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10.04.2006

09:37 Uhr

Wirbelsturm

New Orleans fürchtet neue Hurrikan- Saison

Die Schäden des Wirbelsturms „Katrina“ sind noch nicht beseitigt - nun fürchten sich die Bewohner von New Orleans vor der neuen Hurrikan-Saison. Denn es ist ungewiss, ob die beschädigten Dämme, die gerade von US-Heerespionieren repariert oder neu aufgebaut werden, einen ähnlich starken oder noch gewaltigeren Sturm standhalten werden.

HB WASHINGTON/ NEW ORLEANS. Die Stadt werde wieder erstehen und besser geschützt werden, hatte US-Präsident George W. Bush kurz nach dem zerstörerischen Wirbelsturm vom 29. August vergangenen Jahres versprochen. Aber das nehmen ihm in der Region nur noch wenige ab. Denn es ist ungewiss, ob die von „Katrina“ beschädigten Dämme, die gerade von US-Heerespionieren repariert oder neu aufgebaut werden, einem ähnlich starken Sturm standhalten werden, geschweige denn einem noch mächtigeren Hurrikan. Zwei unabhängige Expertengremien, die die Arbeiten begutachten, bezweifeln dies. Die eine Kommission wurde von der Nationalen Wissenschaftsstiftung eingesetzt, die andere vom US-Bundesstaat Louisiana. Beide haben nach eigenen Angaben bei Stichproben festgestellt, dass - wahrscheinlich wegen des enormen Zeitdrucks - zum Teil schlampig gearbeitet und minderwertiges Material verwendet wurde. Außerdem seien manche Damm-Abschnitte, die „Katrina“ zwar standhielten, aber dennoch beschädigt wurden, übergangen worden - zu Gunsten der Reparatur zerstörter Teile.

Ivor van Heerden, Universitätsprofessor für Ingenieurwesen und Leiter des vom Staat berufenen Überwachungsgremiums, folgert daraus, dass die Schutzwälle allenfalls notdürftig geflickt wurden und „keinesfalls“ einen ähnlichen „Test“ wie „Katrina“ bestehen könnten. Alles andere sei Augenwischerei, sagte der Experte unlängst in der „Washington Post“. Vertreter der Heerespioniere widersprachen dem Vorwurf der Schlamperei, räumten jedoch ein, dass wichtige Schritte etwa wie das Testen „schwacher Böden“ unter den Dämmen aus Zeitgründen bis 2007 warten müssten. Zwei der schwersten Brüche infolge von „Katrina“ gab es an Stellen mit lockerer torfartiger Erde unter einem Damm-Fundament.

Insgesamt erstreckt sich das Dammsystem für das größtenteils unterhalb des Meeresspiegels liegende New Orleans und die Umgebung über etwa 560 Kilometer. An dutzenden Stellen wurden große Zementbrocken durch die Wucht der Fluten aus den Schutzwällen gerissen, schwächere Dammteile aus Erde einfach weggeschwemmt. Ein Abschnitt von ungefähr 65 Kilometern wird neu aufgebaut, rund 200 Kilometer werden repariert. Hunderte von Heerespionieren sind im Einsatz, normalerweise erfordern die Arbeiten weitaus mehr als ein Jahr. Doch so viel Zeit haben die US-Soldaten nicht.

Die Menschen in der Region wissen das Engagement zu schätzen. „Ich höre das Hämmern, das Schlagen auf Metall, wann immer ich mein Haus besuchen komme, und ich weiß, sie tun wahrscheinlich, was sie können“, sagt Cara Tutlee. Ihr Zorn richtet sich gegen die Regierung in Washington, die ihre Versprechungen nicht gehalten habe. Die 46- Jährige kommt, um zu sehen, „wo ich Zuhause war“, sie will ihr zerstörtes Heim wieder aufbauen, aber das hängt von den Dämmen ab. Kürzlich gab es eine weitere Enttäuschung: Wie der US-Beauftragte für den Wiederaufbau der von „Katrina“ verwüsteten Gebiete, Donald Powell, mitteilte, reicht die veranschlagte Summe von 3,4 Milliarden Dollar (etwa 2,8 Milliarden Euro) aus dem US-Bundesetat für die Damm- Arbeiten bei weitem nicht aus, um die Wälle so zu verstärken, dass sie Bestimmungen entsprechen, die es Hausbesitzern ermöglichen, sich gegen Überflutungen zu versichern. Das hat höchstwahrscheinlich zur Folge, dass die betroffenen Gebiete weitgehend unbewohnt bleiben. Wie die „New York Times„ berichtete, hat sich das Pionierkorps bei der Kalkulation der Kosten an längst überholten Standards für die Dammstärken orientiert. Zehn Milliarden Dollar, so hieß es nun, wären nötig, um allen Teilen von New Orleans samt den Vororten so viel Schutz vor Überflutung zu bieten, dass sich das Risiko des Wiederaufbaus lohnt - zum Beispiel für die heimatlose Cara Tutlee.

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