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18.01.2008

17:33 Uhr

Weltmeister und Exzentriker

Schachgenie Bobby Fischer ist tot

Ex-Schachweltmeister Robert James Fischer ist tot. Das Schach-Genie aus den USA starb nach langer Krankheit in einem Krankenhaus in der isländischen Hauptstadt Reykjavik - der Stadt, in der er vor über dreißig Jahren seinen größten Triumph feierte.

Bobby Fischer während des Wettkampfs gegen Boris Spasski in Sveti Stefan (damals Jugoslawien) 1992. Wegen dieses Wettkampfs wurde Fischer von den US-Behörden der Bruch des Serbien-Embargos vorgeworfen. Foto: rtr

Bobby Fischer während des Wettkampfs gegen Boris Spasski in Sveti Stefan (damals Jugoslawien) 1992. Wegen dieses Wettkampfs wurde Fischer von den US-Behörden der Bruch des Serbien-Embargos vorgeworfen. Foto: rtr

HB REYKJAVIK. Das Schach-Genie Bobby Fischer ist tot. Der gebürtige Amerikaner, der einst als Wunderkind des königlichen Spiels galt und zwischen 1972 und 1975 Weltmeister war, starb nach Angaben des isländischen Rundfunksenders RUV im Alter von 64 Jahren in einem Krankenhaus in Reykjavik. Weiter hieß es, Fischer sei schon länger schwer krank gewesen. Der als exzentrisch geltende und bis zuletzt immer wieder als Antisemit in Erscheinung getretene Fischer lebte seit 2005 auf der Nordatlantik-Insel.

Fischer sorgte in seinem wechselvollen Leben zunächst als Wunderkind und absoluter Ausnahme-Schachspieler für Schlagzeilen. 1972 entthronte er in einem legendären Titelkampf in Reykjavik den heute 70 Jahre alten russischen Weltmeister Boris Spasski. In seiner Heimat wurde er zu dieser Zeit nicht zuletzt auch als „Held“ im Kalten Krieg gegen die damalige Sowjetunion gefeiert.

Drei Jahre später musste Fischer den WM-Titel an Anatoli Karpow abgeben, weil er sich einfach geweigert hatte, gegen Herausforderer anzutreten. Der Amerikaner tauchte über lange Zeit unter und galt immer mehr als unergründlicher Exzentriker. 1992 setzte sich Fischer über die Serbien-Sanktionen der USA hinweg. Während der Kriege im damaligen Jugoslawien spielte Fischger auf Betreiben eines serbischen Geschäftsmanns ein neues Match gegen seinen alten Rivalen Spasski und kassierte über drei Mill. Dollar Siegprämie.

Danach wurde er polizeilich von den US-Behörden gesucht und entzog sich einer Festnahme, indem er sein Geburtsland fortan mied. Mitte Juli 2005 wurde Fischer auf dem Flughafen Tokio festgenommen und befand sich danach in Auslieferungshaft. Die amerikanischen und japanischen Behörden beschuldigten ihn, mit ungültigem US-Pass gereist zu sein. Hier wie auch anderswo machte Fischer immer wieder „die Juden“ für seine missliche persönliche Lage verantwortlich.

„Das war keine Verhaftung. Es war eine Entführung, die von Bush und Koizumi ausgeheckt wurde“, sagte Fischer nach seiner Freilassung mit Blick auf den US-Präsidenten und den japanischen Regierungschef. Fischer, seine Anwältin und seine Unterstützer hatten sich heftig gegen die Auslieferung an die USA gewehrt: Der Exweltmeister beantragte Asyl, klagte gegen die Einwanderungsbehörde und verzichtete auf die US-Staatsbürgerschaft.

Einer drohenden Auslieferung von Japan entging er schließlich nur, weil ihm Islands Regierung eine permanente Aufenthaltsgenehmigung bewilligte. Der damalige Außenminister Davíd Oddsson erklärte, man habe so viele Exzentriker auf Island, dass „es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommt“. Fischer sorgte nach seiner Ankunft in Reykjavik vor allem mit erneuten antisemitischen Ausfällen für negatives Aufsehen.

Im Sommer 2005 versuchte Spasski, seinen früheren Erzrivalen in dessen isländischem Exil zur Rückkehr ans Brett zu überreden. Der Russe reiste zu dem Zweck eigens an die Stätte ihres großen Duells. Allerdings ohne Erfolg. Fischer spielte seit Mitte der 90er Jahre kein traditionelles Schach mehr.

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