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22.11.2015

09:05 Uhr

Wer singt für Deutschland

ARD bringt sich durch Naidoo selbst in Not

Xavier Naidoo soll nun doch nicht beim ESC für Deutschland singen. Nur wenige Tage nach der Nominierung macht der NDR einen Rückzieher. Das alles sei sehr unglücklich gelaufen, heißt es. Doch wie geht es jetzt weiter?

Der Sänger wird Deutschland nicht beim Eurovision Song Contest vertreten. dpa

Xavier Naidoo

Der Sänger wird Deutschland nicht beim Eurovision Song Contest vertreten.

HamburgARD-Programmdirektor Volker Herres hat dem NDR eine vorschnelle Nominierung Xavier Naidoos für den Eurovision Song Contest 2016 vorgeworfen. „Xavier Naidoo hat mehrfach Äußerungen getätigt, die man nicht gutheißen kann und missbilligen muss“, sagte Herres der „Welt am Sonntag“.

„Ob ihn das als begnadeten Künstler, der er zweifelsohne auch ist, für eine Teilnahme am ESC disqualifiziert, ist eine Frage, die man kontrovers diskutieren kann und muss. Ich hätte es begrüßt, wenn diese Diskussion ARD-intern hätte geführt werden können, bevor mit der Nominierung Fakten geschaffen wurden“, kritisierte Herres. „So ist das alles sehr unglücklich gelaufen.“

Der NDR hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass Naidoo für Deutschland singen soll, ohne dass er sich in einem Vorentscheid gegen andere Kandidaten durchsetzen müsste. Dagegen regte sich heftiger Widerstand. Am Samstag gab der Sender schließlich bekannt, dass der 44-Jährige nun doch nicht antreten wird. Man sei von der Wucht der Kritik an Naidoo überrascht worden.

Xavier Naidoo beim ESC: Ein Kandidat mit seltsamen Ansichten

Xavier Naidoo beim ESC

Ein Kandidat mit seltsamen Ansichten

Xavier Naidoo wird Deutschland beim Eurovision Songcontest 2016 in Stockholm vertreten. Der Sänger gilt manchen als Rechtspopulist und Schwulenhasser. Für die ARD ist das offensichtlich kein Problem.

„Die Nominierungs-Entscheidung liegt beim NDR, der den ESC allein verantwortet und in das ARD-Gemeinschaftsprogramm einbringt“, sagte Herres der Zeitung. „Dort wurde jetzt auch die Entscheidung getroffen, Naidoo als Vertreter Deutschlands beim kommenden Song Contest in Stockholm zurückzuziehen.“

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber hatte den Rückzieher damit begründet, dass die laufenden Diskussionen dem ESC ernsthaft schaden könnten. So schnell wie möglich solle nun entschieden werden, wie der deutsche Beitrag für den Wettbewerb in Stockholm gefunden wird. Schreiber betonte zugleich: „Xavier Naidoo ist ein herausragender Sänger, der nach meiner Überzeugung weder Rassist noch homophob ist.“

Naidoo hat in der Vergangenheit mehrfach für Diskussionen gesorgt. Am Tag der Deutschen Einheit 2014 sprach er vor rechtspopulistischen Reichsbürgern, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen. 2012 rief der Text des Liedes „Wo sind sie jetzt“ von Naidoo und Kool Savas Ärger hervor. Dort geht es in sehr vulgärer Sprache um Kindermorde - Passagen wurden als schwulenfeindlich kritisiert, Homosexuelle würden mit Pädophilen gleichgesetzt.

Der 44-Jährige gab sich nach der Absage kämpferisch. „Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst.“ Er machte gleichzeitig klar, dass der Entschluss, nicht für Deutschland beim Grand Prix zu singen, einseitig gefasst worden sei. „Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das OK für mich.“

ESC: Wie die ARD mit Naidoo plante

Song

Mit welchem Song er am 14. Mai 2016 in Stockholm auf der Bühne steht, entscheiden die Zuschauerinnen und Zuschauer in der Show „Unser Song für Xavier“ am Donnerstag, 18. Februar 2016, um 20.15 Uhr live im Ersten.

Quelle: Informationen vom 19. November 2015

Vorschläge

Einige der renommiertesten deutschen Komponisten und Produzenten werden von Xavier Naidoo und dem deutschen ESC-Team um Song-Vorschläge gebeten. Sechs Lieder schaffen es in die Show. Wenn sie am Ende des Jahres feststehen, werden Film- und Kunsthochschulen aus Deutschland aufgerufen, Inszenierungsideen für die Performance der einzelnen Lieder einzubringen.

Zeitplan

Am 15. Dezember 2015 entscheidet unter Beteiligung von Xavier Naidoo eine Jury aus Musik- und Kompositionsexperten, welche sechs Songs er dem Fernsehpublikum beim deutschen Vorentscheid am 18. Februar 2016 im Ersten präsentiert.

Regeln

Für die Kompositionen gelten die ESC-Regeln: So dürfen die Lieder maximal drei Minuten lang und erst nach dem 1. September 2015 veröffentlicht worden sein. Der Künstler muss live singen. Eine Vorgabe für die Sprache gibt es nicht – Xavier Naidoo könnte ebenso mit einem deutsch- wie z. B. einem englischsprachigen Lied antreten.

Was der Künstler meint

„Ich verspreche, so schön und so gut zu singen wie noch nie in meinem Leben. Ich will in den drei Minuten auf der Bühne zeigen, dass wir auch in Deutschland Musik mit Leidenschaft machen. Und zeigen, wofür ich stehe – für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander.“

Karriere

Xavier Naidoo prägt die deutsche Popmusik seit zwei Jahrzehnten wie kaum ein anderer Künstler. Seine Alben wurden in Deutschland millionenfach verkauft, standen wochenlang an der Spitze der Charts und sind durchweg mit Platin oder Gold ausgezeichnet. Auch in Österreich und der Schweiz sind sie äußerst erfolgreich.

Erfolge

Mit „Dieser Weg“ lieferte Xavier Naidoo 2006 den Soundtrack zum Fußball-Sommermärchen. Den ECHO bekam er bisher sechs Mal, zuletzt in diesem Jahr. Auch den Comet, die Goldene Kamera oder den Deutschen Fernsehpreis erhielt er gleich mehrmals – diesen u. a. 2014 für die TV-Show „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“.

Tournee

Derzeit ist Naidoo mit den Söhnen Mannheims anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Band auf Tour. Im vergangenen Sommer füllte er als Solokünstler die Open-Air-Stadien der Republik.

Engagement

Gesellschaftlich engagiert sich Xavier Naidoo seit vielen Jahren mit dem Verein „Aufwind-Mannheim e.V.“ für sozial benachteiligte Kinder. Er unterstützt regelmäßig zahlreiche soziale Projekte für Menschen in Not, Organisationen wie Amnesty International und Initiativen gegen Diskriminierung, Rassismus und Fremdenhass wie Rock gegen Rechts.

Was die ARD meint

Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator: „Xavier Naidoo ist ein Ausnahmekünstler, der seit knapp 20 Jahren seinen Platz im deutschen Musikleben hat. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, ihn direkt zu nominieren.“ Nur kurz danach zog der Sender seine Nominierung zurück - wegen starker Kritik an dem Sänger.

Von

dpa

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