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15.05.2014

18:14 Uhr

Türkei

Wut und Trauer nach Grubenunglück in Soma

Während in Soma die toten Kumpel zu Grabe getragen werden, facht ein Berater von Ministerpräsident Erdogan die Wut nach dem Grubenunglück weiter an. Tausende fordern den Rücktritt des Regierungschefs.

Familienmitglieder beten in Soma für die Opfer des Grubenunglücks. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 282. ap

Familienmitglieder beten in Soma für die Opfer des Grubenunglücks. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 282.

Istanbul/ SomaNach dem verheerenden Grubenunglück mit mehr als 280 Toten in der Türkei wächst die Wut auf die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Entrüstung löste ein Berater Erdogans aus - er soll am Ort der Katastrophe in Soma auf einen Demonstranten eingetreten haben. In Soma kam es zu herzzerreißenden Szenen, als Familien die toten Kumpel zu Grabe trugen. Dutzende Bergleute sind noch unter Tage eingeschlossen. Kritiker werfen der Regierung vor, trotz Sicherheitsbedenken eine schützende Hand über das Kohlebergwerk gehalten zu haben.

Berater Yusuf Yerkel hatte Erdogan am Mittwoch bei einem Besuch in Soma begleitet, als dieser ausgebuht wurde. Auf Fotos ist zu sehen, wie Yerkel auf einen Mann eintritt, den zwei Sicherheitskräfte am Boden festhalten. Medienberichten zufolge sagte Yerkel, bei dem Mann habe es sich um einen militanten Linken gehandelt, der ihn und Erdogan angegriffen und beleidigt habe.

Die Zahl der Toten stieg nach Angaben von Energieminister Taner Yildiz auf mindestens 282. Das Grubenunglück in Soma vom Dienstag ist damit das schwerste in der Geschichte der Türkei. Es ist zugleich das schlimmste weltweit seit fast 40 Jahren.

Nach Angaben der Betreibergesellschaft Soma Holding wurden insgesamt 450 Kumpel lebend gerettet. Darunter seien 80 Verletzte, die noch in Krankenhäusern behandelt würden. Energieminister Yildiz hatte am Mittwoch gesagt, zum Zeitpunkt der Katastrophe seien 787 Arbeiter in der Zeche gewesen. Somit wäre das Schicksal von 55 Arbeitern ungeklärt. Hoffnung auf Überlebende gab es kaum noch.

Die größten Minenunglücke der vergangenen Jahre

2005

Eine Explosion in einem Kohleschacht kostet 203 Bergleuten in der Region Fuxin im Südwesten Chinas das Leben. Zwölf weitere Kumpel werden nie gefunden. Es gilt als das schwerste Grubenunglück in der Geschichte der Volksrepublik.

2006

65 Kohlekumpel sterben bei einer Gasexplosion in San Juan de Sabinas in Nordmexiko.

2007

Beim schwersten Grubenunglück nach Ende der Sowjetunion kommen in der Ukraine mindestens 90 Bergleute bei einer Methangasexplosion in einer Kohlemine bei Donezk ums Leben.

2010

Eine Explosion im Kohlebergwerk Upper Big Branch im US-Staat West Virginia kostet 29 Bergarbeiter das Leben.

2010

33 verschüttete Bergleute werden in Chile nach 69 Tagen aus einer Gold- und Kupfermine gerettet.

2010

29 Männer kommen bei einem der schwersten Grubenunglücke in der Geschichte Neuseelands ums Leben. Eine riesige Gasexplosion zerstört alle Hoffnungen auf die Bergung der Kumpel, die nach einer ähnlichen Explosion fünf Tage zuvor verschüttet worden waren.

2011

Eine Gasexplosion in einem Kohlebergwerk in Sorange im Südwesten Pakistans kostet mindestens 52 Menschen das Leben.

2012

Mindestens 60 Menschen kommen im Nordosten des Kongos bei einem Erdrutsch in einer Goldmine ums Leben.

2013

83 Arbeiter werden von einem massiven Erdrutsch auf einer Goldmine in Tibet begraben.

Die Soma Holding teilte mit, die zuständigen Behörden überprüften das Bergwerk alle sechs Monate. Die letzte Kontrolle sei im März gewesen. Dabei seien keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden. Türkische Medien hatten berichtet, die Regierungspartei AKP habe im vergangenen Monat Forderungen der Opposition zurückgewiesen, die Sicherheit an der Zeche zu überprüfen. Die Nachrichtenagentur Dogan meldete, in der Zeche habe es nur einen einzigen kleinen Schutzraum für 6500 Menschen gegeben.

Der Zorn vieler Türken entzündete sich auch, weil Erdogan die schlechte Sicherheitsbilanz der Kohlebergwerke in der Türkei heruntergespielt hatte. „Solche Unfälle passieren ständig“, hatte er gesagt.

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