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03.11.2014

16:46 Uhr

Türkei und der Nachwuchs

Erdogan will das 100-Millionen-Volk

VonGerd Höhler

Mindestens vier Kinder müsse jede türkische Familie in die Welt setzen, fordert Präsident Recep Tayyip Erdogan. Halit Tekin hat sein Soll bereits übererfüllt: 32 Kinder zeugte der 54-Jährige. Das reicht ihm noch nicht.

Vier Kinder sollen es bitteschön sein: Recep Tayyip Erdogan fordert die Bevölkerung auf, für reichlich Nachwuchs zu sorgen. ap

Vier Kinder sollen es bitteschön sein: Recep Tayyip Erdogan fordert die Bevölkerung auf, für reichlich Nachwuchs zu sorgen.

DiyarbakirSeit Jahren mahnt Erdogan die Türkinnen, für reichlich Nachwuchs zu sorgen: Wenn eine Familie nur ein Kind oder zwei habe, bedeute das „den Bankrott“ für die Türkei, verkündete Erdogan im Januar 2013. Nur wenn jedes Ehepaar mindestens drei Kinder zeuge, könne die Türkei die Gefahr der Überalterung bannen und zu einer Weltmacht aufsteigen.

Im September 2013 legte Erdogan nach: „Drei Kinder sind nicht genug, ihr solltet vier haben“, sagte er in der Provinz Denizli anlässlich der Eröffnung eines Geothermie-Kraftwerks zu einer Gruppe von Anhängerinnen.

Halit Tekin ist schon viel weiter. Erdogan dürfte seine Freude an dem Familienvater aus der Stadt Reyhanli unweit der syrischen Grenze haben: Mit seinen vier Frauen hat der Mann bereits 32 Kinder in die Welt gesetzt, 20 Mädchen und zwölf Jungen.

Die Karriere von Recep Tayyip Erdogan

Jugend

Der 1954 an der Schwarzmeerküste geborene Recep Tayyip Erdogan verbringt seine Jugend ab dem 13. Lebensjahr im Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpasa, wo es keine der europäisch geprägten Eliteschulen gibt. Er verkauft auf der Straße Wasser und Sesamkringel, um zum Familienunterhalt beizutragen. Erdogan besucht erst die staatlich-religiöse Imam-Hatip-Oberschule und studiert später Wirtschaftswissenschaften.

Durchbruch

Seine Karriere nimmt 1994 Fahrt auf, als er zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt wird und trotz scharfer islamistischer Rhetorik vor allem mit konkreten Verbesserungen im Alltag der Millionenstadt von sich reden macht.

Haftstrafe

1998 muss Erdogan ins Gefängnis. Er zitierte bei einer Rede ein Gedicht, in dem die Moscheen als Kasernen der Gläubigen bezeichnet werden. Die Richter legen ihm das als Volksverhetzung aus, doch während der mehrmonatigen Gefängnisstrafe feilt Erdogan an seinen weiteren politischen Plänen. Manche Gegner sagen ihm damals voraus, er könne wegen der Vorstrafe nicht einmal mehr Dorfbürgermeister werden – doch sie täuschen sich gewaltig.

Aufstieg mit der AKP

Erdogan gehört 2001 zu den Mitgründern der islamisch-konservativen AKP, die er bis heute anführt. Bereits im Jahr darauf gewinnt die AKP die Parlamentswahl, 2003 wird Erdogan Ministerpräsident. Seitdem führt er seine Partei von Wahlsieg zu Wahlsieg. Die Türkei erlebt unter seiner Regierung einen gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung.

Autoritärer Stil

Kritiker geht Erdogan persönlich an. Nach dem AKP-Sieg bei den Kommunalwahlen im März 2014 kündigt er an, Gegner „bis in ihre Höhlen“ verfolgen zu wollen. Bei der Bundesregierung sorgt das harte Durchgreifen Ankaras gegen die Proteste im Istanbuler Gezi-Park und die scharfe Kontrolle der von Oppositionellen rege genutzten sozialen Netzwerke für Stirnrunzeln. Mit Bundespräsident Joachim Gauck lieferte sich Erdogan im Frühjahr einen heftigen Schlagabtausch über Menschenrechte.

EU-Beitrittsgespräche

2005 beginnen die Beitrittsverhandlungen von der Türkei und der Europäischen Union. Doch die Forderungen der EU nach Reformen bei Meinungsfreiheit und Menschenrechten werden nach Meinung der europäischen Verhandlungsführer nur unzureichend umgesetzt. Die deutsche Kanzlerin Merkel spricht sich auch nur für eine „privilegierte Partnerschaft“ zwischen EU und Türkei aus. Die Verhandlungen kommen ins Stocken, Erdogan distanziert sich zunehmend vom Westen.

Erdogan und der Islam

In seinen Reden bezieht sich Erdogan immer wieder auf das Osmanische Reich, das nach dem Ersten Weltkrieg unterging und mit einer Republik ersetzt wurden, in der eine Trennung von Staat und Religion gilt. In den vergangenen Jahren hat der Islam aber an Bedeutung gewonnen. Manche Wähler loben Erdogan für seinen Glauben – etwa, wenn er anders als arabische Staaten im jüngsten Nahostkrieg die Stimme gegen Israel erhebt.

Faszination

Bei Anhängern kommt Erdogan mit markigen Sprüchen und scharfen Tönen gut an. Er verfügt über schier unbändige Energie und tritt auch außerhalb von Wahlkampfzeiten so häufig auf Kundgebungen auf, dass Kritiker fragen, wann er überhaupt Zeit zum Regieren finde. Auf den Großveranstaltungen gibt er sich als zupackender Mann des Volkes, der die Türkei vor bösen Mächten – also vor seinen Gegnern – schützt. Der Kolumnist Kadri Gürsel schreibt von einem regelrechten „Erdogan-Kult“, der sich um den Politiker gebildet habe.

Korruption

Im Dezember 2013 sickert ein abgehörtes Telefonat von Erdogan und seinem Sohn Necmeddin Bilal in die Öffentlichkeit durch. Der Premier warnt seinen Sohn darin, Geld aus dem Haus zu bringen und vor Ermittlern zu verstecken. Derweil sind zahlreiche Parteifreunde und Minister von Erdogan in einen Korruptionsskandal verwickelt. Es geht unter anderem um Vetternwirtschaft und dubiose Geldgeschäfte.

Und damit soll nicht Schluss sein. Er wolle 50 Kinder zeugen, sagte Tekin der Nachrichtenagentur Dogan. Da muss er sich allerdings beeilen, denn seine beiden jüngsten Frauen sind immerhin schon 41. Notfalls müsste sich der schnauzbärtige Mann wohl eine fünfte, jüngere Frau zulegen.

Seine erste Frau Nihal heiratete Tekin 1982. Sie war damals 15. Die Ehe mit Nihal ist die einzige offizielle Verbindung, denn Polygamie ist in der Türkei verboten, wenngleich sie vor allem im Osten und Südosten des Landes weithin praktiziert wird. Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2013 leben fast 400.000 türkische Männer in polygamen Beziehungen.

Neben seiner offiziell angetrauten Gattin Nihal gehören die Frauen Gül Sasar (41), Zekiye Kogu (41) und Fatma Budak (54) zur Familie. Streit gebe es unter seinen Frauen nicht, berichtete Tekin dem Reporter der Agentur Dogan, sie leben in getrennten Wohnungen.

Kommentare (23)

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03.11.2014, 17:07 Uhr

Noch so ein wirrer Versuch um Raum und Volk.
Vielleicht schafft er ja auch die tausend Jahre deutscher Berechnung, also fast zwölf - seit Beginn seiner politischen Laufbahn gerechnet.

Herr Jens Muche

03.11.2014, 17:15 Uhr

Sollen sie Kinder haben soviel der Präsident möchte aber dann bitte auch selbst ernähren, ausbilden, in Arbeit bringen, Wohnraum schaffen, Infrastruktur ohne fremde Hilfe ausbauen und nicht einfach den Geburtenüberschuß nach Europa in die EU besonders nach Deutschland entsorgen, von der Sorte Mitbürger haben wir schon genug im Land, mehr braucht es nicht.

Herr Peter Krauss

03.11.2014, 17:30 Uhr

Hat jemand die Türken in Deutschland mitgezählt ?

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