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21.01.2006

19:44 Uhr

Überlebenschancen ungewiss

Themse-Wal unterwegs zur Nordsee

Die Sorge um den Wal in der Themse mitten in London wächst. Erst schaffte es der Riesensäuger nicht, gegen die Flut vom Atlantik her anzukommen, dann ist er gestrandet. Das Tier wird immer schwächer.

Dramatische Rettungsaktion. Foto: AP

Dramatische Rettungsaktion. Foto: AP

HB LONDON. Der Zustand des Wals hat sich trotz einer dramatischen Rettungsaktion stark verschlechtert. Das berichteten Veterinäre am Samstagabend von Bord der Barkasse, mit der das Tier in Richtung offenes Meer transportiert wurde. „Wir sind alle sehr deprimiert, aber es sieht nicht gut aus“, sagte einer der Tierärzte Reportern am Telefon.

Die Rettungsmannschaft werde das stark gestresste Tier vermutlich schon vor der Flussmündung in der Themse aussetzen. Dies sei offenbar seine letzte Chance, da es einen Aufenthalt außerhalb des Wassers kaum noch durchhalten könne. Anders als noch gegen Mittag in London, wo der Wal bei Ebbe gestrandet war, sei die Themse in dem jetzt erreichten Gebiet so tief, dass der Wal eine Chance haben könnte.

Am Nachmittag waren die Helfer noch optimistischer. „Der schwierigste Teil der Aktion scheint reibungslos verlaufen zu sein“, sagte Tony Woodley, der Direktor der Tierschutzgruppe British Divers Marine Life Rescue, deren Mitglieder die Rettung organisierten. Das Schicksal des Wals sei aber noch nicht entschieden. Die Überlebenschancen des Tieres seien ungewiss, erklärte der britische Wal-Experte David Taylor. „Wir müssen dennoch alles versuchen, ihn zu retten.“ Der Riese war aus unklaren Gründen die Themse heraufgeschwommen und am Freitag vor den Augen tausender erstaunter Londoner und Touristen unweit von Big Ben aufgetaucht.

Samstagmittag war der Meeressäuger, der als Nördlicher Entenwal identifiziert wurde, nach stundenlangem Umherirren bei Ebbe unweit der Battersea-Brücke gestrandet. Rettungskräfte legten ihm einen aufblasbaren Ponton an und hievten den tonnenschweren Riesen auf eine Barkasse - wiederum unter Beobachtung tausender Schaulustiger.

Derweil äußerten Experten die Vermutung, dass der Wal an Störungen seines Echolot-ähnlichen Orientierungssystems leidet. Er wäre sonst kaum soweit die Themse hoch geschwommen, erklärten sie. „Wir wissen auch nicht, ob er kräftig genug ist, diese Strapazen zu überstehen“, sagte Taylor. „Aber es muss alles versucht werden, ehe man sich entscheidet, so ein beeindruckendes Tier einzuschläfern.“

Der Direktor des Zoologischen Gartens in Berlin, Jürgen Lange, schätzte die Überlebenschancen des Entenwals auf „etwa 50:50“. Im Fernsehsender N24 sagte er, es wäre möglicherweise besser gewesen, den Wal bereits am Freitag per Schiff Richtung offenes Meer zu transportieren.

Der Entenwal war am Freitag vor den Augen tausender erstaunter Londoner und Touristen im Zentrum der Stadt an Wahrzeichen wie Big Ben und dem Westminister-Parlament vorbei geschwommen. Einige Tierschutzexperten kritisierten die von etlichen TV-Kameras begleitete Rettungsoperation als „Riesenzirkus“, berichtete der Sender BBC. Zeitweise sei der Wal von bis zu 16 Booten umringt gewesen, von denen die meisten überflüssig gewesen seien. Dadurch sei das Tier unnötig unter erheblichen Stress gesetzt worden.

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