Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.07.2011

10:04 Uhr

Tourist-Info duzt Gäste

"Hast Du mal 'ne Unterkunft für mich?"

Fremde redet man mit "Sie" an, das lernen schon kleine Kinder. Im Urlaub aber gilt das nicht, glaubt zumindest eine Tourist-Information im Allgäu: Die Gäste dürfen sich hier duzen lassen - doch nicht allen gefällt das.

Nicole Blechinger und Sigbert Prestel sprechen ihre Kunden sofort mit "Du" an. Der Großteil findet es gut, auf einige wirkt das aber eher befremdlich. Quelle: dpa

Nicole Blechinger und Sigbert Prestel sprechen ihre Kunden sofort mit "Du" an. Der Großteil findet es gut, auf einige wirkt das aber eher befremdlich.

Wollen Gäste im Urlaub gesiezt werden oder freuen sie sich, wenn ihnen das „Du“ angeboten wird? Der Ferienort Oberstaufen im Oberallgäu hat dazu einen Pilotversuch gestartet. Im Haus des Gastes, wo sich die Touristen nach Unterkünften erkundigen oder Tipps für die Urlaubsgestaltung holen, können sie selbst bestimmen, wie sie angesprochen werden wollen.

Schon beim Eingang fällt dem Besucher etwas auf: Genau 24 Aufkleber in Form eines Fußes führen in das Haus des Gastes. Auf jedem einzelnen steht in großen Lettern das Wort „Du“. Folgt man den Aufklebern, gelangt man an einen der Info-Tresen und wird von einer freundlichen Dame im Dirndl empfangen. Ein Schild über dem Schalter verrät: „Hier werden Sie geduzt“. An anderen Schaltern bleiben die Angestellten beim "Sie".

Die Urlauberin Melanie Trotier wirft vom Eingang aus einen skeptischen Blick auf den Schalter. „Ich weiß nicht, für welchen Schalter ich mich entscheiden würde. Die Aktion ist schon nett. Aber ich glaube, ich hätte Schwierigkeiten, eine Fremde einfach so zu duzen“, sagt die 28-Jährige aus Flensburg.

Erwin Kohl hingegen findet die Idee gut. Der 75-Jährige aus Hessen lebt seit ein paar Jahren in Oberstaufen und hält die persönliche Anrede für konsequent: „Die Einheimischen duzen einen doch sowieso. Wenn es allgemein so üblich ist, finde ich das vollkommen in Ordnung.“ Seine Frau Maria ist da allerdings ganz anderer Meinung: „Ich mag nicht gleich von jedem geduzt werden. Ich gehöre zu einer Generation, die das nicht kennt.“

Orange Fußstapfen führen zum "Du"-Schalter. Entgegen erster Planungen will die Tourist-Information aber auch nach der Pilotphase nicht auf das "Sie" verzichten. Quelle: dpa

Orange Fußstapfen führen zum "Du"-Schalter. Entgegen erster Planungen will die Tourist-Information aber auch nach der Pilotphase nicht auf das "Sie" verzichten.

Um ein Bild davon zu bekommen, was die Mehrheit der Gäste will, soll der Versuch in Oberstaufen den ganzen Sommer lang laufen. Tourismus-Chefin Bianca Keybach sagt: „Der erste Eindruck ist positiv. Vor allem die Gäste aus den südlichen Bundesländern und der Schweiz reagieren begeistert, manche richtig überschwänglich.“ Auffallend sei, dass sich die Urlauber am „Du“-Schalter länger aufhalten. „Der Gast öffnet sich, das ist sehr schön.“

Dennoch werde die Touristeninformation nach dem Versuch nicht komplett auf „Du“ umstellen. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Gäste die vertrauliche Anrede ablehnt, sei es unhöflich, diese Menschen zu duzen. „Letztendlich ist der Gast König. Sein Wunsch steht für uns immer an oberster Stelle.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×