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08.11.2016

20:24 Uhr

Vogelgrippe

Geflügel in Schleswig-Holstein muss im Stall bleiben

Vogelgrippe in Schleswig-Holstein: Für das Sterben von mehr als 200 Vögeln an Seen im Kreis Plön ist das Virus H5N8 verantwortlich. Auch aus Süddeutschland und Nachbarländern wurden Vogelgrippe-Fälle gemeldet.

Vogelgrippe

Die Geflügelpest ist los – Erster Fall bei Nutztieren

Vogelgrippe: Die Geflügelpest ist los – Erster Fall bei Nutztieren

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Kiel/PlönEine gefährliche Form der Vogelgrippe ist in Schleswig-Holstein ausgebrochen. Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erließ am Dienstag im ganzen Bundesland eine Stallpflicht für sämtliches Geflügel. Betroffen sind rund 12.000 Geflügelhalter mit fast fünf Millionen Hühnern, Puten, Enten oder Gänsen. Dies sei ein harter Eingriff, sagte Habeck. „Aber der Ausbruch in einem Bestand hätte noch gravierendere Folgen.“

Bei einem Befall müsste ein Bestand komplett gekeult werden. Auch aus Polen, Kroatien, Ungarn und am Bodensee wurden Vogelgrippe-Fälle gemeldet. Unklar ist, ob es einen Zusammenhang zwischen den Ausbrüchen gibt.

Im Kreis Plön in Schleswig-Holstein wurde bei toten Wildvögeln Vogelgrippe festgestellt. Das Veterinäramt richtete einen Sperrbezirk von mindestens drei und ein Beobachtungsgebiet von mindestens weiteren sieben Kilometern um die Fundstellen der Wildvögel ein.

Insbesondere an toten Reiherenten, aber auch Blässhühnern, Schwänen, Gänsen sowie Möwen an mehreren Plöner Seen wurde erstmals in Schleswig-Holstein der Geflügelpest-Erreger des Subtyps H5N8 nachgewiesen. Das bestätigte das für Tierseuchen zuständige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) am Dienstag auf der Ostseeinsel Riems (Mecklenburg-Vorpommern).

Infos zur Vogelgrippe H7N9

Was ist H7N9?

Das Virus H7N9 ist nach der Kombination zweier Eiweiße - Hämagglutinin und Neuraminidase - auf seiner Oberfläche benannt. Es geht in Geflügelfarmen um, gilt aber als „gering pathogenes“ Virus, das Vögel in der Regel nicht krank macht. Dies kann dazu führen, dass es sich unbemerkt verbreitet, was es deutlich erschwert, seinen Ursprung zu finden.

Wie gefährlich ist das Virus für den Menschen?

Seit Februar haben sich in China mehrere Dutzend Menschen infiziert. Zu den Symptomen gehören Fieber und Atemprobleme bis hin zu schweren Atemwegserkrankungen. Wie die Ansteckung genau verläuft, ist noch unklar. Viele Betroffene dürften sich bei infiziertem Geflügel angesteckt haben. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch galt lange als unwahrscheinlich, wird jetzt aber nicht mehr ausgeschlossen.

Welche Veränderungen des Virus beobachten Wissenschaftler?

Auch wenn es noch nicht sicher ist, scheint das Virus auf eine Weise mutiert zu sein, die es ihm einfacher macht, sich an Säugetiere anzupassen. Wissenschaftler versuchen derzeit, den aktuellen Wirt des Virus zu ermitteln. Eine Möglichkeit sind Schweine, weil sie einige grundlegende biologische Ähnlichkeiten mit Menschen aufweisen und als eine Art „Mischgefäß“ fungieren könnten, wenn sie mit verschiedenen Grippeviren-Typen gleichzeitig infiziert sind.

Gibt es eine Impfung?

Eine Impfung gegen H7N9 existiert nicht, allerdings arbeiten die Weltgesundheitsorganisation WHO und ihre Partner bereits daran, mögliche Viren zu isolieren und zu identifizieren, die künftig falls nötig für Impfungen genutzt werden könnten. Die Herstellung eines Impfstoffs würde allerdings Monate dauern.

Wie unterscheidet sich diese Vogelgrippe vom gefürchteten H5N1-Virus?

Anders als das H7N9-Virus war H5N1 meist tödlich bei Vögeln, was es leichter machte, Ausbrüche der Vogelgrippe zu identifizieren und ihnen entgegenzuwirken. H5N1 bleibt eine Vogelgrippe und hat nicht die Abzweigung zu weiteren Spezies wie Schweinen genommen. Die meisten Ansteckungen bei Menschen gingen entsprechend auf den Kontakt mit infizierten Vögeln zurück.

Der Erreger H5N1 infizierte seit 2003 weltweit mehr als 600 Menschen. 371 Patienten von ihnen starben. Experten fürchten allerdings, dass das H5N1-Virus in eine Form mutieren könnte, die leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird und damit möglicherweise eine Pandemie auslöst.

Sollte man Geflügelfleisch derzeit meiden?

Solange Geflügelprodukte vernünftig gekocht werden, gilt ihr Verzehr als ungefährlich.

„Das akute Krankheitsgeschehen bei den Wildvögeln ist in dieser massiven Ausprägung besorgniserregend“, sagte Habeck. Angesichts der akuten Vogelgrippe-Fälle in Polen, Kroatien, Ungarn und am Bodensee sehe er ein großes Krisenszenario. Es bestehe der Verdacht, dass es sich um den gleichen Erreger handeln könnte, auch wenn das Ergebnis vom Bodensee noch ausstehe. In Polen ist es der gleiche Erreger. Das polnische Veterinäramt schloss einen Zusammenhang zu den jüngst entdeckten Vogelgrippe-Fällen in Deutschland nicht aus. Das Ausbreiten des Virus durch Zugvögel sei nicht zu kontrollieren. Auf die Frage, ob er eine bisher nicht dagewesene Dimension der Vogelgrippe befürchte, antwortete Habeck: „Ja, die Sorge ist da.“

Es handelt es sich um eine Geflügel stark krankmachende Variante, die deswegen auch Geflügelpest genannt wird. Bei fast jedem untersuchten Kadaver sei das Virus festgestellt worden, ergänzte ein Experte des Ministeriums. Sämtliche zu untersuchenden Kadaver waren per Kurierdienst schnellstmöglich zum FLI gebracht worden.

Seit dem Wochenende wurden mehr als 200 tote Vögel im Großen Plöner See und angrenzenden Seen entdeckt. Am Dienstag bargen mit Mundschutz und Gummihandschuhen geschützte Mitarbeiter der örtlichen Stadtwerke etwa 50 weitere Kadaver. Die Situation ändere sich ständig, sagte ein Experte des Ministeriums. Die Entwicklung sei nicht absehbar. Sollten weitere Kadaver aus anderen Seen ebenfalls belastet sein, müssten die Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete ausgeweitet werden.

Bereits vor zehn Jahren war die Vogelgrippe in Deutschland ausgebrochen. Diesmal sind von der Stallpflicht rund 12.000 Geflügelhalter betroffen. dpa

Stallpflicht

Bereits vor zehn Jahren war die Vogelgrippe in Deutschland ausgebrochen. Diesmal sind von der Stallpflicht rund 12.000 Geflügelhalter betroffen.

Das Risiko für Menschen durch den H5N8-Erreger gilt als sehr gering. „Infektionen des Menschen mit H5N8 Viren sind bislang nicht bekannt“, zitierte Habeck das Bundesinstitut für Risikobewertung. „Eine Übertragung des Erregers (H5N8) über infizierte Lebensmittel ist theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich.“

Aus den Sperrbezirken dürfe 21 Tage und aus Beobachtungsgebieten 15 Tage Geflügel nicht gebracht werden. Auch der Handel in den Bezirken sei verboten. Die Bestände im Sperrbezirk müssen zudem regelmäßig untersucht werden. Außerdem müssen Proben genommen werden und es gelten strenge Maßnahmen etwa zu Stallhygiene und Desinfektion.

Das landesweite Aufstallungsgebot begründete Habeck damit, dass verschiedene Wildvogelarten betroffen sind, die nicht nur am Wasser bleiben. Der Geflügelwirtschaftsverband Schleswig-Holstein und Hamburg begrüßte das landesweite Aufstallungsgebot, „wenngleich diese Maßnahme kontinuierlich auf Basis der sich stets ändernden Risikoabschätzung überprüft werden sollte“.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) Schleswig-Holstein appellierte, Wildvögel nicht einseitig als Ursache in den Fokus zu rücken. „Die Erfahrungen bei den vergangen Fällen von Vogelgrippe haben gezeigt, dass die größten Infektionsherde häufig rund um die industriellen Geflügelhaltungen zu finden waren“, sagte Ole Eggers, Bund-Landesgeschäftsführer in Schleswig-Holstein. Die Übertragungswege müssten unvoreingenommen aufgeklärt werden.

Zuletzt traten im Winter 2014 Fälle der Vogelgrippe H5N8 in Deutschland auf. Damals waren vor allem Mastbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, aber auch in den Niederlanden betroffen. Als wahrscheinlichster Übertragungsweg wurden 2014 laut Bund die internationalen Handelsströme, insbesondere zu den Massentierhaltungsanlagen in Asien, identifiziert.

Von

dpa

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