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27.02.2014

11:10 Uhr

Unternehmen am Zoch

Kommerz, Kostüme und Kamelle

VonMichael Verfürden

11.11 Uhr: Die Jecken stürmen die Rathäuser – und die Wirtschaft das Mega-Event. Firmen nutzen den Karneval, um ihre Werbebotschaften an ein Millionenpublikum zu bringen. Dabei steigen die Kosten für die Veranstalter.

Jeckes Treiben: Ein Clown feiert Karneval in Düsseldorf. dpa

Jeckes Treiben: Ein Clown feiert Karneval in Düsseldorf.

DüsseldorfDer Geruch von abgefeuerten Knallpistolen liegt in der Luft, zwei Mönche grölen Arm in Arm Höhner-Songs und eine Prinzessin hält einem Engel, der zu tief ins Glas geschaut hat, die Haare. In den Hochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz heißt das, was gerade passiert Karneval, anderorts spricht man auch von Fasching oder Fastnacht.

Dabei geht es um mehr als alkoholgeschwängerte Luft, irre Kleider und Kamelle. Auf die „fünfte Jahreszeit“ fiebern nicht nur die Feierwütigen hin. Auch im Kalender der Wirtschaft ist sie eine feste Größe. Denn wenn die heiße Phase eingeläutet wird, profitiert nicht nur die Gastronomie vom jecken Treiben.

Der deutsche Karneval ist längst über das Stadium der Brauchtumspflege hinaus. Er ist ein Mega-Event. Die Boston Consulting Group beziffert allein die Wirtschaftskraft des Kölner Karnevals mit 460 Millionen Euro. In einem Wirtschaftsgutachten des Comitees Düsseldorfer Carneval (CDC) ist von einer Wertschöpfung von bis zu 300 Millionen Euro die Rede.

Typologie des Karnevals

Der Grapscher

Er will nicht aufdrehen, sondern abräumen. Spannt einen Regenschirm auf, um besonders viel Kamelle einzufangen. Tritt einem Kind auf die Finger, um sich einer Tafel Schokolade zu bemächtigen. Am Ende kann er die Beute kaum noch nach Hause schleppen. Hoffentlich reißt ihm die Tüte.

Der Verweigerer

Er lebt zwar in Köln, Mainz oder Düsseldorf, erweist sich aber als nicht karnevalisierbar und flieht spätestens an Weiberfastnacht in die Eifel oder ins Möbelzentrum. Sein Karnevalsmotto: „Der Trick ist, dass man sich verpisst, bis wieder Aschermittwoch ist.“

Der Sitzungsfetischist

Wenn er eine Überzeugung hat, dann die, dass Karneval ohne Mützenzwang Anarchie ist. Deshalb achtet er nicht nur selbst auf die peinliche Einhaltung der Kleidungsvorschriften, er hat auch auf andere Vereinsmitglieder ein wachsames Auge. Die karnevalslose Zeit überbrückt er bevorzugt mit alten Büttenreden von Bembel-Titan Heinz Schenk auf Youtube.

Der Fünf-Tage-Clown

Immer wieder kann man erleben, wie gerade die gehemmtesten und humorlosesten Typen an Karneval völlig aus der Rolle fallen. Ihr Motto lautet: Heute feiern, morgen wieder in der Reihe tanzen. Die kalendarisch vorgeschriebene Witzischkeit hält exakt fünf Tage an.

Der Norddeutsche

Ortsfremder Humorfeind, der nur deshalb mit dabei ist, weil ihn die rheinische Erbtante zu einem Besuch genötigt hat. Steht die ganze Zeit unverkleidet und mit einem „Was mach hier eigentlich?“-Gesichtsausdruck am Straßenrand.

Der Lokalpolitiker

Gibt im Karneval nicht unbedingt eine gute Figur ab. Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters ist zum Beispiel Westfale. Als er vor Jahren mal versuchte, bei der Prinzenproklamation eine lustige Rede zu halten, gab man ihm anschließend den Rat, dies nie, nie wieder zu tun.

Der Fanatiker

Karneval als Ersatzreligion - das gibt es durchaus. Klassische Biografie: Vater Sitzungspräsident, Mutter Karnevalsprinzessin, die Bläck Fööss liefen ganzjährig. Schlimmster Moment im Leben: Der Karnevalsfreitag, als ihm die Nasennebenhöhlen aufgestochen wurden und er sich den Rosenmontagszug im Fernsehen anschauen musste.

Der Normalo-Jeck

Gefühlte 90 Prozent der Rheinländer sind bekennende Pappnasen. Sie feiern mit – sind aber auch froh, wenn die Schnapsleichen wieder abgeräumt werden.

Doch auch wenn ein Großteil des Geschäfts in den beiden Hochburgen Köln und Düsseldorf gemacht wird: Karneval ist längst nicht mehr nur im Rheinland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Den bundesweiten Umsatz schätzte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in einer Studie für den Bund Deutscher Karneval auf 1,4 Milliarden Euro.

Im Jahr 2011 fielen rund 300 Millionen Euro allein auf die Einzelhandels-Umsätze mit Kostümen und Accessoires. 6,7 Millionen Schminksets, 2,15 Millionen Hüte, eine Millionen Perücken sowie 2,4 Millionen Erwachsenen- und 1,9 Millionen Kinderkostüme gingen in dieser Saison über die Ladentheke, wie die Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie bekanntgab.

Schunkeln und Bützje: Ansteckungsgefahr zu Karneval

Schunkeln und Bützje

Ansteckungsgefahr zu Karneval

Bei Menschenansammlungen in der kalten Jahreszeit erhöht sich das Erkältungsrisiko.

Karneval zieht die Mengen auf die Straßen – und bietet Unternehmen ein Millionenpublikum für ihre Werbebotschaft. Eine attraktive Reklamefläche ist in der Fastnachtzeit schon für vergleichsweise kleines Geld zu haben. Für 30.000 Euro können Firmen beim CDC ein Sponsoring-Paket erwerben, zu dem auch ein Werbewagen des Rosenmontagzuges gehört. Wer es lieber ein paar Nummern kleiner mag, kann ganz klassisch Wurfmaterial beisteuern.

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