Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2016

14:54 Uhr

Mein Leben im Baumhaus – Teil 6

Arbeiten und Aussteigen

VonVera Münch

So stellen sich viele das Leben im Camper vor: unabhängig sein, die Freiheit genießen, jederzeit den Wohnort wechseln können, wenn es einem nicht mehr passt. Was aber bedeutet es tatsächlich?

Gabriele und ihr Mann leben seit 2015 zwar nicht in diesem, aber in einem Camper. dpa

Leben im Camper

Gabriele und ihr Mann leben seit 2015 zwar nicht in diesem, aber in einem Camper.

BerlinGabriele hat mit ihrem Mann beschlossen, alles hinter sich zu lassen und in einen Camper umzuziehen. „Die Reaktionen in Familie und Bekanntenkreis sind sehr unterschiedlich, von Neid und Bewunderung bis hin zu völligem Unverständnis”, schreibt sie in ihrem Blog auf lebenimwohnmobil.eu.

Auslöser für diese Entscheidung war die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung für die mittlerweile 52-Jährige im Jahr 2007. Keine Therapie oder Reha half, daher wurde sie 2009 zur Frührentnerin. Seit 2015 reisen ihr Mann Joachim und sie durch die Republik, Wohnung und Hausstand haben die beiden komplett aufgegeben.

Seit ich meinen Selbstversuch „Leben im Baumhaus“ in Berlin gestartet habe, stelle ich fest, wie viele Menschen sich nach alternativen Wohnformen umschauen. Sie sind wie ich auf der Suche nach dem Gefühl von Freiheit und mehr Ausgeglichenheit. Deshalb häufen sich in Deutschland Fälle wie der von Gabriele Remscheid.

Würden Sie gerne in einem Baumhaus wohnen?

Leben im Camper ist der Aussteigertraum vieler Menschen. Egal ob jung oder alt, dieser Lebensstil erfüllt die Sehnsucht nach Freiheit und die Abenteuerlust. Auch die Anzahl der Digital Nomads, also Menschen, die von unterwegs und online arbeiten, wächst. Warum bis zur Rente warten, wenn man auch vorher schon ortsunabhängig sein kann?

Laut einer Info-Grafik von „I am Digital“ ist der Anteil von Telearbeit zwischen 2005 und 2012 um 80 Prozent gestiegen. Im Internet finden sich zahlreiche Ratgeber und Tipps zum Reisen im Camper und zum Leben als Digitalnomade. Die Webseite wirelesslife.de gibt einen kompletten Überblick über die besten Orte weltweit für das Arbeiten von unterwegs, inklusive Lebenshaltungskosten und Internetverfügbarkeit/ - qualität. Auch der Staat macht es einem nicht so leicht, denn der Wohnsitz muss an einem festen Ort in Deutschland angemeldet sein.

Verrücktes Wohnen

Wohnen im Zug

Warum noch Miete zahlen oder ein Auto besitzen, wenn es sich doch bequem im Zug leben lässt? Mit einer Bahncard 100 ist das in Deutschland kein Problem – solange man irgendwo einen Wohnsitz gemeldet hat. 3.800 Euro im Jahr entspricht einer Miete von 320 Euro im Monat, grenzenlos Reisen in Deutschland inklusive. Das Duschen lässt sich bei Freunden oder bei der Familie erledigen. Allerdings muss man schon die Eigenschaft mitbringen überall schlafen zu können, denn wirklich bequem sind die Zugsitze nicht.

Wohnen in der Wüste

Die Beduinen machen es seit Jahrhunderten vor. Wer braucht schon einen festen Wohnsitz mit fließendem Wasser. In der Wüste ist es tagsüber wahnsinnig heiß und nachts bitterkalt. Dennoch leben allein in der Sahara etwa drei Millionen Menschen. Die meisten von Ihnen an den Rändern oder in Oasen. Wichtig ist, sich mit langer Kleidung vor der Sonne zu schützen. Ein Wüstenbewohner verliert im Durchschnitt circa 15 Liter Salzwasser am Tag durch Schwitzen. Und trotzdem finden viele dieses Leben absolut befreiend und sind fasziniert von der Lebensweise und Traditionen der Beduinen.

Wohnen im Container

Es gibt ungefähr 30 Millionen Seefrachtcontainer aus Stahl auf diesem Planeten. Sie sind acht Fuß (2,43 Meter) breit und entweder 20 Fuß (6,10 Meter) und 2300 Kilogramm schwer oder 40 Fuß (12,19 Meter) mit 3900 Kilogramm schwer. Diesen Standard gibt es seit 1956. Die Kosten, Container wieder zurück an ihren Herkunftsort zu schicken, sind hoch. Deshalb stehen sie oft ungebraucht in Häfen herum. Sie sind deshalb für Selbstabholer günstig zu erwerben. Einen wind- und wasserdichten Container bekommt man je nach Größe zwischen 1800 und 2200 Euro. Allerdings sollte man aufpassen, denn oft sind die Container mit Spritzmitteln oder Stahlfarbe verpestet. Mehr und mehr Menschen entdecken die Container als günstige Bau- und Wohnform und werden dabei äußerst kreativ. Ein großer Container bietet immerhin eine Wohnfläche von 30 Quadratmetern.

Wohnen im Berg

Wohnen wie die Fledermaus? Warum nicht? Auf den kanarischen Inseln gibt es mehrere Unterkünfte, die direkt in den Berg gebaut sind. Ganz speziell ist das Örtchen Chinamada. Die Menschen leben hier in Höhlen, die als Häuser getarnt sind. Direkt hinter der Hausfassade fängt der Berg an. Die Bewohner lieben ihre Behausung. Sie fühlen sich sicher. Egal ob Sturm oder Unwetter: Die Höhle bietet optimalen Schutz. Und der Ausblick über die ganze Insel ist überwältigend.

Wohnen im Wald

Der ehemalige Golflehrer Mark Freukes zog im Januar 2014 in den Wald. Ein Tipi in einem abgelegenen Teil des Odenwalds wurde sein neues Zuhause. Er wollte ausprobieren, mit wie wenig man wirklich auskommt, und welche Auswirkungen das Leben in der Natur auf das eigene Wohlbefinden hat. Er eignete sich die Fertigkeiten und das verlorengegangene Wissen von Naturvölkern an, um Elemente des modernen Lebens mit der Ursprünglichkeit des Menschseins zu verbinden. Er hat ein Handy und einen Laptop um zu arbeiten. Sein Geld verdient er durch Bücher, Vorträge und Lesungen sowie mit Kursen für Hobbyaussteiger, die seinen Lebensstil wochenweise ausprobieren möchten.

Wohnen im Iglu

Wer denkt, die Eskimos wohnen in Iglus, der dürfte jetzt enttäuscht sein. Eskimos bauten Iglus immer nur als Schutzhütten auf der Jagd, wenn sie von schlechtem Wetter überrascht wurden, oder es nicht mehr rechtzeitig vor der Dunkelheit nach Hause schafften. Die Inuit wohnten schon immer in Behausungen aus Holz, Treibgut, Tierknochen und –häuten. Wer sich trotzdem den Spaß vom Wohnen im Iglu gönnen möchte, der kann das im Urlaub tun. Mehrere Anbieter in Europa bieten moderne Unterkünfte aus Eis im Eis an. Authentisch ist das allerdings nicht.

Wohnen unter Wasser

Der Designer und Visionär Phil Pauley beschäftigt sich mit der Idee von Lebensraum unter Wasser. Erste Unterwasserhotels und Restaurants gibt es bereits, doch der Londoner geht viel weiter. Seit über 20 Jahren plant er ganze Unterwasserstädte um Lösungen für das exponentielle Bevölkerungswachstum zu bieten. Seine Unterwasserstadt hat einen Durchmesser von 350 Metern und bietet ein Zuhause für 100 Personen. Sie kann auf- und abtauchen, und bietet Flächen zum Anbau von Nahrungsmitteln, aber auch Bereiche zur Unterhaltung. Bisher existiert die Stadt nur am Computer, denn einen Investor hat Pauley noch nicht gefunden.

Wohnen auf dem Flughafen

Wer denkt, das gibt es nur im Film, der hat sich getäuscht. Geschichten von Menschen, die auf Flughäfen wohnen, wie Tom Hanks in „The Terminal“ gibt es immer wieder. Ein Deutscher machte 2012 Schlagzeilen, als er sich für den Flughafen Göteborg-Landvetter bei der Wahl seines neuen Zuhause entschied. Der damals 27-Jährige hatte einen Koffer dabei, als er landete und blieb dann einfach im Terminal für Inlandsflüge wohnen. Er hatte kein Geld und war auf die Hilfe von Reisenden angewiesen, die ihm Getränke und Essen spendierten.

Seit 2009 betreiben Steffi und ihr Mann Olaf Mitkowsky das digitale Nomadentum. Sie leben gemeinsam mit ihrem Hund in einem ausgebauten Lkw und sind hauptsächlich zwischen Brandenburg und der Algarve in Portugal unterwegs. Die beiden wollten unterwegs und unabhängig sein. Sie betreiben den Reiseblog keine-eile.de und haben noch ein paar andere Projekte, mit denen sie in die Selbständigkeit gestartet sind.

Ausschließlich romantisch ist das Leben nicht, wie die beiden jetzt nach ein paar Jahren Erfahrungen sagen. Auch wenn die Freiheit erstklassig ist, es gibt keine Heimat und kein Haus mehr, wohin man zurückkehren und mal Kraft auftanken kann. Die drei leben auf neun Quadratmetern, der Platz ist sehr begrenzt, vor allem wenn das Wetter nicht so mitspielt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×