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23.12.2014

16:57 Uhr

Weihnachten mit Hartz IV

Ohne Bescherung

2,5 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut. Weihnachten ist für ihre Familien eine schwere Zeit, Geschenke können sie sich kaum leisten. Ein Professor fordert Hilfe aus der Politik: mit einer Kindergrundsicherung

Weihnachten ist für viele arme Familien in Deutschland eine schwere Zeit. Vor allem, weil sie sich keine Geschenke für ihre Kinder leisten können. dpa

Weihnachten ist für viele arme Familien in Deutschland eine schwere Zeit. Vor allem, weil sie sich keine Geschenke für ihre Kinder leisten können.

KoblenzMit ihrer Tochter in der Vorweihnachtszeit durch die Innenstadt zu gehen, fällt Soheila Alikhani schwer. Das Lieblingsziel der Siebenjährigen ist ein Spielzeuggeschäft, aber ihrer Mutter fehlt das Geld an allen Ecken und Enden. „Ich möchte gerne Weihnachten feiern wegen meiner Tochter“, sagt die arbeitslose Iranerin, die vor acht Jahren nach Deutschland gekommen ist. Die Wünsche sprudeln aus dem Mädchen nur so heraus: Eine Puppe, ein Nintendo-Spiel, eine Shrek-Figur, zwei CDs.

Den Puppenwunsch hat ihre Mutter an die Caritas, von der sie betreut wird, weitergegeben. Es war einer von mehr als 500 Wünschen von Bedürftigen, die am Weihnachtswunschbaum im Koblenzer Kundenzentrum der Energieversorgung Mittelrhein hingen. Damit Menschen mit mehr Geld sie erfüllen konnten. Seit elf Jahren organisiert die Caritas laut Sprecher Marco Wagner die Aktion, „um bedürftigen Menschen zu Weihnachten eine besondere Freude zu bereiten.“

Auch in anderen Städten stehen solche Bäume. „Jeder 'gepflückte' Wunschstern ist auch ein Zeichen der Mitmenschlichkeit“, meint Caritasdirektorin Martina Best-Liesenfeld. Auch Christian Zainhofer, Vorsitzender des Kinderschutzbundes Rheinland-Pfalz ruft dazu auf, solche Wünsche zu erfüllen – und sich auch im direkten Umfeld umzuschauen, ob man eine Familie zu Weihnachten unterstützen kann. „Wenn man sieht, dass die nichts haben, kann man so Solidarität in unserer Gesellschaft zeigen.“

Professor Ronald Lutz von der Fachhochschule Erfurt, der zu „Menschen in besonderen Lebenslagen“ forscht, hält Weihnachtswunschbäume indes für „symbolische Politik“. Das helfe zwar den wenigen Menschen, die zufällig davon profitierten. Eigentlich sei es aber nur gut für die, die damit ihr schlechtes Gewissen beruhigten.

Kommentare (10)

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Celo Abdi

23.12.2014, 17:08 Uhr

Der zweite Artikel zu dem Thema in wenigen Tagen. Schade, dass das nur so kurz vor Weihnachten für diese neoliberale Zeitung von Interesse ist.

Wieviel Prozent der Bankenboni oder Hilfen für europäische Pleitebanken bräuchte es, um dieses Problem zu beheben?

Herr Niccolo Machiavelli

23.12.2014, 17:33 Uhr

Die Sozialindustrie drückt wieder auf die Tränendrüsen.

Wir hatten als Kinder damals materiell nur sehr wenig, aber wir empfanden keinen Mangel.

Was heute für Vorstellungen herrschen, da kann ich nur den Kopf schütteln.

Herr Harlem Jump

23.12.2014, 17:53 Uhr

Als Nachkriegskind bekam ich von meiner Mutter einen Mantel aus einer Wolldecke genäht. Stolz lief ich von Tür zu Tür, um dieses "tolle" Geschenk herumzuzeigen. Als mich eine Nachbarin fragte, was denn meine Freundin dazu sagen wird, sagte ich spontan: "Die fällt in Ohnmacht"
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Wir waren damals zufrieden mit dem wenigen, was wir hatten. Ähnliche Zufriedenheit findet man auch immer noch in anderen sehr armen Ländern,z.B. in Asien. Die Menschen sind dort offenbar trotz der Entbehrungen viel glücklicher als wir hier im reichen Deutschland.
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Neben der Bescheidenheit haben die Kinder hier übrigens auch oftmals an Respekt, nicht nur vor den ihnen gewährten Kleinigkeiten, sondern auch vor dem Alter verloren.
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Was die sog. "Armut" angeht, erwarten die Kinder hier mindestens ein iPhone; ansonsten sind Weihnachten "Terror" und Tränen angesagt.
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Sehr traurig, was hier abgeht!

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