waren es 35 000.

Aber auch ein Karneval im kleineren Format stößt bei vielen Einheimischen auf Unverständnis. Vor allem Einwohner, die immer noch weit entfernt von daheim untergebracht sind, sehen überhaupt keinen Grund zum Feiern und haben Nagin bedeutet, dass er sich besser auf den Wiederaufbau konzentrieren solle. Bisher allerdings nicht offiziell bestätigte Berichte, nach denen möglicherweise tausende in Hotels in New Orleans untergebrachte Hurrikan-Opfer ihre Betten für närrische Touristen räumen sollen, haben den Kritikern noch Wasser auf die Mühlen gegeben. Auch die Schwarzenorganisation NAACP in Louisiana hält es für ein falsches Signal „zu feiern, wenn viele Leute noch nicht einmal nach Hause zurückkehren können“.

Dabei spricht aus den Worten der Kritiker mehr als nur Verbitterung über ihrer Ansicht nach falsch gesetzte Prioritäten. Im Zuge des Tauziehens um den Wiederaufbau der Stadt ist eine neue Rassismus-Debatte entbrannt. Nach einem jüngsten von einer Kommission vorgelegten Plan sollen in den besonders wenig geschützten und folglich besonders schwer von „Katrina“ verwüsteten Gebieten zumindest vorerst keine Häuser neu errichtet und vielleicht ganze Stadtviertel aufgegeben werden. Das sind aber genau jene ärmeren Regionen, in denen hauptsächlich Schwarze wohnten. Sie befürchten jetzt, dass man sie ausgrenzen will, dass New Orleans ganz den Weißen gehören soll. Wie hoch die Emotionen kochen, spiegelte sich erst am Mittwoch in Tumulten bei einer Bürgerversammlung wider. Aber Nagin und andere Befürworter glauben, dass derartige Kontroversen noch ein Grund mehr sind, sich Mardi Gras hinzugeben. Der Karneval sei nötig für die Psyche der Menschen, argumentieren sie, „wie eine Art Gruppentherapie“.

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