Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.03.2006

11:53 Uhr

Trusetaler Zwergenkongress

Die unergründlichen Ursprünge des Gartenzwergs

Die Liebhaber von Gartenzwergen sind erschüttert: Bislang waren sie davon ausgegangen, dass die ersten Winzlinge aus Ton und Gips im südthüringischen Gräfenroda hergestellt wurden. Doch jetzt ist möglicherweise alles anders.

HB TRUSETAL. „Recherchen im sächsischen Staatsarchiv haben erstaunliche Ergebnisse gebracht“, sagt Frank Ullrich, Chef des Zwergen-Parks Trusetal in Thüringen. Aus Leipziger Messebüchern gehe hervor, dass eine Firma außerhalb Thüringens bereits 1886 Gartenzwerge oder Gnome produzierte. Wo die saß, will Ullrich beim 1. Trusetaler Zwergenkongress am nächsten Wochenende verraten.

Ein Ausschnitt aus der Zeitschrift „Deutsche Illustrierte“ von 1893 galt bisher als Beweis dafür, dass die Wurzeln der Zwergenkultur im Thüringischen liegen. Dies gelte nun nicht mehr als ältester Nachweis. Ullrich beruhigt Thüringens Zwergenfreunde aber auch: „Das sind ja nicht die letzten Erkenntnisse, sondern die neuesten. Und sie belegen noch nicht, dass die Zwerge nicht doch in Thüringen erfunden wurden. Wir haben nur keinen Nachweis dafür.“ Er werde weiter forschen, versichert Ullrich. Im Messe-Archiv liege noch sehr viel Material, das durchforstet werden könne.

Der Trusetaler Zwergenkongress, zu dem Ullrich an diesem Freitag rund 50 Teilnehmer erwartet, soll sich in Zukunft alle zwei Jahre „sehr ernsthaft“ mit Zwergenkunde beschäftigen. 15 Millionen Zwerge stehen nach Schätzungen in deutschen Vorgärten. „Die Zwerge sind hässlich, kitschig und verpönt – aber die Leute lieben sie.“ Insofern handele es sich um ein deutsches Kulturgut.

Für die Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge (IVZSG) in Basel gilt – allen neuen Erkenntnissen zum Trotz –- Gräfenroda weiter als Geburtsstätte der so beliebt wie belächelten Gartenzwerge. Die Keramik-Manufaktur August Heissner habe vor 130 Jahren die ersten Tierköpfe und Zwerge geformt und in dem verschlafenen Städtchen am Rande des Thüringer Waldes einen Zwergenboom ausgelöst, heißt es. „Da besteht für uns gar kein Zweifel“, betont Fritz Friedmann, Präsident der Zwergenschützer.

Vorbilder sollen die meist kleinwüchsigen Menschen gewesen sein, die in den engen Bergwerken rings um Gräfenroda gearbeitet hätten. Die Vereinigung hat vor Jahren erstmals definiert, was ein „artiger“ oder „beseelter“ – also echter – Gartenzwerg ist: Er ist maximal 69 Zentimeter groß, aus Ton, hat eine Zipfelmütze, einen Bart und ist männlich. Diesbezüglich liegen die Zwergenschützer mit Reinhard Griebel über Kreuz, dem Inhaber der letzten Zwergenmanufaktur Deutschlands in Gräfenroda. Als Griebel mit der „Gräfin Roda“ eine Gartenzwergin auf den Markt brachte, erhielt er von der IVZSG postwendend eine Rüge. „Den Begriff Zwergin kennt die deutsche Sprache gar nicht“, sagt Friedmann.

„Es war nicht meine Idee, sondern die Zwerge sehnten sich nach einem weiblichen Wesen“, verteidigt sich Griebel. In den Streit um den Erfinder des „nanus hortorum vulgaris“, gemeinhin Gartenzwerg genannt, will sich Griebel nicht weiter einmischen. Er ist sich aber sicher, dass sein Urgroßvater Philipp bei der Entwicklung „maßgeblich“ beteiligt gewesen sein muss. Belegt sei, dass er 1874 eine Porzellan-Manufaktur gründete. „Leider Gottes haben wir aber keine datierten Beweise dafür, ab wann er dort auch Gartenzwerge produzierte.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×