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05.01.2005

08:55 Uhr

Türkei ist wieder ein Land mit harter Währung

Kleingeld bereitet Türken Kopfzerbrechen

An das Jonglieren mit Millionen, Milliarden und Billionen hatten sich die Türken in Jahrzehnten der galoppierenden Inflation gewöhnt. Mit der Währungsumstellung zum Jahreswechsel, durch den über Nacht aus einer Million alter Lira (TL) eine einzige neue Lira (YTL) wurde, hat sich die Türkei jetzt wieder stolz unter die Länder mit harter Währung eingereiht.

HB ISTANBUL. Die türkischen Devisenmärkte notierten den Dollarkurs am ersten Tag nach Wegfall der sechs Nullen mit knapp 1,35 Lira. Einen solchen „Traumkurs“ hatte es zuletzt 1941 gegeben. Wie stabil damals die Lira war, unterstreicht der Blick zurück: Bei Gründung der türkischen Republik 1923 betrug der Dollarkurs 1,67 Lira.

Auch im Vergleich zum Euro kann sich die türkische Währung im neuen Kleid sehen lassen: Ein Euro kostet jetzt „schlanke“ 1,81 YTL, statt mehr als 1,8 Millionen TL Ende vergangenen Jahres. Doch der Stolz der meisten Türken über die wiedergewonnene harte Währung ist nur die eine Seite der Medaille. Kopfzerbrechen bereitet vielen die ungewohnte Mikrowelt der neuen Währung: das Münzgeld. Was im Euro- Land die Cents sind, nennt sich im Land zwischen Bosporus und Ararat Kurus (phon: Kurusch) - Münzen, die viele junge Türken nur noch aus Erzählungen der Eltern und Großeltern kannten. Eine neue Lira sind gleich 100 Kurus.

Und hier beginnt das Verwirrspiel: Für einen Kurus (alt: 10 000 Lira) gab es in der alten Währung überhaupt keine Entsprechung. Vor der Währungsumstellung hatte die kleinste Münze einen Wert von 25 000 Lira. Doch was vor allem auch Euro-Touristen bei ihrem nächsten Urlaub in der Türkei verwirren dürfte: Da alte und neue Währung noch ein Jahr lang gemeinsam in Umlauf bleiben, muss sich niemand wundern, wenn er etwa beim Einkauf im Supermarkt einen bunt-gemixten Strauß Wechselgeld herausbekommt: Blanke, nagelneue 1, 10 oder 50 Kurus- Stücke zusammen mit abgewetzten 250 000 oder 500 000 alten TL- Scheinen.

Einen schweren Stand haben fliegende Händler, deren Umsätze sich im Kleingeldbereich bewegen. Klagt ein Verkäufer in Istanbul, der das Kilogramm Bananen für 2,50 YTL anbietet: „Ein Kunde gibt mir 10 YTL, ich gebe ihm 7,5 Millionen TL heraus. Er will aber neue Lira zurück. Woher soll ich die nehmen? Wir streiten, und schon bin ich den Kunden los, ohne dass er Bananen gekauft hat.“ Nicht einfach haben es auch Busfahrer, die das Ticket in Istanbul für 1,10 YTL verkaufen. „Eine Frau gibt mir 5 YTL“, schildert ein Ticketverkäufer seine ersten Erfahrungen mit dem neuen Geld. „Ich sehe, dass sie auch alte 100 000 TL hat, und sage: Gib mir die 100 000 und ich gebe 4 Millionen TL heraus. Sie will aber nicht und es gibt ein großes Geschrei.“ Sein Fazit: Der Verkauf von Fahrscheinen im Bus verspricht noch eine ganze Weile ein mühsames Geschäft zu bleiben.

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