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21.01.2005

12:00 Uhr

Ausstellungstipp

Der Picasso unter den Fotografen

VonInge Hufschlag (Handelsblatt)

Das Düsseldorfer „NRW-Forum“ zeigt die farbenprächtigen Bilder von Guy Bourdin, dem Konkurrenten von Helmut Newton

Ein Foto für das Modemagazin "Vogue".

Ein Foto für das Modemagazin "Vogue".

Er kippte Farbe ins Meer, bis es für ihn blau genug war. Er ließ Steckdosen bluten. Und er steckte schon vor vielen Jahren ein paar zwölfjährige Mädchen ins Bett für ein Werbemotiv – Guy Bourdin, „der Picasso unter den Fotografen“, wie ihn Petra Wenzel nennt, Organisatorin seiner Ausstellung im Düsseldorfer „NRW-Forum“.

Bourdin faszinierte die Ausstellungsmacher schon bei ihrer Recherche im Pariser Archiv des Modemagazins „Vogue“. „Guy Bourdin lieferte sich seinerzeit mit Helmut Newton ein Wettrennen um die tollsten Modestrecken. Ich möchte sagen, Bourdin hat gewonnen“, sagt Mitorganisator Wolfgang Lippert.

Das Rennen hat Bourdin vor allem mit einer legendären Kampagne für den Schuster Charles Jourdan gemacht. Es war eine Marathonstrecke über 22 Jahre. Da tritt eine Frau in grasgrünen Schuhen einem am Boden liegenden Gangster auf jene Hand, die gerade einen Revolver ergreifen will. Darüber leuchtet am Times Square die Kinoreklame: „Incredible Sex Revolution“.

Bourdin überfährt uns mit dem Motiv gefesselter Frauenbeine auf Bahngleisen – die Beine enden in Charles-Jourdan-Schuhen. Oder er wirft die Mannequins auf einen Schutthaufen wie Mordopfer. Zu sehen sind nur verrenkte Glieder und die schicken Schuhe. Im Hintergrund eine Frau in einer Telefonzelle.

Der Mann – beeinflusst von dem US-Fotografen Man Ray und Beeinflusser von Kollegen wie Mondino, der sein Werk als „Albtraum in Technicolor“ bezeichnete – hatte keine Angst vor Brüchen, Aggressionen, Provokationen, Absurditäten.

Ein Polaroid-Probefoto, wie es Fotografen immer wieder während ihrer Arbeit zur Kontrolle machen und dann abfällig in die Ecke werfen, wird bei Bourdin zum zentralen Blickfang geadelt. Da wirkt dann auch noch spannend, wie das Model dem Betrachter den banal-blassen Abzug wie einen Schutzschild vor den eigenen Blößen entgegenhält.

Die Werke Bourdins sind verstörend und betörend, auch noch 13 Jahre nach seinem Tod. Ein Revolutionär mit der Kamera war er in den 60er-, 70er-Jahren, als bei seinen Kollegen das einzige Scharfe an ihren Fotos der Knopf am Chanel-Jäckchen war.

Sex als Verkaufshilfe? Sicher. Aber Bourdin biedert sich damit nicht an, sondern hält Distanz, indem er irritiert und ironisiert, manchmal sogar schockiert. Von ihm faszinierte Fotografen-Kollegen der Jetztzeit verstehen ihn auch anders: „Da ging es nicht um Sex, das war Surrealismus.“ Die Düsseldorfer Ausstellung – dritte Station nach dem Victoria and Albert Museum in London und dem Jeu de Paume in Paris – zeigt mehr als 40 Farbabzüge, hauptsächlich in den 70er-Jahren in der französischen „Vogue“, in „Marie Claire“ oder „20 ans“ erschienen. Dazu Super-8- Filme, eine Dia-Präsentation, aber auch private Schwarzweißfotos, die nicht weniger überraschen: Baumreihen, Rinden-Reliefs, Blattstrukturen. In diesen eher hintergründigen Motiven ruhte sich der Revolutionär wohl aus.

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