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02.05.2003

12:11 Uhr

Vermutlich 200 Tote - Schulheim zerstört - Wut im Erdbebengebiet

Türkei erzürnt über Schlamperei am Bau

Die Verzweiflung der Menschen in Bingöl ist am Tag nach dem schweren Beben in der Südosttürkei in Zorn und Wut umgeschlagen. Der Platz vor dem Gebäude des Provinzgouverneurs, auf dem sich am Freitag diese Wut entlud, glich zeitweise einem Schlachtfeld. Minutenlang feuerten die Gendarmen Warnschüsse aus Sturmgewehren in die Luft.

Menschen durchsuchen die Trümmer eines eingestrürzten Hauses, Foto: dpa

Menschen durchsuchen die Trümmer eines eingestrürzten Hauses, Foto: dpa

HB/dpa ISTANBUL. Es hagelte Steinwürfe gegen Polizeiautos und Fensterscheiben. Grund für die geballte Wut war die unzureichende Versorgung mit Zelten. Zwar beteuerte der türkische Rote Halbmond, dass bereits mehr als 3 000 Zelte vor Ort eingetroffen seien. Doch die meisten Bewohner von Bingöl hatten sich zumindest die erste Nacht im Freien mit eigenen Mitteln behelfen müssen.

Große Stille herrschte zur selben Stunde an dem Trümmerhaufen auf dem Schulzentrum im zwölf Kilometer entfernten Dorf Celtiksuyu, wo die Hoffnung schwand, wenigstens einige der etwa 70 noch verschütteten Kinder lebend zu retten. „Hörst du mich? Wenn Du mich hörst, ruf, huste. Wir hören Dich.“ Mit Megafonen versuchten die Retter dem unzugänglichen Labyrinth aus Trümmern und Schutt ein Lebenszeichen zu entlocken.

Lange 20 Minuten wurden die Angehörigen der verschütteten Kinder, die die Nacht über am Unglücksort ausgeharrt hatten, aufgefordert, mucksmäuschenstill zu sein und auch die Handys auszuschalten, während die Bergungsmannschaften den Trümmerhaufen abhorchten. „Obwohl wir kein Lebenszeichen gehört haben, machen wir weiter, als ob es Leben darunter gibt“, gaben sie schließlich den Wartenden zu verstehen.

Voller Bangen hatten sich die Familien der Kinder die ganze Nacht über nicht von der Stelle gerührt: Freudige Erregung immer dann, wenn eine Trage herbeigeholt wurde, Verzweiflung und Entsetzen, wenn ein weiterer Leichensack fortgetragen wurde.

Während die Chancen sinken, noch weitere Überlebende in dem Wohnheim zu finden, zürnt die Türkei über die wieder einmal tödliche Schlamperei am Bau. „Nicht das Erdbeben, das Gebäude hat unsere Kinder getötet“, stand am Freitag fast einhellig in den türkischen Zeitungen zu lesen. Manche Kommentatoren gingen soweit, von einem „organisierten Verbrechen“ zu sprechen - in einem Dreieck von „Politikern, Bauunternehmern und Bürokraten“.

Zwei mehr als faustgroße Steine hält ein Bauingenieur vor die Fernsehkameras, die in der erst vor dreieinhalb Jahren eröffneten Schule verbaut waren. "Solche Steine werden im Straßenbau und für die Drainage benutzt, hier haben sie nichts zu suchen.“ Wie dieser Ingenieur verzweifeln am Tag nach dem verheerenden Beben viele Türken an ihrem „System“: Schlamperei am Bau, Bestechung, fehlende Kontrollen. „Hoffen wir, dass uns die Schreie unserer Kinder unter den Trümmern zur Vernunft bringen“, lautete ein hilfloser Kommentar im türkischen Massenblatt „Sabah“.

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