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14.01.2012

16:34 Uhr

Vor Italien gekentert

Kreuzfahrtschiff-Unglück fordert drei Tote

In Italien sind bei einem Kreuzfahrtschiff-Unglück mindestens drei Menschen ums Leben gekommen, drei weitere werden noch vermisst. Unter den rund 4200 Mneschen an Bord der „Costa Concordia“ waren auch rund 500 Deutsche.

Havarierte "Costa Concordia": "Wie bei Titanic". dpa

Havarierte "Costa Concordia": "Wie bei Titanic".

Porto ´Santo StefanoEin Kreuzfahrtschiff mit rund 4.200 Menschen an Bord ist in der Nacht zum Samstag vor der Küste der Toskana auf Grund gelaufen und in Schlagseite geraten. Mindestens drei Menschen kamen bei der Havarie der „Costa Concordia“ ums Leben. Ihre Leichen seien bereits geborgen worden, teilte die italienische Küstenwache mit. Drei weitere Menschen wurden zunächst noch vermisst.

Bis zum Nachmittag wurden noch immer 50 Menschen vermisst. Mindestens zwölf Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge verletzt. Mindestens zwei befanden sich in kritischem Zustand. Einige Passagiere seien offenbar in Panik über Bord gesprungen, sagte der Präfekt der Stadt Grosseto, Guiseppe Linardi.

Nach Angaben des Schiffsbetreibers waren 566 Deutsche an Bord. Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse sei keiner von ihnen ums Leben gekommen, sagte Werner Claasen, Sprecher von Costas Deutschland, am Nachmittag Reuters. Möglicherweise seien aber einige von ihnen leicht verletzt. Die Überlebenden seien auf dem Weg nach Rom und würden von dort in ihre Heimat ausgeflogen. Die Gruppe der Deutschen war nach seinen Angaben eine der größten an Bord. Knapp ein Drittel der rund 3200 Passagiere stammten dem Veranstalter zufolge aus Italien, etwa 160 Gäste aus Frankreich. Bei Deutschlands größtem Reisekonzern TUI hatten nach Angaben eines Sprechers 14 Touristen aus der Schweiz Plätze auf der „Costa Concordia“ gebucht. Die Gäste der TUI-Marke Vögele Reisen seien an Land und wohlauf, sagte der Sprecher am Samstag. Auf dem Schiff arbeiteten zudem rund tausend Besatzungsmitglieder.

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Opfer gefunden werden, sagte ein Sprecher der Feuerwehr am Samstag. Offenbar hatten die Einsatzkräfte keinen Überblick über die Passagierlisten. „Das ist ein komplexer Einsatz“, sagte der Polizeichef der nahegelegenen Stadt Grosseto, Giuseppe Linardi. „Vielleicht sind einige Passagiere ins Wasser gesprungen und wurden nicht von den Rettern aufgegriffen, andere haben vielleicht Schutz bei Privatleuten gefunden und sind deswegen noch nicht
identifiziert.“ In der Nacht waren Rettungsboote, Hubschrauber und Schiffe stundenlang mit der Evakuierung des 290 Meter langen Schiffes beschäftigt. Die Feuerwehr habe 40 Helfer im Einsatz, sagte ihr Sprecher Luca Cari am Samstagmittag weiter. „Wir warten noch auf Teams aus Spezialtauchern, die alle Innenräume des Schiffs absuchen sollen.“ Aufnahmen zeigten einen riesigen Riss an der Seite des Schiffes. Es lag auf der Steuerbordseite und etwa zur Hälfte unter Wasser, ohne dass der Schornstein die Meeresoberfläche berührte. Die „Costa Concordia“ werde nicht weiter sinken, betonte die Küstenwache.

Bis zum Mittag lag den Behörden keine vollständige Liste mit den Namen der Passagiere und Besatzungsmitglieder vor, die zum Unglückszeitpunkt an Bord waren. Auch eine vollständige Zählung der Überlebenden stand zunächst noch aus. Man gehe davon aus, dass 3.206 Passagiere und 1.023 Besatzungsmitglieder an Bord waren, sagte Francesco Paolillo von der Küstenwache. Die Identität der Toten blieb zunächst unklar. Es sei nicht geklärt, ob es sich bei ihnen um Mannschaftsmitglieder oder Passagiere handele, sagte Paolillo. Auch zu ihrer Nationalität könne er keine Angaben machen. Hinweise auf deutsche Opfer lagen dem Auswärtigen Amt am Morgen zunächst noch nicht vor. Eine Sprecherin sagte in Berlin, die Deutsche Botschaft in Italien habe einen Krisenstab eingerichtet und zwei Mitarbeiter wollten sich an der Unglücksstelle informieren.

Schiffsunglück vor Toskana-Küste

Video: Schiffsunglück vor Toskana-Küste

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Die „Costa Concordia“ habe „ein Hindernis getroffen, das ein 50 Meter langes Loch in den Rumpf gerissen hat“, sagte Francesco Paolillo von der Küstenwache. Wasser sei eingedrungen, das Schiff habe sich daraufhin zur rechten Seite geneigt. Am Morgen hatte es mehr als 45 Grad Schlagseite. Paolillo sagte, der erste Alarm sei am Freitag gegen 22.30 Uhr eingegangen, etwa drei Stunden nach dem Ablegen des Schiffs von Civitavecchia.

Nach Angaben von Passagieren ereignete sich das Unglück während des Abendessens. „Wir hatten uns gerade zu Tisch gesetzt, als wir diesen lauten Knall hörten“, sagte Maria Parmegiano Alfonsi im italienischen Fernsehen. „Ich denke, wir sind auf einen Felsen aufgelaufen. Es herrschte große Panik, Tische kippten um, Gläser flogen durch die Gegend und wir sind an Deck gerannt, um unsere Schwimmwesten anzulegen.“ Ein anderer Gast sagte: „Der Strom fiel aus und alle schrien laut auf. Alle rannten auf und ab und dann zu ihren Kabinen, um herauszufinden, was passiert ist.“

Auch ein deutscher Passagier beschreibt das Szenario: „Es ging ein Ruck durch das Schiff“, sagte der Deutsche Peter Honvehlmann aus Nordrhein-Westfalen per Telefon der Nachrichtenagentur dpa. „Innerhalb kürzester Zeit bekam es eine Schräglage, so dass die Vasen von den Tischen fielen, von den Tresen fiel alles runter, (...) so ähnlich wie im Film „Titanic“, man hat es nicht geglaubt.“ Der 38-Jährige wurde zusammen mit seiner Frau gleich zu Beginn der Evakuierung von Bord gebracht.

Zunächst seien die Passagiere von einem technischen Defekt unterrichtet worden, sagte Honvehlmann. Die Mannschaft habe versucht, die Leute zu beruhigen. „Dann trieb das Schiff immer mehr auf die Küste zu.“ Die Rettung sei chaotisch gewesen. „Das war die erste Kreuzfahrt in meinem Leben und sicherlich auch die letzte, sowas geht ja gar nicht.“

Neben dem Deutschen Peter Honvehlmann konnte auch ein Großteil der restlichen rund 4.200 Passagiere und Besatzungsmitglieder mit Schlauchbooten vom Schiff gebracht werden, nachdem die „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio in der Region Toskana auf eine Sandbank aufgelaufen war. Als das Kreuzfahrtschiff immer mehr Schlagseite bekommen habe, hätten Hubschrauber die noch etwa 50 an Bord verbliebenen Menschen geborgen, sagte Paolillo. Sie hatten sich nicht mehr in Sicherheit bringen können, weil das Schiff so stark Schlagseite bekommen hatte, dass keine Rettungsboote mehr zu Wasser gelassen werden konnten.

Kommentare (6)

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boxerhandschuh

14.01.2012, 11:10 Uhr

Natürlich, am Freitag, den 13.!!! Der 2. Unfall eines italienischen kreuzfahrtschiffes vor der italienischen Küste. Seltsam, wenn das auch noch derselbe Kapitän wäre. Aber Mitleid mit den vielen Kreuzfahrtgästen und der Besatzung muss man haben. Ein gründliche und vor allem unabhängige Untersuchung, am besten aus dem internationalen Schifffahrtsbereich, sollte dringend stattfinden. Selbst bei starkem Wellengang dürfte dies bei einem Schiff dieser Größenklasse mit allen technischen Ausstattungen nicht passieren. Die Schiffsführung fühlt sich bestimmt in einheimischen Gewässern absolut sicher, kann auf Seekarten und GPS verzichten. Für die italienische Firma Costa mehr Image- als Sachschaden.

RBern

14.01.2012, 12:51 Uhr

Wer ist Peter Honvehlmann? Ich wünsche ihm und auch allen Anderen alles erdenklich Gute.

Account gelöscht!

14.01.2012, 13:06 Uhr

Die Costaschiffe sind wie die meisten anderen modernen Kreuzfahrtschiffe auf maxiamalen Raumgewinn und Komfort für die Gäste erdacht. Letztendlich sind sie durch die vielen Decks (12 oder 13) in ihrem Schwerpunkt zu hoch und damit kenteranfällig. Die Fahrstühle, Treppenhäuser, die zentrale Pianobar und das Theater im Bug der Costa durchziehen das Schiff horizontal über diverse Decks. Eine Wasserabriegelung bei Beschädigung ist damit wie bei der Titanic trotz Schotten realistisch betrachtet in der Praxis fast ausgeschlossen. Auf Deck 4 bis hinauf zu Deck 5 befinden sich die Rettungseinrichtungen. Bei Krängung sind die Rettungsboote auf der einen Seite nur noch schwer einsetzbar, der Zugang zu den Booten auf der anderen Seite ist erschwert, zumal auch die Gefahr besteht, dass die Rettungssuchenden bei einem plötzlichen Kentern des Schiffes unter die Wasseroberfläche gedrückt werden. Die routinemäßigen Rettungseinweisungen der Passagiere besteht im gemeinsamen Sammeln und Anlegen von Rettungswesten - in meinen Augen eine sinnentleerte Notfallübung, die sicherlich den gesetzlichen Vorschriften entspricht, aber wenig Erhellendes für den Fall der Fälle vermittelt. Das Chaos auf dem Schiff in meinen Augen nachvollziehbar. Die Crew unterhalb der Führungsebene ist multinational, wird oft gewechselt, ist in meinen Augen bisweilen mit Vielem an Bord inhaltlich überfordert - vielleicht auch mit der Koordinierung von Rettungseinsätzen - wer weiß... Die nächsten Tage werden hoffentlich nährere Informationen durchsickern. privatvideos auf Youtube wurde allerdings derzeit reihenweise wegen angeblichen Verstößen gegen die Nutzungshinweise gelöscht. Wer das wohl veranlasst hat?

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