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13.07.2011

11:34 Uhr

Unglücksschiff „Bulgaria“

Besitzern waren dringend nötige Reparaturen zu teuer

Das Unglücksschiff, das auf der Wolga mehr als 110 Menschen in den Tod riss, war hoch verschuldet. Den Besitzern waren auch notwendige Reparaturen zu teuer. Eine fatale Sparsamkeit wegen der ihnen nun Gefängnis droht.

MoskauDrei Tage nach dem schweren Schiffsunglück auf der Wolga in Russland haben Taucher mittlerweile 100 Leichen aus dem Wrack geborgen. Darunter seien etwa 20 Kinder. „Wir vermuten in dem gesunkenen Ausflugsschiff „Bulgaria“ weitere Tote“, sagte ein Sprecher der Rettungskräfte am Mittwoch nach Angaben der Agentur Interfax. Das Boot liege auf dem Grund auf der Seite und sei wegen der Dunkelheit in etwa 20 Metern Tiefe schwer zu durchsuchen. Die rund 750 Kilometer östlich von Moskau am Sonntag bei einem Sturm untergegangene „Bulgaria“ soll nächste Woche gehoben werden.

Über die Unglücksursache wurde weiter spekuliert. Russische Medien sprachen von einer "ganz normalen Tragödie", wie es sie in Russland immer wieder gebe. Schuld daran seien Nachlässigkeit, Korruption und Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften. Die "Bulgaria" wurde 1955 gebaut, sie war nur für maximal etwa 140 Passagiere zugelassen. Den Behörden zufolge war das 80 Meter lange Schiff zudem mit einem schadhaften Motor und in Schieflage ausgelaufen.

Offiziell wurden am Dienstag Ermittlungen gegen den Schiffsbetreiber und einen Experten der Schifffahrtsbehörde eingeleitet. "Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft wegen Missachtung der Sicherheitsvorschriften", teilte die Untersuchungskommission mit.

Schiffsunglücke in Russland

01. August 2010

Auf dem Albertsee in Uganda kentert im Sturm ein stark überladenes Schiff und sinkt. Mehr als 70 Menschen ertrinken, darunter Schulkinder und Händler. Nur 17 Menschen überleben. Das Schiff war nur für 40 Passagiere und zwei Tonnen Ladung zugelassen.

28. Juli 2010

Ein überfülltes Passagierschiff kentert in der westkongolesischen Provinz Bandundu auf dem Kasai, einem Nebenfluss des Kongo, und geht unter. Nach Angaben der Behörden werden bis zu 80 Leichen geborgen, der Rückversicherer Swiss Re gibt 140 Tote an.

14. Juni 2010

Nach dem Kentern einer überladenen Fähre ertrinken auf dem Ganges im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh rund 60 Menschen, darunter zahlreiche Kinder. Das Schiff hatte circa 70 Passagiere an Bord, etwa doppelt so viele wie erlaubt.

25. November 2009

In der westkongolesischen Provinz Bandundu havarieren bei der Überfahrt auf dem See Mai Ndombe zwei Boote. Mindestens 73 Menschen kommen ums Leben, mehr als 270 überleben. Die Boote waren offenbar aneinander getäut und hatten keine Lizenz zum Transport von hunderten Passagieren.

09. September 2009

Auf dem Fluss Shebro im westafrikanischen Sierra Leone kentert ein Boot mit mehr als 150 Menschen an Bord. Rettungsmannschaften ziehen mehr als 40 Überlebende aus dem Wasser und bergen acht Tote. Das Schicksal der übrigen bleibt unbekannt. Das Boot war völlig überfüllt und hatte keine Rettungsboote.

08. April 2006

Ein überladenes Motorboot mit mehr als 150 Passagieren an Bord sinkt im Volta-See in Ghana. Mindestens 110 Menschen bleiben vermisst. Das Boot war mit einem Baumstumpf im Wasser kollidiert.

Außerdem sollten demnächst auch Ermittlungen gegen die Kapitäne von zwei Schiffen eingeleitet werden, die an der Unglücksstelle nahe der Stadt Kasan in der russischen Teilrepublik Tatarstan vorbeifuhren, ohne zu helfen. Ihre Identität sei bekannt, sagte Verkehrsminister Igor Lewitin. Die Behörden würden "alle rechtlichen Mittel nutzen, um sie so schwer zu bestrafen, wie es geht"

Die Betreiber des Schiffes, von denen bereits zwei festgenommen wurden, hätten den technischen Zustand völlig vernachlässigt, berichteten Medien in Moskau. Zudem sei das Boot vor einiger Zeit in „Bulgaria“ umbenannt worden, da es unter dem ursprünglichen Namen „Ukraina“ zu große Schulden in Wolga-Häfen angehäuft habe, hieß es.

Ein Experte habe die nötigen Reparaturen an dem 1955 gebauten Boot auf umgerechnet 175.000 Euro geschätzt, dies hätten die Besitzer abgelehnt. Zudem sei die Crew seit Monaten nicht bezahlt worden. „Dass die Mannschaft rund 200 statt der erlaubten 140 Passagiere auf das Schiff ließ, beweist ihre Inkompetenz“, sagte ein Ermittler.

Bei dem schwersten Schiffsunglück in Russland seit 25 Jahren starben auch der Kapitän und seine Frau. Insgesamt befürchten die Rettungskräfte mehr als 110 Todesopfer. Nach letzten Angaben waren 79 der schätzungsweise 200 Menschen an Bord gerettet worden.

 

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