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17.05.2016

13:36 Uhr

Udo Lindenberg wird 70

„Udopium“ für alle

Kein Larifari und kein lauer Spruch, um es auf „Lindenbergisch“ zu formulieren, sondern klare Ansage an die Konkurrenz: Rockmusiker Udo Lindenberg ist mit 70 wieder voll am Start. „Geilomatik!“

Mit Volldampf rast Lindenberg seit Ende April durch die Medienkanäle, in den Charts platziert er sein drittes Nummer-Eins-Album. Am Dienstag wird Udo Gerhard Lindenberg 70 Jahre alt. dpa

Udo Lindenberg

Mit Volldampf rast Lindenberg seit Ende April durch die Medienkanäle, in den Charts platziert er sein drittes Nummer-Eins-Album. Am Dienstag wird Udo Gerhard Lindenberg 70 Jahre alt.

Hamburg„Udopium - geiles Wortspiel, ne?“, sagt Udo Lindenberg und grinst. „Deutschland nimmt wohl eine neue Droge“, erklärt er sich das, was um ihn herum gerade passiert. Unter dem Einfluss jenes Udopiums könnten Partys lange dauern - gefühlt hat der Musiker seit Wochen Geburtstag. Seit er sein Werk „Stärker als die Zeit“ vorgelegt hat, wird er nicht nur von Fans gefeiert.

Mit Volldampf rast er seit Ende April durch die Medienkanäle, in den Charts platziert er sein drittes Nummer-Eins-Album, und er selbst glaubt, eine Rakete gefrühstückt zu haben, weil alles so nach oben „zischt“. Während die einen ihn zu Deutschlands einzigem wahren Rockstar ernennen, befassen sich andere mit dem Phänomen des Panikrockers. Warum ihn plötzlich (fast) alle lieben? „Weil ich geile Sachen mache“, sagt er. Am Dienstag (17. Mai) wird Udo Gerhard Lindenberg nun tatsächlich 70 Jahre alt.

Was sich an jenem 17. Mai 1946 im westfälischen Gronau ereignete, besang er einst so: „Ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld.“ Auch was danach geschah, verraten seine Lieder. Über seinen frühen Wunsch etwa, Enge und Tristesse zu entfliehen: „Eine Sache war für mich schon damals völlig klar: Wenn ich später groß bin, fahr' ich nach Amerika. Bestimmt warten die da schon auf meines Vaters attraktiven Sohn. Und dann werd' ich was Berühmtes und zu Hause hör'n sie alle davon.“

Für ihn war klar: „Und wenn wir jetzt auch noch nicht wissen, wohin, unser Leben muss ganz anders laufen als stupide abrackern und sich abends vor der Glotze besaufen.“ Er wollte sich nicht fragen müssen: „Wie komm' ich raus aus diesem Wartesaal mit tiefgefrorenen Träumen im Kühlschrank?“

Udo Lindenbergs 7 Antworten zum 70

Wie werden Sie heute feiern?

„Wir proben für unsere große Tourneepremiere im Stadion auf Schalke. Ich bin den ganzen Tag auf der Bühne mit meinem Panik-Orchester, wir lutschen einen Mega-Kanister Eierlikör weg auf die Goldenen Zeiten unserer Karriere. Wir haben 'ne zehn Meter lange Bar auf der Bühne für diverse Birthday-Überraschungsgäste. Da kommen viele Kumpel aus dem Ruhrgebiet. Ich singe durch das Stadiondach ein Dankeschön hoch an meine Eltern Hermine und Gustav - ist ja eigentlich eher der Ehrentag für sie.“

 

Wie erklären Sie sich dieses Interesse und die Beliebtheit?

„Die locker-lässige Art, die meine Panik-Band und mich auszeichnet, findet gigantische Resonanz in einem Land, das sich im Wandel befindet. Der Easy-Style ist in Deutschland nun endlich voll angekommen. Wir sind ein schön cooles und tolerantes Land geworden. Die paar ewig gestrigen National-Bedröhnten kriegen wir auch noch sensibilisiert. Die Panik ist eine Maßnahme zu mehr Geschmeidigkeit in Deutschland.“

Erst abgeschrieben, jetzt angesagter als je zuvor?

„Es war ein harter Aufstieg aus der Alkohol- und Drogenpfütze wieder nach oben auf den Olymp. Endlich wieder hier oben angekommen zu sein, ist auch ein Geschenk vieler Millionen Sympathisanten. Dafür bin ich sehr dankbar und empfinde es als Auftrag der Fans, nicht so schnell wieder abzutauchen und hier oben weiterzupowern.“

Wächst die Angst vor einem neuen Absturz?

 „Die Nachtigall hat jetzt das Gefieder eines Phönix-Vogels. Die Thermik ist wundervoll und hält mich bestimmt noch sehr lange oben in der panischen Umlaufbahn.“

Vor mehr als 40 Jahren lebten Sie mit Komiker Otto Waalkes und Musiker Marius Müller-Westernhagen in einer WG in Hamburg?

„Drei Hippie-Flippies in Hamburgs größter und verrücktester WG. Jeder zahlte 'n Hunni im Monat. Jeder hatte seine Aufgabe: Marius kochte das Rührei des Columbus, servierte das Knäckebrot der frühen Jahre, Otto reparierte das Wasserbett und Udo bestellte die Bierkisten a gogo. Dann stachen wir mit unserm Ruderboot übern Rondeelteich raus in die See (Alster) und hab'n uns geschworen: Wir werden große Stars. Wir wussten noch nicht genau, wie - nur, dass wir es packen. Das Trio Infernale, die glorreichen Drei, immer gut breit, man sagte auch: die Drei von der Schwankstelle.

 

Auf der Tour werden Sie 14 Konzerte spielen. Zu viel?

„Nein, unsere Kondition ist hammerhart. Wer wie wir jeden Tag eine Stunde joggt und Kickbox-Training macht, hat sehr gute Karten.“

Gibt es Wünsche und Träume?

„Ja, ich möchte noch eine Welt erleben, die das Elend von Krieg und Völkerverarsche überwindet und der Waffenindustrie den Stinkefinger zeigt. Die Waffenindustrie soll statt Panzer und Granaten tolle Hightech-Space-Raketen bauen - zur friedlichen Erforschung des Weltalls.“

 

Am Anfang stand eine Art „Masterplan“, den der Sohn des Installateurs Gustav und der Hausfrau Hermine bis ins Detail ausgeheckt hatte - getrieben vom Wunsch, „reich und berühmt“ zu werden. Seit Ende der 60er Jahre lebt er bevorzugt in Hamburg. Hier, wo er in frühen Jahren in einer WG mit Komiker Otto Waalkes und Rocker Marius Müller-Westernhagen wohnte und heute das Hotel „Atlantic“ seine Dauerherberge ist, entwarf er in Skizzen das Bild vom Rock-Revolutionär: „Markante Silhouette mit enger Beinbekleidung, torkelnde Lindi-Choreografie und deutsche Texte. Strategie-Papiere für den Weg vom Gully zum Gipfel.“

Eigentlich erfolgreicher Schlagzeuger, kam Lindenberg Anfang der 70er Jahre in den Vordergrund. Nach dem Vorspiel - vom „Auftritt“ als Knirps in der Stammkneipe des Vaters über die Trommelei im Hühnerstall bis hin zu Engagements bei Jazz-Größen wie Klaus Doldinger - trat er als Sänger ins Scheinwerferlicht.

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