Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.09.2013

10:33 Uhr

Tod nach Fenstersturz

Schriftsteller Erich Loest gestorben

Deutschland hat seinen vielleicht größten Chronisten durch Selbstmord verloren. Der Schriftsteller Erich Loest hat seinem Leben im Alter von 87 Jahren durch einen Sprung aus einem Fenster ein Ende gesetzt.

Chronist der DDR, der Wende und der Wiedervereinigung: Erich Loest. dpa

Chronist der DDR, der Wende und der Wiedervereinigung: Erich Loest.

LeipzigDas Alter forderte seinen Tribut. In seinen letzten Lebensjahren konnte Erich Loest nur noch wenig schreiben: „Einen Roman überblickt man nicht mehr in diesem Alter, da sind einem Grenzen gesetzt“, sagte der Leipziger Autor zu seinem 85. Geburtstag im Jahr 2011. Dennoch konnte er seine Leidenschaft nicht lassen. Erst vor einigen Tagen erschien eine letzte Erzählung „Lieber hundertmal irren“. Jetzt ist der Schriftsteller mit 87 Jahren gestorben - durch Suizid, wie die Polizei bestätigte. Demnach sprang der Autor am Donnerstagabend aus einem Fenster der Leipziger Uni-Klinik. Suizid, wie die Polizei bestätigte.

Zwischen seinem ersten und seinem letzten Roman - „Jungen, die übrigblieben“ (1950) und „Löwenstadt“ (2009) - liegen Dutzende Werke, in denen Loest mit einem scharfen Blick auf den Alltag die politischen Verhältnisse in Deutschland beschrieb. In seinen Romanen und Erzählungen setzte er sich immer wieder mit der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung auseinander.

Die deutsche Geschichte hat Loest wie nur wenige andere Autoren auf wechselhafte Weise am eigenen Leib erfahren: Er war junger Soldat im Zweiten Weltkrieg und NSDAP-Mitglied, trat erst mit voller Überzeugung in die SED ein und später desillusioniert wieder aus. Er verbüßte sieben Jahre wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ im gefürchteten Stasi-Knast in Bautzen - für ihn „gemordete Zeit“, wie er in einer Autobiografie schrieb.

Loest wurde im sächsischen Mittweida geboren. 1946 absolvierte der Sohn eines Eisenwarenhändlers ein Volontariat bei der „Leipziger Volkszeitung“. Nur kurz durfte er danach dort als Kreisredakteur arbeiten. Nach einer vernichtenden Kritik seines Roman-Debüts verlor er die Stelle - und wurde freier Schriftsteller. Allein zwischen 1965 und 1975 verfasste er elf Romane und 30 Erzählungen, teils unter Pseudonym, da er in der DDR noch verfemt war. Die Stasi hatte ihn lange im Visier.

Aus Protest gegen die Zensur seines Romans „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) trat der Autor 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Weil seine oppositionelle Haltung große Repressalien auslöste, siedelte er 1981 in die Bundesrepublik über. Nach dem Fall der Mauer kehrte Loest schnell in seine Wahlheimat Leipzig zurück - und mischte sich in der Stadt immer wieder in aktuelle Diskussionen ein. So protestierte der vom Kommunismus schwer enttäuschte Leipziger Ehrenbürger gegen Kunstwerke des realistischen Sozialismus im öffentlichen Raum.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Visier

15.09.2013, 18:55 Uhr

Loest hatte die DDR während schriftstellerischen Daseins erlebt, andere die Probleme der Wirtschaft hautnah - bis zur politischen Wende. Der unbequeme Autor wurde schon vor seiner Abwanderung 1981 in die BRD von internen Infos isoliert. Dies traf vor allem für die wahren Gründe des Niedergangs der DDR zu. Es sind jene, die aus dem Kalten Krieg resultierten: Wie griff die die Führung des Warschauer Vertrages in die Wirtschaft der DDR ein, oder: Die DDR als wichtigster Partner der SU und ihre militärischen Aktivitäten im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses bis 1983. Sie kosteten der DDR die Existenz. Die Stasi sah hier schon im Vorfeld Gründe, die Bürger in zunehmendem Maße zu überwachen oder rechtzeitig abzuschieben.
Loest war Vorbild für „neuzeitliche“ Schriftsteller. Z.B.: “Im Auftrag des Großen Bruders“, AAVAA 2011 oder: “Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“. Loest spielte sich nie als unfehlbaren „Schreiberling“ auf. Dies war Ansporn vor allem für wenig erfolgreiche Autoren. Es war stets möglich, Loest persönlich zu konsultieren – bei Kaffee und in ungezwungener Atmosphäre. Ich selbst habe davon Gebrauch gemacht. Als Ratgeber zu schriftstellerischen Fragen verhielt er sich auch kritisch bezogen auf das heutige Verlagswesen – zu recht. Seine Meinung zum Entstehen von sogenannten Bestsellern wie z. B. "Feuchtgebiete", "Deutschland schafft sich ab" etc. war treffend.
Loests Tod ist ein großer Verlust, zeitlos seine Werke als Zeuge der Geschichte.



Account gelöscht!

15.09.2013, 20:06 Uhr

Loest hatte die DDR während schriftstellerischen Daseins erlebt, andere die Probleme der Wirtschaft hautnah - bis zur politischen Wende. Der unbequeme Autor wurde schon vor seiner Abwanderung 1981 in die BRD von internen Infos isoliert. Dies traf vor allem für die wahren Gründe des Niedergangs der DDR zu. Es sind jene, die aus dem Kalten Krieg resultierten: Wie griff die die Führung des Warschauer Vertrages in die Wirtschaft der DDR ein, oder: Die DDR als wichtigster Partner der SU und ihre militärischen Aktivitäten im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses bis 1983. Sie kosteten der DDR die Existenz. Die Stasi sah hier schon im Vorfeld Gründe, die Bürger in zunehmendem Maße zu überwachen oder rechtzeitig abzuschieben.
Loest war Vorbild für „neuzeitliche“ Schriftsteller. Z.B.: “Im Auftrag des Großen Bruders“, AAVAA 2011 oder: “Als wir den II. Weltkrieg ausgruben …“. Loest spielte sich nie als unfehlbaren „Schreiberling“ auf. Dies war Ansporn vor allem für wenig erfolgreiche Autoren. Es war stets möglich, Loest persönlich zu konsultieren – bei Kaffee und in ungezwungener Atmosphäre. Ich selbst habe davon Gebrauch gemacht. Als Ratgeber zu schriftstellerischen Fragen verhielt er sich auch kritisch bezogen auf das heutige Verlagswesen – zu recht. Seine Meinung zum Entstehen von sogenannten Bestsellern wie z. B. "Feuchtgebiete", "Deutschland schafft sich ab" etc. war treffend.
Loests Tod ist ein großer Verlust, zeitlos seine Werke als Zeuge der Geschichte.




Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×