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10.11.2015

19:12 Uhr

Zum Tod des Altkanzlers

Was von Helmut Schmidt bleibt

VonAlexander Möthe

Deutschland hat einen großen Staatsmann verloren, eine wichtige Instanz und einen beispiellosen Querkopf. Helmut Schmidt ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Zehn Dinge, die für immer an den Altkanzler erinnern.

Helmut Schmidt ist tot, die Erinnerung an den Altkanzler bleibt sehr lebendig. AFP

Abschied

Helmut Schmidt ist tot, die Erinnerung an den Altkanzler bleibt sehr lebendig.

Traurigkeit. Auf den Tod des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt sind die Deutschen vorbereitet. Mit 96 Jahren kommt der Tod für niemanden überraschend. Erst recht nicht für einen klaren und sturen Denker, der über sich selbst sagte, er sei über die Zeit. Aber es bleibt Traurigkeit, wie damals, als seine Loki starb. An Schmidt als Kanzler kann ich, Jahrgang 1979, mich nicht erinnern. Kann jemand wie ich einen Nachruf schreiben? Nein. Aber ich weiß, wofür mir Helmut Schmidt im Gedächtnis bleiben wird. Warum ich ihm immer gern zuhörte. Warum ich viel sah und las. Warum jetzt diese Traurigkeit vorhanden ist. Was es zu erinnern gilt.

Die Instanz Helmut Schmidt

Im englischsprachigen Raum gibt es den Begriff des „Elder Statesman“. Weltweit sind diese Damen und Herren, die auch nach dem Ende ihrer politischen Laufbahn eine Autorität bleiben, eher rar gesät. Jimmy Carter wäre da unter den US-Präsidenten zu nennen, Michail Gorbatschow in Russland. Für Deutschland blieben Hans-Dietrich Genscher, Rita Süssmuth und leider nicht mehr Helmut Schmidt. Ein trauriges Jahr, in dem die Bundesrepublik in Richard von Weizsäcker und Schmidt gleich zwei seiner prägenden politischen Instanzen verloren hat. Während mir Helmut Kohl, der Kanzler meiner kompletten Jugend, immer fremd blieb, sah ich schon früh zu Schmidt und von Weizsäcker auf.

Helmut Schmidt hat es auch drei Jahrzehnte nach Ende seiner Kanzlerschaft verstanden, nicht moralinsauer und nur sporadisch erhobenem Zeigefinger in aller Deutlichkeit zu kritisieren, was seiner Meinung nicht passte. Und mit seiner Meinung lag er schon zu Zeiten als Bundeskanzler häufig unangenehm richtig. Er sprach nur dann, wenn die Worte Gewicht hatten. Im Alter wurde Schmidt zwar zusehends bärbeißiger. Doch seine schneidenden Kommentare werden untersetzbar bleiben.

Helmut Schmidt – ein Nachruf: Eine Legende ist geboren

Helmut Schmidt – ein Nachruf

Eine Legende ist geboren

Helmut Schmidt ist gestorben und die Vergleiche können gar nicht groß genug sein: Der Lotse geht von Bord. Der Welterklärer verstummt. Der Altkanzler hat für jeden von uns etwas anderes bedeutet. Was bedeutet er für Sie?

Die Sturmflut

Wie ein Fels in der Brandung stand er dort, der Innensenator Hamburgs. 1962 versank die Metropole in einer Flutkatastrophe. Einer reagierte: Helmut Schmidt. Eigenmächtig weitete er Kompetenzen aus und ließ Beziehungen spielen. Innerhalb kürzester Zeit packten Soldaten der Nato und der Bundeswehr mit an, verstärkten Deiche, evakuierten, halfen. Es war nicht von der Verfassung gedeckt. Aber es rettete Hunderten das Leben. Schmidt erwarb sich in dieser Zeit den Ruf als Mann, der tat, was getan werden musste. Und sich nicht darum scherte, welche persönlichen Konsequenzen es hatte. Chapeau.

Der Nato-Doppelbeschluss

Ein Begriff, der sehr sachlich ist. Man fragt sich, warum dieser Punkt eine Erinnerung wert sein soll. Die Antwort ist: weil er womöglich die Welt gerettet hat. Frieden sichern durch Aufrüsten. So absurd es klingt, die maßgeblich vom Kanzler Helmut Schmidt forcierte Vereinbarung, zunächst den militärischen Status quo mit der Sowjetunion zu sichern, trug maßgeblich dazu bei, dass der Kalte Krieg in den 1980er-Jahren nicht mehr eskalierte. Und leitete die atomare Abrüstung ein. Die Transparenz der Zerstörungskraft führte zu Kontrolle. Schmidt revidierte damit den Standpunkt, den er über Jahrzehnte vertrat. Und legte durch den Passus, dass die Aufrüstung zwingend mit gegenseitigen Gesprächen verbunden sein müsse, den Grundstein für die Mitte der 1980er beginnende atomare Abrüstung. Dank Schmidt konnte ich den Fall der Mauer und nicht den Fall Europas miterleben.

Der Rauch

Rauchen gefährdet ihre Gesundheit. Helmut Schmidt ist als Kettenraucher bald 97 Jahre alt geworden. Es gehörte zum Altkanzler, es war eine Selbstverständlichkeit. So selbstverständlich, dass für Schmidt selbst die großflächig verhängten Rauchverbote keine Anwendung fanden. Er rauchte in Fernsehstudios, bei öffentlichen Auftritten. Reyno Menthol, seit Ewigkeiten. 2013 soll er noch, als die EU Menthol-Zigaretten verbieten wollte, 200 Stangen seiner Lieblingsmarke gebunkert haben. Die Zigaretten, sie waren vielleicht das, worüber Schmidt seinen Ruhepol fand. Was ihm Gelassenheit und Nerven aus Stahl schenkte. Selbst als militanter Nichtraucher hätte ich mir gewünscht, er hätte noch ein paar Stangen mehr aufbrauchen können. So unbeirrbar wie irgend möglich.

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Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:
+ Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen.
Von Gabor Steingart
+ „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte.
Von Hans-Jürgen Jakobs
+ Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner.
Von Sven Afhüppe
+ Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht.
Von Arnulf Baring

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Der Stil

In den Büroräumen unseres Ressorts hängt ein Foto von Helmut Schmidt. Teils aus Personenkult, teils aufgrund der beachtlichen Aussagekraft der Fotografie. Das Bild wurde 1970 aufgenommen. Der legendäre Düsseldorfer Werber Charles Wilp setzte den damaligen Bundesverteidigungsminister gekonnt in Szene. Grauer Anzug, Einstecktuch, eine Hand in der Hosentasche und bei aller Seriosität ein angedeutetes Lächeln – herrlicher Ansporn für Redakteure, die sich auch mit Mode und Lifestyle befassen. Schmidt war keiner, der „Großkopferten“, der zwingend einen dunklen Anzug brauchte, um Eindruck zu schinden und das entsprechende Gewicht zu vermitteln. Eine Stilikone? Immerhin trug mein Großvater, der es bei der Sparkasse zu höheren Weihen brachte und nie in Verdacht stand, den Sozialdemokraten nahe zu stehen, seit dieser Zeit den akkurat sitzenden Schmidt’schen Haarscheitel. Und die passenden Anzüge nebst gestreifter Krawatte. Nicht nur für Sozis ein Vorbild.

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