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26.02.2014

23:40 Uhr

Umstrittene Datenbrille

Kneipen-Gerangel wegen Google Glass

VonAxel Postinett

Erst kürzlich hatte Google einen „Knigge“ für seine Datenbrille herausgegeben. Die 34-jährige Sarah Slocum hatte den wohl nicht gelesen, bevor sie mit der Brille eine Szenekneipe in San Francisco betrat. Das gab Ärger.

Mitarbeiter von Google mit der Datenbrille des IT-Konzerns: Nicht jeder möchte damit angeschaut werden. ap

Mitarbeiter von Google mit der Datenbrille des IT-Konzerns: Nicht jeder möchte damit angeschaut werden.

San FranciscoEin Name ist Programm: Die Kneipe Molotov’s in San Francisco ist benannt nach den berühmten Benzinflaschen aus dem zweiten Weltkrieg, und es ging auch heiß her am Dienstag. Eine Beraterin aus dem High-Tech-Bereich setzte in der Szenekneipe in der beliebten Haight Street ihre Google-Datenbrille auf, um sie ein paar Freunden vorzuführen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich dann eine angespannte Situation.

Eine kleine Gruppe von Leuten versuchte sich vor der Datenbrille zu verstecken, weil sie fürchteten auf Video aufgezeichnet zu werden, berichtet die 34-jährige Sarah Slocum später gegenüber der lokalen Webseite SFGate.com. Sie habe aber nichts aufgezeichnet. Jedenfalls nicht sofort.

Erst als eine junge Frau aus der Gruppe sie verbal attackierte, schaltete sie nach eigenen Angaben die Videokamera ein, statt einfach die Brille abzunehmen. Ein fataler Fehler. Ein anderer Mann aus der Gruppe riss ihr die fast 2000-Dollar teure Brille vom Kopf und rannte aus der Bar. Sie folgte ihm, um sich die Brille zurückzuholen. Als sie jedoch wieder in der Kneipe ankam, waren Brieftasche, Smartphone und Handtasche verschwunden.

Laut der Polizei von San Francisco ist dies der erste bekannt gewordene echte physische Angriff auf einen Träger von Googles neuer Superbrille, die im Laufe des Jahres in den breiten Markt eingeführt werden soll. Seit die Brille, die über Bildschirm, Mikrofon und integrierte Kamera verfügt, als Testmuster in den Straßen des Silicon Valleys und anderswo zu sehen ist, teilt sich die Öffentlichkeit in vorbehaltlose Befürworter und vehemente Gegner, die den Schutz der Privatsphäre als massiv bedroht sehen.

Berichte über Bars, Restaurants, Coffee-Shops oder Clubs mehren sich, die die Spitzelbrille in ihren Räumen verbieten. Auch in Kinos oder Spielcasinos wird immer öfter das Absetzen oder Verlassen des Hauses gefordert.

Google: Benimmregeln für die Datenbrille

Google

Benimmregeln für die Datenbrille

Google sagt den Testern seiner neuen Datenbrille, wie sie sich in der Öffentlichkeit benehmen sollen. Nicht ohne Grund: Sie sind Googles Aushängeschild. Und der Ruf ist schneller ruiniert, als die Brille auf dem Markt ist.

Google selbst hat erst vergangene Woche einen „Brillen-Knigge“ herausgegeben, in dem die Tester zu Zurückhaltung und Rücksichtnahme aufgefordert werden. Keinesfalls sollten sie sich als arrogante „Glassholes“ benehmen, die Kritik und Bedenken nur mit einem süffisanten Lächeln beiseite wischen.

Im kalifornischen San Diego, so SFGate, bekam eine Frau ein Bußgeld verordnet, die ihre Brille beim Autofahren getragen hatte. Das Telefonieren oder Hantieren mit Handy oder Smartphone am Steuer ist in Kalifornien verboten und kann mit empfindlichen Strafen belegt werden. Die Frau kam noch einmal davon, weil vor Gericht nicht nachgewiesen werden konnte, dass die Brille tatsächlich eingeschaltet war. Viele US-Bundesstaaten erwägen aber schon lange, das Tragen der Brille grundsätzlich zu untersagen.

Wearable Technologie gilt als Zukunftstrend für die Konsumelektronik, von intelligenten Armbändern bis zu Datenbrillen oder Computern, die in Kleidung eingearbeitet sind. Experten sind sich aber einig, dass nichts derzeit so viele Aversionen auslöst wie eine Videokamera, die ständig und praktisch aufnahmebereit am Gesicht getragen wird. Das weiß jetzt auch Sarah Slocum.

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