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15.06.2016

08:47 Uhr

Mein Leben im Baumhaus – Fazit

Ich brauche fast nichts, um glücklich zu leben

VonVera Münch

Fünf Wochen hat Handelsblatt-Volontärin Vera Münch das Leben im Baumhaus und in einem Hausboot ausprobiert. Mit Konsequenzen: Sie gibt ihre Wohnung auf und zieht in einen VW Bus um – mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit.

Baumhaus - Videoblog Teil 9

Der letzte Tag im Baumhaus

Baumhaus - Videoblog Teil 9: Der letzte Tag im Baumhaus

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DüsseldorfIch bin dankbar. Fünf Wochen lang durfte ich dem Wohnalltag entfliehen und etwas ganz Neues ausprobieren. Ich verbrachte einen Monat in einem Baumhaus in Berlin-Zehlendorf und anschließend noch eine Woche auf einem Hausboot in der Rummelsburger Bucht, ebenfalls in der Bundeshauptstadt.

Ich wollte wissen, was dran ist an der romantischen Vorstellung des neuen Trends: minimalistisch und in der Natur leben. Ich wollte wissen, welche Auswirkungen das auf mich, mein Wohlbefinden und meine Lebensqualität hat. Und ich habe gelernt: Wenn man die Natur um sich hat, dann braucht man weder viel Platz noch viel Besitz.

Nachdem ich automatisch mehr Zeit in der Natur verbracht habe, fühlte ich mich ausgeglichener denn je. Ich wollte nach der Arbeit nicht in der Innenstadt bleiben oder abends ausgehen. Nach Feierabend empfand ich schnell ein Urlaubsgefühl – eine Art Vorfreunde, in das kleine Baumparadies zurückzukehren.

Die verschiedenen Baumhaus-Modelle

Das Spiegel-Baumhaus

Der Mirror Cube von Andreas Wenning steht inmitten der Weinberge von Heilbronn. Der Bremer Architekt verwirklichte dieses Projekt im Jahr 2015. Das Spiegel-Domizil hat eine Terrasse auf fünf Metern Höhe und einen Meter darüber befindet sich die quadratische Baumhauskabine. Das Baumhaus selbst steht auf einem Stahltagwerk, während die Terrasse durch Seilaufhängungen auf einer Kiefer zu Hause ist. Die Fassade besteht aus hochspiegelndem Edelstahl. Innen ist es gemütlich, mit Sofaflächen, Elektrizität und Heizung.

Das größte Baumhaus der Welt

Das größte Baumhaus der Welt befindet sich in Crossville, Tennessee (USA). Erbauer Horace Burgess behauptet, den Auftrag zum Bau des Hauses von Gott persönlich erhalten zu haben. Seit 1993 hat er daran gebaut und über 250.000 Nägel darin versenkt. Das Haus wird durch sechs Eichen getragen. Es hat zehn Stockwerke und eine Gesamtfläche von mehr als 3000 Quadratmetern. Im „The Minister’s Treehouse“ findet man einen Basketballplatz, ein Penthouse und sogar eine Kirche mit eigener Glocke. Gewicht: eine halbe Tonne.

Restaurant in den Wipfeln

Für eine Werbekampagne der Neuseeländischen Gelben Seiten wurde in einem Mammutbaum ein exquisites Baumhaus-Restaurant gebaut. Das tropfenförmige Lokal thront in zehn Metern Höhe und ist mit zehn Metern Durchmessern und zwölf Metern Höhe ein echter Hingucker. Die Architekten Peter Eising und Lucy Gauntlett entschieden sich für einen über 60 Meter langen Zugangssteg. Das Restaurant in Auckland kann bis zu 18 Gäste bewirten, im unteren Bereich befinden sich Küche und Toiletten.

Das flexible Baumhaus

Die Cambium GmbH aus dem Allgäu möchte mit dem ErlebNest möglichst vielen Menschen den Traum vom Baumhaus ermöglichen. Allerdings nur für die Freizeit. Das modulare Konzept besteht aus einer Lounge, die mit Schlafmodulen ergänzt werden können. Die Baumnester erreicht man über die Lounge, die man über eine Leiter mit Fallschutznetz sicher erreichen kann. Die Nester sollen ein Aufenthaltsort zum Lesen und Träumen sein, fernab vom Alltag. Laut Cambium bietet die Lounge genügend Platz für ein romantisches Candle Light Dinner.

Wohnen im Märchenparadies

Über airbnb lässt sich ein Aufenthalt im Märchenparadies nahe am Meer buchen. Cornwall ist sowieso bekannt für Romantik. Neben dem „Tree Sparrow House“ gibt es Zigeunerwägen und eine Märchenhütte. Das Baumhaus sitzt in zwei Metern Höhe auf einer Esche und bietet einen Blick auf Land und auf die Falmouth Bucht inklusive Sonnenuntergang über den benachbarten Obstgärten.
Das Haus ist mit Elektrizität und Heizung ausgestattet, es hat ein Doppelbett, sowie eine Küche und Sitzbereich, ein Waschbecken mit kaltem Wasser und eine Toilette.

Die Baumhaus-Kommune

Mitten im Regenwald von Costa Rica befindet sich die Selbstversorger Baumhaus-Kommune Finca-Bellavista. Sie wurde 2005 von Erica und Matt Hogan gegründet, um eine große Fläche Regenwald zu schützen. Mittlerweile zählt die Kommune rund 30 Baumhäuser mit verschiedenen Architekturen. Einwohner und Gäste können hier den Regenwald erkunden und ein Leben zurück in der Natur erleben. Berge und Flüsse mit Wasserfällen bieten Abwechslung. Den Gründern ist wichtig, dass das Bewusstsein für die Natur und die Verbindung zur Erde beim Aufenthalt geachtet wird. „Dies ist ein heiliger Grund“, heißt es auf der Webseite.

Die Freigeist-Kugel

In Vancouver, Kanada findet man die einzigartigen Baumhaus-Kugeln von „Free Spirit Spheres“, um die Natur auf besondere Weise zu erleben. Die Kugeln sind nach dem Biomimikry-Prinzip gebaut. Bedeutet, die Architektur der Natur wird als Vorbild genommen, um nachhaltiges Wohnen zu ermöglichen. Die Kugeln wurden Nüssen nachempfunden, die Befestigungstechnik wurde bei den Spinnen abgeguckt. Die Häuser haben einen Durchmesser zwischen 2,80 und 3,20 Metern und sind ausgestattet mit Bett, Schränken und einem Waschbecken.

Fünf Sterne Luxus im Baum

Die Tsala Treetop Lodge in der Plettenberg Bay in Südafrika ist nur etwas für Luxusliebhaber. Vom ursprünglichen Baumhausfeeling ist hier nicht mehr viel zu spüren. Das Hotel ist mitten im Wald mit einer Aussicht über das ganze Tal. Zehn Baumsuiten und sechs Baumhäuser sprühen vor Glanz und Glamour. Sie sind aus Stein, Holz und Glas konstruiert und haben bis zu zwei separate Schlafzimmer, einen Kamin, ein großes Badezimmer und einen eigenen Infinity-Pool. Dazu gibt es natürlich einen Zimmerservice, falls man nicht im zugehörigen Edelrestaurant dinieren möchte. Natürlich darf in Südafrika auch der Weinkeller nicht fehlen.

Permanent war ich umgeben von frischem Grün und frischer Luft, und begegnete vielen Tieren: Vögeln, Eichhörnchen, Enten, Schwänen und sogar einem Waschbären. Stundenlang konnte ich ihnen zuschauen, ohne dass mir langweilig wurde. All das verursachte in mir ein Gefühl von innerer Ruhe und Ausgeglichenheit.

Selbst das Wäsche waschen von Hand hatte etwas Meditatives. Ich brauchte keinen Fernseher, ließ den Computer öfters aus und las stattdessen ein Buch - entweder draußen an der frischen Luft oder vor dem Kaminfeuer auf dem Hausboot. Mein Lebensstil passte sich sehr schnell an die Wohnweise an: Ich benötigte weniger Klamotten und kochte – mangels Lagerraum - nur noch frisch.

Und doch, diese Lebensform scheint nicht für jedermann den gleichen Effekt zu haben. Ein guter Freund aus Dänemark kam für ursprünglich acht Tage zu Besuch, suchte jedoch nach nur vier Nächten vorzeitig das Weite. Er bekam einen Lagerkoller. Auch meine Arbeitskollegen fanden die Art und Weise zwar spannend, konnten sich aber schwer vorstellen, dauerhaft so zu wohnen.

Was mich gestört hat? Nicht vieles. Zwei Nächte habe ich gefroren im Baumhaus, denn die Dämmung ist nicht vergleichbar mit einem normalen Haus. Aber: Mit einer Wärmflasche konnte ich da schnell Abhilfe schaffen. In der ersten Nacht auf dem Hausboot wurde ich durch die ständigen Bewegungen seekrank – daran hatte ich mich allerdings schnell gewöhnt.

Während meines Aufenthalts in Berlin habe ich mich viel mit alternativen Wohnweisen beschäftigt – und war erstaunt, wie viele Menschen mittlerweile umschwenken und mit minimalem Besitz zurück in die Natur zurück wollen. Auch an mir ging die Zeit nicht spurlos vorbei. Ich weiß jetzt: Ich brauche fast nichts, um glücklich zu leben. Deshalb habe ich meine Wohnung in Düsseldorf gekündigt und mir stattdessen einen VW Bus gekauft.

Nun bin ich dabei, meinen Hausstand aufzulösen. Jeder Gegenstand, der meine Wohnung verlässt, stärkt mein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Mir wird bewusst, wie viel ich besessen und nie benutzt habe. Nur deshalb hatte ich eine so große Wohnung: Um Dinge zu lagern, die ich nicht brauche. Das ändert sich jetzt. Ab Juli ziehe ich in mein mobiles Wohnzimmer um, gehe auf Europareise und werde zum Digitalnomaden. Denn: Schreiben kann ich von überall.

Im Videoblog berichtete Vera Münch in regelmäßigen Abständen von ihren Wohnerfahrungen in den Baumwipfeln und auf dem Wasser. Parallel dazu hat sie sich in einer Artikelreihe mit alternativen Wohnarten im Bereich Minimalismus und Natur beschäftigt.

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