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27.06.2011

12:32 Uhr

Urteil im Mordprozess von Bodenfelde

"Unvorstellbare Dimension des Unrechts"

Der Mörder zweier Jugendlicher im niedersächsischen Bodenfelde soll nie wieder frei kommen. Das Gericht ging mit seinem Urteil über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus, die 15 Jahre Freiheitsstrafe gefordert hatte

"Lebenslang" für Doppelmörder von Bodenfelde

Video: "Lebenslang" für Doppelmörder von Bodenfelde

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GöttingenDer Angeklagte im Prozess um den grausamen Tod zweier Teenager ist vom Landgericht Göttingen wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Außerdem ordneten die Richter am Montag die Unterbringung in der Psychiatrie und Sicherungsverwahrung an. Der 26 Jahre alte Jan O. hatte gestanden, im November 2010 in Bodenfelde an der Oberweser die 14-jährige Nina und den 13 Jahre alten Tobias umgebracht zu haben. In seinem Geständnis hatte er auch geschildert, kannibalistische und vampiristische Handlungen an den lebenden und toten Opfern vorgenommen zu haben.

In seinem Schuldspruch ging das Schwurgericht über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus, die 15 Jahre Freiheitsstrafe wegen verminderter Schuldfähigkeit verlangt hatte.

Der Angeklagte habe zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, zur Verdeckung von vorangegangenen Straftaten heimtückisch gemordet, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther in der Urteilsbegründung. Er sprach von „einer unvorstellbaren Dimension des Unrechts“ und von einem Exzess der Gewalt“.

Die im Gerichtssaal anwesende Mutter der ermordeten Nina nahm das Urteil ruhig und sichtlich zufrieden zur Kenntnis. Die Angehörigen der Opfer hatten zum Abschluss der Hauptverhandlung gehofft, dass der Angeklagte nie wieder in die Freiheit entlassen werde.

Der drogen- und alkoholabhängige Mann hatte am 15. November vergangenen Jahres zunächst Nina und fünf Tage später Tobias getötet. Ursprünglich hatte er die Opfer vergewaltigen wollen, dann aber an ihnen kannibalistische, vampiristische und später nekrophile Handlungen vorgenommen.

Bei der Ermordung von Nina sei der psychisch schwer gestörte Angeklagte tatsächlich vermindert schuldfähig gewesen, sagte Richter Günther. Deswegen erhalte er für diesen Mord „nur“ 13 Jahre und zehn Monate Haft. Dort sei O.s Störung der sexuellen Präferenz deutlich geworden. Dennoch machte Günther klar: „Es ist ein Mord. Er hat ein Kind getötet und hat das auf eine besonders verachtenswerte Weise getan“. Beim Verbrechen an Tobias sei er dagegen voll schuldfähig gewesen. Als er erkannt habe, dass Tobias - anders als er zunächst dachte - ein Junge ist, habe er „bilanzierend“ den Schluss gezogen, er könne das Kind nicht laufen lassen, sondern habe es dann ermordet. Dafür erhalte er lebenslange Haft.

Die Leichen der beiden Jugendlichen waren am Tag nach dem zweiten Verbrechen in einem Waldstück am Ortsrand von Bodenfeld entdeckt worden. Die Polizei hatte Jan O. kurz darauf festgenommen.

In seiner Urteilsbegründung übte der Vorsitzende Richter auch Kritik an der Berichterstattung einiger Medien über das Verfahren. So habe es nicht der Wahrheit entsprochen, dass das Gericht ohne Beratung den Ausschluss der Öffentlichkeit an einigen Verhandlungstagen verfügt habe. Zudem kritisierte Günther, dass die Mutter des Angeklagten sich vor ihrer Vernehmung bereits in den Medien präsentiert habe.

Der Pflichtverteidiger des Verurteilten, Markus Fischer, schloss Rechtsmittel gegen das Urteil nicht aus. Eine mögliche Revision beim Bundesgerichtshof werde sorgfältig geprüft.

Kommentare (2)

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27.06.2011, 13:01 Uhr

Solche Menschen haben ihr Recht auf rechtsstaatliche Behandlung verwirkt, da Sie sich zuvor in einem unvorstellbaren Maße außerhalb jeglicher Humanität bewegt haben. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist mindestens tausend mal höher einzuschätzen als der Täterschutz. Ein Jahr Knast kostet mindesten 40.000,-- Euro!
Aber der Steuerzahler, auch die betroffenen Angehörigen zahlen sicher gerne.

Account gelöscht!

27.06.2011, 13:22 Uhr

Sie begen sich mit Ihrer These auf sehr gefährliches Glatteis, wenn Sie fallweise die "Rechtsstaatlichkeit" ausschließen wollen. Wer kann das im voraus zu einem Verfahren entscheiden? Das berühmt-berüchtigte Konglomerat aus Polizei und Staatsanwaltschaft (Straf- und Zivilverteidiger, die diese Berufbezeichnung verdienen, "können ein Lied davon singen"), welches praktisch keinerlei Kontrolle unterliegt?

Es ergibt sich für den unbeteiligen Beobachter zur Strafmaßfindung folgendes alternatives Fragenpaar:

Was taugt die Arbeit einer Staatsanwaltschaft, wenn ein Gericht über deren Kenntnis und Antrag hinaus ein deutlich höheres Gesamtstrafmaß verhängt?

oder

Gehen Gerichte inzwischen dazu über, eigene Rechtsnormen zur Anwendung zu bringen, autokratisch selbst "Recht" zu setzen?

Unabhängig von der Beantwortung dieser Fragen:

Die Rechtslage ist desaströs und man muß davon ausgehen, daß in "Bagatellfällen" Unrechtssprechung inzwischen an der Tagesordnung ist, zumal inzwischen Prozeßausgängen maßgeblich eine Frage der finziellen Möglichkeiten eines Beklagten sind. Die Hölle läßt grüßen!

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