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29.06.2017

15:43 Uhr

Vatikan-Schatzmeister

Kindsmissbrauch-Vorwurf gegen Kardinal

VonUrs Wälterlin

Dem Finanzchef des Vatikans wird vorgeworfen, vor Jahrzehnten in Australien Kinder sexuell missbraucht zu haben. Kardinal George Pell spricht von Rufmord. Dennoch zieht er die Konsequenzen und lässt sein Amt ruhen.

Der Kardinal soll Ende der 70er Jahre zwei Jungen sexuell missbraucht haben. AP

George Pell

Der Kardinal soll Ende der 70er Jahre zwei Jungen sexuell missbraucht haben.

CanberraDer 76-jährige Kurienkardinal George Pell ist Präfekt des vatikanischen Wirtschaftsministeriums und gilt in der Hierarchie des Heiligen Stuhls als drittmächtigster Geistlicher. Der Australier wird sein Amt bis auf Weiteres ruhen lassen. Das teilte Pell am Donnerstag an seinem Sitz im Vatikan mit.

Er reagierte auf eine Strafanzeige der Polizei des australischen Bundesstaates Victoria, die dem Kurienkardinal mehrfachen Kindsmissbrauch vorwirft. Es gebe mehrere Beschwerdeführer. Einzelheiten gaben die Behörden jedoch nicht bekannt. Im letzten Jahr waren zwei Männer an die Öffentlichkeit gelangt. Sie warfen dem Geistlichen vor, sie Ende der 70er Jahre missbraucht zu haben.

Auch soll sich Pell in den 80er Jahren nackt vor drei Jungen exponiert haben, so australische Medien. Wie die Anwältin der beiden Männer meinte, seien ihre Mandanten „überglücklich“ über das Ermittlungsverfahren. „Gegen jemand vorzugehen, der aus Sicht mancher Menschen direkt nach Gott kommt, hat ihnen alle möglichen Probleme bereitet“, so die Juristin Ingrid Irwin gegenüber einer Melbourner Zeitung.

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Pell wies am Donnerstag alle Vorwürfe „energisch“ zurück und sprach von einem „unerbittlichen Rufmord“ durch die Medien. Er begrüße die Gelegenheit, im Juli in Melbourne seine Unschuld beweisen zu können. „Diese Vorwürfe sind falsch“, so der Kardinal.

Für den Geistlichen ist die Entwicklung ein weiteres Kapitel in einem Buch, das er wohl am liebsten unter den Tisch fallen lassen würde. Genau das werfen ihm seine Gegner vor: er habe Jahrzehnte lang Priester, die des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen verdächtigt worden waren, geschützt, verteidigt, ihr Tun vertuscht oder verharmlost.

Eine seit mehreren Jahren laufende Untersuchung von Vorwürfen sexueller Gewalt hat hunderte von Fällen kriminellen Verhaltens durch Geistliche zu Tage gebracht. Zwischen 1950 und 2015 hätten durchschnittlich sieben Prozent aller katholischen Priester in Australien Kinder sexuell missbraucht, kam die Untersuchungskommission zum Schluss.

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In einigen Diözesen seien es 15 Prozent gewesen. In einzelnen katholischen Orden hätten sich gar bis zu 40 Prozent der Geistlichen des Missbrauchs schuldig gemacht. Immer wieder wurde Pell im Rahmen der Untersuchungen genannt – als potenzieller Mitwisser, nicht als Täter. Das änderte sich am Donnerstag mit den Vorwürfen der Polizei.

In seiner Rolle als höchster katholischer Würdenträger von Sydney und Melbourne hatte George Pell im Umgang mit Opfern sexueller Gewalt in Australien viel Sympathie verloren. Überlebende und Angehörige beschrieben den Kardinal regelmäßig als arrogant und gefühlskalt.

Dagegen ist er für den ultra-rechten Flügel der konservativen Partei Australiens bis heute eine Leitfigur. Pell machte aus seinen konservativen Ansichten nie einen Hehl und äußerte sich immer wieder auch zu nicht-religiösen Themen. So ist er ein vehementer Klimaskeptiker, der auf Vorträgen behauptet hatte, der Mensch sei nicht für die globale Erwärmung verantwortlich.

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