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24.01.2013

11:09 Uhr

Verschwendung

Uno will Lebensmittel vor dem Müll bewahren

Jahr für Jahr landen weltweit 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Abfall. Mit dieser Menge könnte das weltweite Hungerproblem locker gelöst werden. Die Vereinten Nationen starten nun eine Offensive.

Lebensmittel in einer Bio-Mülltonne. dpa

Lebensmittel in einer Bio-Mülltonne.

Genf/Rom/WienMit einer weltweiten Kampagne wollen die Vereinten Nationen (UN) die dramatische Verschwendung und den Verlust von Essen eindämmen und so auch den Hunger bekämpfen. Jährlich landen 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Abfall, wie eine am Dienstag in Genf vorgelegte Studie herausfand. Das ist rein rechnerisch etwa viermal so viel wie nötig wäre, um das Hungerproblem in der Welt zu lösen.

Nach dem UN-Welthungerbericht vom vergangenen Oktober hat jeder Achte nicht genug zu essen - insgesamt sind das rund 870 Millionen Menschen. Allein die in den Industrienationen weggeworfene Menge von 300 Millionen Tonnen jährlich würde - theoretisch - reichen, diese Menschen zu ernähren, sagte der Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), José Graziano da Silva, laut Mitteilung.

Ein Teil der Nahrungsmittel wird weggeworfen, obwohl er noch essbar wäre - und vieles verdirbt aufgrund unzulänglicher Bedingungen. Würde der Verlust der Nahrungsmittel insgesamt eingedämmt, könnten auch die Preise sinken, hieß es. In vielen armen Ländern müssen die Menschen mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Essen ausgeben.

Lebensmittelverschwendung in Deutschland

So viel landet im Müll

Laut einer Studie der Universität Stuttgart für das Bundesverbraucherministerium landen durchschnittlich 81,6 Kilogramm Lebensmittel pro Verbraucher jährlich im Müll, so Schätzungen und Berechnungen. Pro Tag entspricht das einem Gewicht von gut 225 Gramm - also zum Beispiel einem Steak oder ein bis zwei Äpfeln.

Das wird weggeworfen

Fast zwei Drittel (65 Prozent) der weggeschmissenen Lebensmittel hätte man in den meisten Fällen noch essen können. Den größten Anteil davon machen Gemüse (26 Prozent) und Obst (18 Prozent) aus, gefolgt von Backwaren (15 Prozent) und Speiseresten (12 Prozent).

So viel kostet die Verschwendung

Jeder Bürger in Deutschland verschwendet demnach Lebensmittel im Wert von durchschnittlich 235 Euro pro Jahr. In einem Vier-Personen-Haushalt macht das bereits 940 Euro. Umgerechnet auf Deutschland kostet die Verschwendung 21,6 Milliarden Euro.

So viel verschwendet die Industrie

Zählt man zu den deutschen Privathaushalten Industrie, Handel und Großverbraucher hinzu, werden jedes Jahr sogar elf Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet.

(Quelle: dpa)

Durchschnittlich wirft der Studie zufolge jeder Europäer und Nordamerikaner jedes Jahr zwischen 95 und 115 Kilogramm Essen weg. In Teilen Afrikas und Asiens liegt die Abfallmenge zwischen sechs und elf Kilogramm pro Kopf. In Entwicklungsländern geht ein Großteil der Nahrung bereits am Beginn der Versorgungskette verloren - etwa durch unzureichende Erntetechniken, Insekten, mangelnde Kühlung oder schlechte Lagerbedingungen.

Unter dem Motto „Think.Eat.Save“ soll nun bei Produzenten und Verbrauchern mehr Bewusstsein geschaffen werden. Die Verschwendung von Lebensmitteln könnte nach Ansicht von UN-Experten durch einfache Maßnahmen eingedämmt werden. Sie fordern zum Beispiel, dass Kunden auch die weniger perfekt geformten Früchte kaufen sollten. Außerdem solle das Haltbarkeitsdatum nicht immer so streng gesehen werden.

Was das Mindesthaltbarkeitsdatum aussagt

Was ist das Mindesthaltbarkeitsdatum?

Es wird auf der Verpackung mit „mindestens haltbar bis...“ angegeben und zwar in der Regel mit Tag, Monat und Jahr. Bei Milchprodukten oder abgepacktem Brot, die maximal drei Monate haltbar sind, müssen nur Tag und Monat der Mindesthaltbarkeit genannt werden.
Bei Waren wie Mehl und Nudeln, die zwischen drei Monaten und anderthalb Jahren haltbar sind, kann der Tag entfallen. Bei Dauerwaren wie Konserven oder Mineralwasser genügt die Jahresangabe „mindestens haltbar bis Ende...“.

Was sollen Verbraucher nach Ablauf des MHD tun?

Ob ein Lebensmittel noch genießbar ist, ist zumeist an Farbe, Geruch, Geschmack oder Konsistenz zu erkennen. Gibt es deutliche Veränderungen wie einen untypischen Geruch oder gar Schimmel, sollte die Packung entsorgt werden.

Was gilt für geöffnete Verpackungen?

Bei manchen Produkten wird angegeben, wie lange die Lebensmittel nach dem Öffnen haltbar sind. Die Produkte verlieren dann schneller an Frische und Haltbarkeit, dennoch lohnt es sich auch in diesem Fall, das Essen vor dem Wegwerfen nochmals zu prüfen.

Was ist das Verbrauchsdatum?

Das Verbrauchsdatum ist für besonders leicht verderbliche Produkte wie Hackfleisch oder frisches Geflügel vorgeschrieben. Im Unterschied zum MHD gibt es den Zeitpunkt an, bis zu dem ein Lebensmittel tatsächlich verbraucht sein sollte. Sie sollten also nach Ablauf des Verbrauchsdatums entsorgt werden, weil sie sonst gesundheitsschädlich sein könnten.

Welches Ziel verfolgt die neue Aufklärungsaktion?

Sie soll die Verbraucher besser über das Mindesthaltbarkeitsdatum aufklären. Den Kunden soll klar gemacht werden, dass die Produkte in der Regel auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch mehrere Tage genießbar sind. Das Mindesthaltbarkeitsdatum sei „kein Wegwerfdatum, sondern eine Orientierungshilfe“, betont die Verbraucherschutzministerin.

Was ist der Auslöser?

Einer Studie zufolge wirft jeder Bundesbürger im Jahr rund 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll, das entspricht zwei voll gepackten Einkaufswagen. Eine Umfrage vom Januar hatte außerdem gezeigt, dass viele Deutsche häufig Lebensmittel wegwerfen, weil sie Mindesthaltbarkeit mit Verfall verwechseln. Allerdings sind auch zu große Packungen ein Grund, warum Lebensmittel in der Tonne landen.

Wie soll eine bessere Aufklärung erreicht werden?

Laut Verbraucherministerium sollen in bundesweit rund 21.000 Supermärkten vier Millionen Handzettel und Infokarten verteilt werden, die die wichtigsten Fragen rund um das Mindesthaltbarkeitsdatum und das Verbrauchsdatum beantworten.

„In einer Welt mit sieben Milliarden Menschen, deren Zahl bis 2050 auf neun Milliarden steigen soll, macht es absolut keinen Sinn, Lebensmittel wegzuwerfen - weder wirtschaftlich, noch ökologisch, noch ethisch“, sagte der Exekutivdirektor das UN-Umweltprogramm (Unep), Achim Steiner.

FAO-Generaldirektor da Silva sagte: „Gemeinsam können wir diesen untragbaren Trend umkehren und Lebensbedingungen verbessern.“ In den Industrienationen etwa sei die Hälfte des weggeworfenen Essens noch zum Verzehr geeignet. Den Auftrag für die Kampagne gaben das UN-Umweltprogramm Unep und die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

24.01.2013, 11:35 Uhr

ich kann die UNO ja verstehen, aber wie wäre es denn dann wenn man die Wirtschaft endlich gesetzlich verpflichtet auch kleine PAckungsgröße für Ein- bzw. Zwei-Personen-HAushalte auf den Markt zu bringen.

Account gelöscht!

24.01.2013, 12:24 Uhr

" Die Verschwendung von Lebensmitteln könnte nach Ansicht von UN-Experten durch einfache Maßnahmen eingedämmt werden. Sie fordern zum Beispiel, dass Kunden auch die weniger perfekt geformten Früchte kaufen sollten."

Dazu müssten zunächst einmal weniger perfekt geformte Produkte in den Handel kommen. Der Großteil der Nahrungsmittel wird direkt nach der ernte vernichtet (Gurkenkrümmung oder Größe von Bananen z.B.)

@usafan: Kleine Packungsgrößen gibt es z.B. bei abgepackten Wurstwaren. Da werden die Inhalte reduziert und die Preise bleiben gleich. Und Obst kann man ja auch lose kaufen (blöder Weise ist das dann doppelt so teuer wie die gepackte Ware).

Fakt ist, mit solchen Berichten will man den Verbrauchern ein schlechtes Gewissen machen. Sorry, aber wenn mir wirklich mal ein Joghurt verdirbt, dann habe ich ihn von meinem vorher versteuerten Einkommen zuzüglich der Mehrwertsteuer bezahlt.

fwolf

24.01.2013, 12:28 Uhr

@usafan: Das macht man doch. Je nach Hersteller ist eine für 4 Personen deklarierte Mahlzeit in Wirklichkeit für ein oder zwei Personen ;)

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