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16.06.2015

11:55 Uhr

Tod der Studentin Tugce

Drei Jahre Jugendhaft für Sanel M.

Quelle:dpa

Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce hat das Landgericht Darmstadt ein Urteil gesprochen. Der Angeklagte Sanel M. wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Haft verurteilt.

Drei Jahre Haft

Fall Tugce: So versteckte sich der Täter vor Gericht

Drei Jahre Haft: Fall Tugce: So versteckte sich der Täter vor Gericht

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DarmstadtWegen des gewaltsamen Todes der Studentin Tugce muss der 18 Jahre alte Sanel M. für drei Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Darmstadt sprach ihn am Dienstag nach dem Jugendstrafrecht der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig.

Vor dem mit Spannung erwarteten Urteil im Prozess war es am Dienstag im Landgericht Darmstadt zu einem Tumult gekommen. Einige Zuschauer hätten sich in der Warteschlange vor dem Gerichtssaal vordrängeln wollen, teilte ein Sprecher des Gerichts mit. Als andere mit Unverständnis darüber reagiert hätten, habe es Beleidigungen und Rangeleien gegeben. Die Polizei wurde alarmiert. Als die Beamten kamen, schien wieder Ruhe eingekehrt zu sein.

Die wichtigsten Fakten zum Tugce-Prozess

Die Antworten zum Prozess

Im Prozess um den Tod der Studentin Tugce wird am Dienstag (11.30 Uhr) das Urteil gegen Sanel M. verkündet. Was hat die Beweisaufnahme ergeben? Mit welcher Strafe muss der 18-Jährige rechnen? Die wichtigsten Antworten zu dem Prozess:

Was wird Sanel M. vorgeworfen?

Er ist vor dem Landgericht Darmstadt wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Zum Prozessauftakt gestand er, Tugce in der Nacht des 15. November 2014 auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach eine Ohrfeige gegeben zu haben. Die damals 22 Jahre alte Lehramtsstudentin stürzte, zog sich schwere Kopfverletzungen zu und starb später in einem Krankenhaus.

Woran starb Tugce genau?

Todesursache war eine Hirnblutung. Diese wurde nach Aussage des Gutachters durch den harten Aufschlag des Kopfes auf den Boden ausgelöst. Möglicherweise hatte Tugce durch die Ohrfeige einen Blackout, so dass sie ohne Abwehrreaktion stürzte. Nicht für den Tod ursächlich waren die Ohrringe der jungen Frau. Zwar bohrte sich beim Sturz eine drei Zentimeter lange Kante in den Kopf. Dies führte laut Gutachter aber nicht zur Hirnblutung.

Wieso erregte der Fall so großes Aufsehen?

Tugce soll auf der Toilette des Restaurants zwei damals 13-jährigen Mädchen geholfen haben, Sanel M. und dessen Freunde loszuwerden. Dass sie später zu Tode kam, wurde mit diesem Vorfall in Verbindung gebracht, ihr Verhalten als Beispiel für Zivilcourage gefeiert. Im Prozess blieb jedoch offen, ob die Mädchen tatsächlich die Hilfe Tugces benötigt hatten. Zudem wurde klar, dass sich die Gruppe um Sanel M. mit Tugce und ihren Freundinnen mehrfach gegenseitig schwer beleidigt und provoziert hatten.

Welche Rolle spielten die Zeugen?

Die Zeugen äußerten sich vor Gericht oft widersprüchlich, wichen von ihren früheren Aussagen teils deutlich ab oder stellten sich offensichtlich auf die Seite Tugces oder Sanel Ms. „Nur mit Zeugenbeweisen alles aufzuklären wäre äußerst schwierig gewesen“, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm. Nutzen konnten die Prozessbeteiligten allerdings Aufnahmen mehrerer Überwachungskameras am Tatort.

Wird Sanel M. als Erwachsener oder als Jugendlicher behandelt?

Anklage, Nebenklage und Verteidigung plädierten auf eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht, da Sanel M. zum Zeitpunkt der Tat gerade 18 Jahre und zehn Tage alt war und bei ihm eine Reifeverzögerung vorliegt. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Gericht dieser Auffassung folgen wird.

Welches Strafmaß muss er erwarten?

Das Jugendstrafrecht sieht für gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge ein Strafmaß zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor. Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Plädoyer drei Jahre und drei Monate Jugendgefängnis. Die Nebenklage deutete an, dass sie eine höhere Strafe begrüßen würde. Die Verteidigung plädierte auf eine Jugendstrafe von einem Jahr, die zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Der Bewährungszeitraum soll zwei Jahre betragen, erklärte Christian Heinemann, einer von drei Verteidigern.

Bereut Sanel M. seine Tat?

Aufrichtige Reue ist ein wichtiger Bestandteil für die Bemessung des Strafmaßes. Gleich zu Beginn des Prozesses entschuldigte sich Sanel M. unter Tränen. Die Nebenklage wertete dies als Prozesstaktik. Auch nach den Plädoyers sagte der Angeklagte, der Schlag sei der schlimmste Fehler seines Lebens gewesen. Sein Anwalt Heinz-Jürgen Borowsky erklärte, ihm liege eine schriftliche Entschuldigung an die Familie Tugces vor, die er bislang nicht veröffentlicht habe, weil diese angesichts der „Treibjagd“ einiger Medien ohnehin nur gegen seinen Mandanten ausgelegt worden wäre.

Wie geht Tugces Familie mit der Tat um?

Vater, Mutter und die beiden Brüder leiden nach Tugces Tod schwer unter dem Verlust - den Prozess verfolgten sie sichtlich gezeichnet, vor allem die Mutter weinte immer wieder. Die Eltern sind arbeitsunfähig und in psychologischer Behandlung. Der jüngere Bruder hat sein Studium unterbrochen, der ältere seine Lehre abgebrochen.

Sanel M., der kurz vor der Tat 18 Jahre alt wurde, hatte zugegeben, der 22-jährigen Tugce im November vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach heftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Sie fiel hin und erlitt tödliche Kopfverletzungen. Nach Jugendstrafrecht hätte Sanel M. am zehnten Verhandlungstag auch mit einer Bewährungsstrafe davonkommen können.

Die Staatsanwaltschaft verlangte für Sanel M. eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und drei Monaten nach dem Jugendstrafrecht. Die Nebenklage forderte eine längere Haftdauer, ohne einen konkreten Zeitraum zu nennen. Die Verteidigung meint, eine Bewährungsstrafe würde genügen, sie nannte ein Jahr.

Der Fall hatte großes Aufsehen erregt, auch über Deutschland hinaus. Tugce soll vor dem Schlag des Angeklagten Zivilcourage bewiesen haben. Sie habe auf der Toilette des Restaurants zwei Mädchen vor Sanel M. in Schutz genommen. Freunde sehen in ihr deshalb eine Heldin.

Der Fall Tugce: die Chronologie

15. November 2014

Die 22-Jährige wird nach einem Streit auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants mit einem Schlag niedergestreckt. Sie schlägt mit dem Kopf auf dem Boden auf. Der 18 Jahre alte Sanel M. wird festgenommen. Tugce soll versucht haben, einen Streit zu schlichten.

26. November 2014

Nach tagelangem Koma im Krankenhaus stellen Ärzte den Hirntod der jungen Frau fest.

28. November 2014

Tugces Eltern lassen die lebenserhaltenden Apparate abschalten - am 23. Geburtstag ihrer Tochter. Vor der Klinik in Offenbach versammeln sich etwa 1500 Menschen und nehmen Abschied.

1. Dezember 2014

Die Polizei findet nach tagelanger Suche die Mädchen, denen Tugce vor der tödlichen Attacke geholfen haben soll. Zwei Tage später, am 3. Dezember, wird Tugce beigesetzt.

3. Feburar 2015

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Sie wirft dem mutmaßlichen Schläger Körperverletzung mit Todesfolge vor.

24. April 2015

Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Darmstadt räumt der Angeklagte den Angriff auf Tugce ein. Im weiteren Verlauf des Verfahrens berichten Zeugen, dass sich die Gruppen um Täter und Opfer mehrfach gegenseitig schwer beleidigt hätten.

29. Mai 2015

Die Verteidiger des mutmaßlichen Schlägers halten den Vorsitzenden Richter für befangen. Das Verfahren wird aber zunächst fortgesetzt.

3. Juni 2015

Der Befangenheitsantrag gegen den Richter wird abgelehnt, die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Nach dem Gutachten eines Rechtsmediziners starb Tugce an einer Hirnblutung. Sie sei Folge eines schweren Sturzes gewesen.

10. Juni 2015

Das Oberlandesgericht Frankfurt verwirft eine Beschwerde gegen die Untersuchungshaft für den Angeklagten. Weil Sanel M. in Deutschland massiv bedroht werde, sei zu befürchten, dass er sich ins Ausland absetze, heißt es unter anderem in der Begründung.

12. Juni 2015

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Die Verteidigung plädiert auf eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Sanel M. sagt in seinem Schlusswort, die Tat tue ihm leid. Der Richter setzt die Urteilsverkündung für den 16. Juni an.

Als Tugces Eltern am 28. November 2014 nach dem Hirntod ihrer Tochter die lebenserhaltenden Apparate abschalten ließen, versammelten sich vor dem Krankenhaus in Offenbach etwa 1500 Menschen, um Anteilnahme zu zeigen.

In dem Verfahren hat das Landgericht Darmstadt mehr als 60 Zeugen vernommen, auch Freundinnen von Tugce sowie Freunde von Sanel M.. Schnell wurde klar, dass sich beide Seiten vor dem Schlag gegenseitig übel beleidigten. Oberstaatsanwalt Alexander Homm sagte in seinem Plädoyer, weder sei Sanel M. ausschließlich ein aggressiver „Koma-Schläger“ noch Tugce eine „nationale Heldin“ für Zivilcourage.

Angeklagter zeigt Reue

Prozess im Fall Tugce: „Natürlich tut es ihm leid!“

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Kommentare (4)

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Herr Jordache Gehrli

16.06.2015, 13:43 Uhr

Versteht das jemand? Vor 4 Wochen wurde der sog. "Waldläufer" vom LG Hof zu 3 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt. Was hat der gemacht??:
da er durchs "soziale Netz" gerutscht war, hat er in Waldhütten und Gartenlauben eingebrochen. Dort hat er aber nur das mitgehen lassen, was er zum Leben gebraucht hat. Alles andere hat er nicht angerührt.
Schaden war: 1.200 € Lebensmittel und Lebensbedarf, 6.000 € Schaden durch Einbruchspuren.
Mit dem Vergehen sitzt er also nun länger ein, als der Täter im Fall Tugce..... ich versteh das jedenfalls nicht!!!!

Herr Horst Meiller

16.06.2015, 13:57 Uhr

Das versteht kein normal denkender Mensch! Man muß wohl Politiker oder Jurist sein, um das nachvollziehen zu können.. (...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Herr Jordache Gehrli

16.06.2015, 13:59 Uhr

Unsere Justiz beruht wohl zunehmend auf "Glück"....hast du "Richter gnädig" vor dir sitzen und heulst ein bisschen rum, kommst du auch als Mörder fein aus der Sache raus....sitzt "Richter gnadenlos" vor dir, gehst du 3 Jahre in Bau, weil du ein paar Brotkrumen geklaut hast....

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