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28.01.2009

11:24 Uhr

Zeitungszeugen

Streit über Nachdruck von NS-Zeitungen

VonFerdinand Knauss

Der "Völkische Beobachter", das Propagandablatt der Nazis, darf nicht am Kiosk verkauft werden, auch wenn Historiker den Inhalt einordnen. Die bayrische Landesregierung hat das Projekt "Zeitungszeugen" vorerst gestoppt und bisher veröffentliche Exemplare beschlagnahmt. Die beteiligten Historiker verstehen die Aufregung nicht.

Der Völkische Beobachter darf vorerst nicht mehr verkauft werden. Foto: AP ap

Der Völkische Beobachter darf vorerst nicht mehr verkauft werden. Foto: AP

DÜSSELDORF. Der "Völkische Beobachter" soll nicht am Kiosk erhältlich sein, auch nicht, wenn die frühere Propagandazeitung der Nationalsozialisten in einem Umschlag des Projektes "Zeitungszeugen" mit einordnenden Kommentaren angesehener Historiker steckt. So will es die bayerische Landesregierung, die die Rechte des ehemaligen NS-Verlags Eher hält. Seit vergangenem Wochenende ließ sie mehrere Tausend Exemplare der Nachdrucke beschlagnahmen.

Gegen den englischen Verleger Peter McGee wird nun nicht nur wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht, sondern auch wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, sprich des Hakenkreuzes, ermittelt. McGee wehrt sich: "Wir glauben, die Entscheidung des bayerischen Justizministeriums basiert auf einer inkorrekten Analyse des deutschen Rechts, und deshalb gehen wir dagegen vor", sagte der Inhaber des Verlags Albertas. ,"Zeitungszeugen" ist ein von Historikern unterstütztes Projekt, das einen Blick auf die Medienlandschaft von 1933 bis 1945 werfen will.

Die bayerische Regierung meint, die Verbreitung von NS-Propaganda werde von den Machern von "Zeitungszeugen" billigend in Kauf genommen. Die Beilagen seien aus dem Mantelteil der Zeitung leicht herausnehmbar. Aus dem Zusammenhang gerissen, könnten sie von Neonazis missbraucht werden. Mit dem gleichen Argument widersetzt sie sich auch einer Neuauflage von Hitlers "Mein Kampf".

Das Projekt "Zeitungszeugen" ist dadurch zum Gegenstand eines Streits geworden, der seit Jahrzehnten Historiker und Politiker beschäftigt: Darf man überhaupt, und wenn ja, in welcher Weise, nationalsozialistische Texte nachdrucken? Sind 70 Jahre alte Propaganda-Texte auch heute noch gefährlich für die demokratische Gesellschaft?

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, befürwortet die Beschlagnahme durch die bayerische Justiz. Zwar sei das ein "schwerwiegender Eingriff in die Pressefreiheit", aber "angemessen und gerechtfertigt", denn: "Der zu befürchtende Flurschaden mit diesem untauglichen Feldversuch kann verheerende Auswirkungen haben, die uns gerade im Kampf gegen den aktuellen Antisemitismus und Rechtsextremismus um Jahre zurückwerfen. Das vorliegende Experiment erweist der notwendigen historischen Bildung mit seiner amateurhaften Umsetzung einen Bärendienst, daran ändert auch die Beteiligung von namhaften Historikern nichts." Der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Udo Wengst, hält das Projekt für "ausgesprochen problematisch", es habe mit Forschung nichts zu tun. Vor allem wolle jemand damit auch Geld verdienen. Den Vorwurf kann man allerdings auch jedem publizierenden Wissenschaftler machen.

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